Medizinische und zahnmedizinische Versorgung in Schottland – zwei Beispiele

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Reaktionen auf ein staatliches Gesundheitswesen

Dass der britische National Health Service dringend reformbedürftig ist, weiß man. Die Regierung plant Maßnahmen, und die Krankenhäuser und Zahnarztpraxen gehen auf ihre Weise mit den Unzulänglichkeiten des Systems um, wie bei einem Besuch von deutschen Journalisten in Edinburgh an zwei Beispielen deutlich wurde. Eine Fortsetzung unseres Berichts aus zm 19/2000.

Im September stellte die Parlamentarische Staatssekretärin im britischen Gesundheitsministerium, Gisela Stuart, in Deutschland einen grundlegenden Plan für die Reformierung des britischen Gesundheitswesens vor. In dem Papier “The NHS Plan, a plan for investment, a plan for reform” geht es um eine grundsätzliche Reform des maroden staatlichen National Health Service (NHS). Es handelt sich um Dinge wie eine Erhöhung der Investitionsmittel im Krankenhausbereich, die Schaffung neuer Stellen, geänderte Vertragsbedingungen für Ärzte, die Verkürzung der Wartezeiten für Patienten oder die Schaffung eines auf drei Jahre angelegten Modernisierungsfonds.

Dass etwas mit dem britischen Gesundheitswesen geschehen muss, liegt schon lange auf der Hand. Staatlicher Dirigismus und Planwirtschaft verbunden mit Kontrollen und einem harten Budget führen zu Problemen, für die es gilt, langfristige Lösungen zu finden. Ein Ansatz zu mehr Effizienz und Kostenersparnis sind zum Beispiel vernetzte Strukturen. Wie das im Krankenhausbereich funktioniert, davon konnten sich rund 20 deutsche Journalisten auf einer von Bundeszahnärztekammer und Kassenzahnärztlicher Bundesvereinigung organisierten Pressefahrt nach Edinburgh vor Ort ein Bild machen. Den Organisatoren ging es vor allem darum, die Journalisten dafür zu sensibilisieren, welche Folgen eine permanente Budgetierung im Gesundheitswesen haben kann..

Das ehrwürdige Edinburgher Universitätskrankenhaus Royal Infirmary Hospital, in dem der Krankensaal noch existiert, in dem Florence Nightingale seinerzeit aufopfernd ihre Patienten pflegte, bot den Journalisten prototypisches Anschauungsmaterial. Beispiel: Krankenhaus-Notaufnahme. Hier werden rund 92000 Patienten pro Jahr medizinisch erstversorgt. Ein erster Eindruck bei der Ortsbesichtigung verfestigte sich im Verlauf des Besuchs: Alte Räumlichkeiten, ein Krankensaal mit 20 Betten, die durch Vorhänge mit Mustern aus den sechziger Jahren in Parzellen abgetrennt sind, ein Notoperationsraum, der auf den ersten Blick altmodisch anmutet. Es kann vorkommen, dass ein Patient mit Knochenbruch drei Stunden oder länger warten muss, bis er an der Reihe ist. Der Eindruck einer Notversorgung von vorgestern entstand jedoch trotzdem nicht. Denn dafür sorgen modernste Gerätschaften und Ausrüstungen: die medizinische Versorgung der Patienten im Edinburgher Royal Infirmary Hospital geschieht auf dem neuesten Stand von Technik und Wissenschaft.

Ein Trust wird gebildet
Das Krankenhaus hat seit einem Jahr eine neue Organisationsstruktur. Zusammen mit zwei anderen Hospitälern der Region hat man sich zum “Lothian University Hospitals NHS Trust” zusammengefügt, um die Patientenversorgung zu verbessern, vor allem die Wartelisten zu reduzieren und eine effizientere Finanzierung zu erzielen.

Dr. Charles Swainson, Ärztlicher Direktor, zog vor den Journalisten ein vorläufiges Fazit, nach einem Jahr der Trust-Stuktur. “Wir haben vor allem ein sogenanntes kulturelles Problem”, fasst er zusammen. Es gelte, drei Hospitäler, die vorher in Konkurrenz zueinander gearbeitet haben, zu einer Zusammenarbeit zu bringen und zu motivieren. Dem Trust, in dem rund 8000 Beschäftigte, darunter 535 Ärzte, arbeiten, ist nicht erlaubt, defizitär zu arbeiten. Jährlich stehe ein Budget zur Verfügung, das, so Swainson, zwar nicht ausreiche, das man aber dank Einsparungen im Bereich der Verwaltung und beim Bettenabbau nicht überschritten habe. So verfüge man über 1900 Betten, vor zehn Jahren waren es noch 600 mehr. Die durchschnittliche Verweildauer von Patienten betrage vier bis fünf Tage, vor zehn Jahren waren es noch zehn bis elf Tage. Von großem Vorteil ist laut Swainson, dass die Diagnosen wesentlich schneller durchgeführt werden können.

Für die Ärzte ist von Vorteil, dass die Bezahlung innerhalb des Trusts einer Bonusregelung unterzogen ist. Es gibt Anreize für die jenigen, die “ihren Job gut gemacht haben”, und diese Kollegen können zu ihrem jährlichen Gehalt, das zwischen 48000 und 62000 Pfund pro Jahr beträgt, noch 3000 Pfund dazu verdienen. Hinzu kommt die Möglichkeit, privat zu praktizieren, eine Option, die in England populärer ist als in Schottland. Und die Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten für Ärzte sind hervorragend.

Eine typische schottische Zahnarztpraxis
Szenenwechsel: eine Zahnarztpraxis in Musselburgh, einem kleine Ort vor den Toren von Edinburgh. Hier praktiziert Dr. Thomas A. Timmons zusammen mit fünf weiteren Kollegen in einer Praxisgemeinschaft. Es handelt sich um eine typische gutgehende schottische Praxis im Einzugsbereich einer Großstadt. Pro Tag werden dort 35 bis 40 Patienten behandelt, berichtete Timmons den deutschen Journalisten. Der Zeitplan in der NHS-Praxis, in der auch privat behandelt wird, ist sehr eng.

Das hat folgenden Hintergrund, wie Alastair MacLean, schottischer Sekretär der British Dental Association (BDA) informierte. Die NHS-Zahnheilkunde funktioniere nach dem Prinzip “hohes Volumen und niedrige Gebühr pro Leistung”. Um ein angemessenes Einkommen zu erzielen, muss die Zahl der Patienten hoch sein. “Dies kann zu einer Mentalität der Qualitätsminderung führen, sowohl bei Zahnärzten wie bei Patienten, und zwar vielleicht nicht zu einem Qualitätsabfall in bezug auf Zahnbehandlung, sondern bei der Investition in die Praxis, so dass die Ausrüstungserneuerung und die Einstellung und Ausbildung von Personal nicht so gut sind, wie sie sein sollten.”

Die NHS-Zahnheilkunde ist streng geregelt und die Gehälter sind landesweit einheitlich, unabhängig davon, wo die Praxis liegt oder wieviel Erfahrung der Zahnarzt mitbringt. So beträgt das durchschnittliche Einkommen eines Zahnarztes laut Angaben der BDA 80000 Pfund (Schätzung für das Jahr 2000), die jährlichen Unterhaltungskosten einer durchschnittlichen Praxis betragen 50000 Pfund.

O-Töne waren gefragt: Dr. Charles Swainson, Ärztlicher Direktor des Hospitals (l.) stand Rainer Ulbrich, Bayrischer Rundfunk, und Birgit Becker vom Deutschlandradio Nord Rede und Antwort

Wie viele andere britische Kollegen praktiziert Timmons auch privat. Angeboten wird das gesamte Spektrum der Zahnheilkunde nach dem neuesten Stand der Wissenschaft. Die Privatbehandlung kann zusätzlich oder als Alternative zur NHS-Behandlung angeboten werden. Der Zahnarzt bespricht mit dem Patienten die Möglichkeiten und vereinbart mit ihm, ob die Behandlung privat sein soll und zu welchen Kosten.

Ein Blick in die Krankenhaus-Notaufnahme: der Notoperationsraum.

Die Zunahme der Zahl von Privatpraxen hat sich im Vereinigten Königreich beschleunigt, seit die Honorare der Zahnärzte vom Staat 1992 beschnitten wurden. Fehlende Investitionen von staatlichen Geldern für NHS-Zahnarztpraxen haben dazu geführt, dass eine Anzahl von Zahnärzten den NHS verlassen. Das Resultat ist ein Mangel an NHS-Zahnärzten, so dass es für einige Patienten schwierig ist, in bestimmten Gebieten des Landes eine NHS-Zahnbehandlung zu erhalten. Deshalb hat die britische Regierung jetzt ein Notprogramm aufgestellt, damit Patienten problemlos einen NHS-Zahnarzt finden können (vgl zm 20/2000, Seite 92).

Weg vom NHS
Die Zahnärzte verlassen den NHS, so die BDA, nicht aus ideologischen Gründen, sondern, weil es ihnen immer schwerer fällt, den Patienten einen akzeptablen Standard zu bieten, nach dem bestehenden Gebührensystem genügend Zeit für jeden Patienten aufzuwenden und gleichzeitig eine gut gehende Praxis aufrecht zu erhalten. Nur durch erhöhte Privatbehandlung sind viele Zahnärzte in der Lage, in neue Technologie und Ausrüstungen für ihre Patienten zu investieren.

Einige Fakten über die zahnärztliche Versorgung im NHS



29951 Zahnärzte sind im Vereinigten Königreich im Register eingetragen (Stand: 1. Januar 1999)
Davon arbeiten rund 21600 als allgemein-praktizierende Zahnärzte im NHS
Die British Dental Association vertritt über 19000 Zahnärzte auf allen Gebieten ihres Berufs. Dazu gehören Zahnärzte in der allgemeinzahnärztlichen Behandlung, dem zahnärztlichen Gemeindedienst, den Krankenhäusern, der Privatpraxis, den zahnärztlichen Fakultäten, dem Militär und den Studenden der Zahnmedizin.
Es gibt rund 10000 NHS-Zahnarztpraxen n Jeder Zahnarzt hat im Durchschnitt 1499 Patienten auf seiner Liste (England und Wales, September 1999)
Rund 28,5 Millionen Patienten sind bei den Allgemein-Zahnärzten im Vereinigten Königreich eingetragen, davon acht Millionen Kinder.
Über eine Million Patienten haben eine Privatversicherung für Zahnbehandlung.
BDA

Der Eindruck der Praxis von Timmons und seinen Kollegen bestätigt das. Das Ambiente mag zwar für deutsche Augen etwas altmodisch anmuten, aber die Praxisausstattung ist vom Modernsten und die Patienten nehmen das private Leistungsspektrum gut an, wohlwissend um dessen Vorteile, wie Timmons erklärt. Im Gegensatz zu Ärzten erhielten Zahnärzte nur wenig direkte finanzielle Hilfe vom NHS, was die Kosten für Personal, Räumlichkeiten und Praxisausrüstung betrifft. Es koste ungefähr 25000 Pfund, um eine Praxis nach dem heutigen Stand einzurichten.

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