Die Discounter rücken an allen Fronten vor

by
 
 
Die Discounter kommen
es schreibt der neue Merkur:
VON HENNING ZANDER
 

PREISKAMPF: Sonderangebote für rezeptfreie Medikamente sind schon heute erlaubt.
Foto: Markus scholz/ Argu

Die Kunden von Bernd Stange sind preisbewusst. Eine ältere Dame fragt den Apotheker nach einer Körpermilch. „Ich würde gerne wissen, was das bei Ihnen kostet“, sagt sie und schaut Stange erwartungsvoll an. Er nennt den Preis und fügt hinzu: „Das ist deutlich günstiger als bei der Konkurrenz.“ Die Dame nickt zufrieden. Mehr will sie erst einmal nicht wissen. Vielleicht kommt sie später wieder.

Bernd Stange betreibt seit Anfang März die erste DocMorris-Partnerapotheke in Berlin. Statt des roten „A“ prangt in den Räumen in Pankow nun überall ein grünes Kreuz, das Logo des holländischen Medikamentenversenders. Zwei Apotheken gibt es in der direkten Nachbarschaft. Bei der einen heißt es, man bediene nicht dieselbe Zielgruppe. Bei der anderen möchte man nicht mit dem Konkurrenten verglichen werden. „Wir sind kein Discounter, wir setzen auf Beratung.“

DocMorris ist bei den alteingesessenen Apothekern unbeliebt. So unbeliebt, dass das Bundeskartellamt am Mittwoch vor einer Woche die Büros der Apothekerverbände Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Thüringen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg durchsucht hat. Sie sollen angeblich zum Boykott des Pharmalieferanten Gehe aufgerufen haben. Gehe gehört zum Celesio-Konzern, der DocMorris vor knapp drei Monaten übernommen hatte. „Die Vorwürfe sind völlig unbegründet“, sagt Thomas Bellartz, Sprecher der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). Noch sind die Ermittlungen nicht abgeschlossen. Sicher ist allerdings, dass die Apotheker kein Interesse haben, über Arzneimittel-Einkäufe gleichzeitig den Konkurrenten DocMorris zu stärken.

Warten auf ein Urteil

Noch sind die Apotheker durch das deutsche Recht vor Markenketten geschützt. Denn es gilt die Einschränkung, dass ein Apotheker lediglich bis zu vier Apotheken besitzen darf. Auch der Fremdbesitz, also die Eröffnung einer Apotheke etwa durch einen Kaufmann oder eine Kapitalgesellschaft, ist verboten.

Marken wie DocMorris können dieses Verbot nur durch Franchise-Konstruktionen umgehen. Doch die Gesundheitsbranche steht unter Zugzwang. Zum einen wird politisch Druck gemacht, Kosten zu reduzieren, zum anderen drohen große Ketten, alteingesessene Anbieter aus dem Markt zu drängen. Derzeit erörtert der Europäische Gerichtshof in Luxemburg, ob das deutsche Apothekenkettenverbot mit europäischem Recht vereinbar ist. Langfristig rechnen Experten allerdings mit der Öffnung des deutschen Gesundheitsmarktes.

Große Pharmahandelskonzerne wie Celesio, Phoenix oder Alliance Boots beobachten sehr gewissenhaft die Entwicklung auf dem deutschen Markt und treiben sie wie im Fall Celesio mit der Übernahme von DocMorris selbst voran. Sie sind breit aufgestellt und setzen auf die Integration der verschiedenen Handelsstufen Großhandel, Einzelhandel und sonstige Dienstleistungen. Damit soll das Geschäft möglichst wirtschaftlich gestaltet werden. Indem Zwischenhändler entfallen, können sie Medikamente günstiger verkaufen. Mit ihrer Finanzkraft wäre es ihnen ein Leichtes, sich schnell auf dem deutschen Markt zu positionieren.

Die Öffnung des Gesundheitsmarktes werde früher oder später zwangsläufig kommen, sagt Jens Spahn, CDU-Abgeordneter des Bundestages und Mitglied des Gesundheitsausschusses. „An einer Liberalisierung ist im Prinzip nichts auszusetzen. Allerdings muss sie in geordneten Bahnen erfolgen; die heute selbstständigen Apotheker müssen eine faire und gleichberechtigte Chance haben.“ Niemandem wäre damit geholfen, die Entscheidung über die Art und Weise der Öffnung allein dem Europäischen Gerichtshof zu überlassen. Die Grenzen der Liberalisierung seien dann erreicht, wenn etwa Pharmaunternehmen über Ketten in ihren Apotheken nur noch eigene Produkte verkauften und kein Vollsortiment vorhielten. „Es muss auch gewährleistet werden, dass die ländlichen Gebiete weiterhin versorgt werden“, sagt Spahn. Auch die Frage des Notdienstes müsse in der gesetzlichen Grundlage geklärt sein. „Ausländische Ketten müssten hierzu genauso verpflichtet sein wie die nationalen Einzelapotheker“, so Spahn.

Statt sich jedoch auf eine Diskussion über eine mögliche kontrollierte Öffnung des Marktes einzulassen, schaltet die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände auf stur. „Mit dem Markt, so wie er jetzt ist, ist eine optimale Versorgung der Bevölkerung gewährleistet“, sagt ABDA-Sprecher Thomas Bellartz. Der Gesetzgeber solle daher nicht den Fehler machen, im vorauseilenden Gehorsam eine Gesetzesänderung anzustreben. Eine behutsame Öffnung des Marktes auch für Ketten hält der Verband nicht für erforderlich.

Ganz so perfekt allerdings schneiden auch die Einzelapotheken in der Beratung ihrer Kunden nicht ab. Gerade im Bereich der verschreibungsfreien Medikamente kämen die Apotheker ihren Verpflichtungen nicht immer nach, sagt Stefan Etgeton von der Verbraucherzentrale Bundesverband. Mögliche Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten bleiben in der Beratung häufig unerwähnt. Eine völlige Öffnung des Marktes fordert Etgeton allerdings nicht. „Bei Ketten kann es dazu führen, dass letztendlich Kapitalverwertung vor den fachlichen Interessen steht“, warnt Etgeton. Der Einzelapotheker hingegen trage für sich allein die Verantwortung. Er muss sich letztendlich gegenüber dem Kunden rechtfertigen, wenn die Qualität nachlässt.

Nahversorgung ist wichtig

Gerhard Riegl vom Institut für Management im Gesundheitsdienst in Augsburg steht den Ketten kritisch gegenüber. Vor allem denen, die sich der Discountphilosophie verschrieben haben: „Wer sein Geschäft als Discount betreibt, muss in jeder Hinsicht sparen.“ Alles, was Kosten verursache, vom Mobiliar bis zum Personal, müsse auf ein Minimum reduziert werden, wenn man den Discountgesetzen entsprechen wolle, sagt Riegl. Sich als Apotheker an Preiskämpfen zu beteiligen sei nicht ratsam. Denn: „Jeder Preis kann unterboten werden.“

Schon jetzt sind Kaufgemeinschaften unter Apothekern keine Seltenheit, um günstigere Konditionen bei Großhändlern zu bekommen. Allerdings bezweifelt Riegl den Sinn, sich als Apotheker einer Marke anzuschließen. „Im Regelfall sind Apotheken für die Nahversorgung zuständig“, sagt er. Deshalb müsse man eine Marke im eigenen Viertel werden. Denn Vorteile gegenüber einer Kette seien persönliche Betreuung und Beratung.

Umstrittene Qualität

DocMorris-Apotheker Stange bestreitet, dass die günstigen Preise zulasten der Beratung gehen. „Als Partnerapotheke habe ich lediglich Einkaufsvorteile beim Großhändler“, sagt Stange. Knapp 400 Produkte aus dem DocMorris-Sortiment hält er vor. Er ist billiger als die Konkurrenz, um bis zu 30 Prozent liegen seine Preise unter den unverbindlichen Preisempfehlungen der Hersteller. Doch ist ein Medikament ein Produkt wie jedes andere? Spielt es wirklich keine Rolle, dass man die Gesundheit der Kunden zum Spielball von Preiswettkämpfen macht? Und auf der anderen Seite: Ist nicht der sich abzeichnende Preiswettkampf in Zeiten knapper Kassen zu begrüßen?

Das Discounterphänomen und die damit verbundene Diskussion ist nicht auf DocMorris und die Apotheken begrenzt. Prominentes Beispiel ist das im vergangenen Jahr gegründete Franchise-Unternehmen McZahn. Die Kette lockt mit dem Spruch: „Zahnersatz zum Nulltarif“. Behandlungen sollen nicht mehr kosten, als die Kasse bezahlt, Kronen und Gebisse kommen aus China. Ob die Kette ein Erfolg wird, ist zurzeit noch ungewiss. Erst zwei Filialen haben ihre Arbeit aufgenommen, obwohl bis 2009 knapp 300 geplant sind.

Die hohen Erwartungen sind zum Teil an nicht genügend vorhandenen großen Praxen und zum Teil an nicht erteilten Genehmigungen gescheitert. Denn die Kassenzahnärztlichen Vereinigungen zweifeln an der gesetzlich vorgeschriebenen unbedingten Unabhängigkeit der Zahnärzte. Im Rahmen ihrer Franchise-Verträge müssen diese nach vier Jahren 45 Prozent ihres Umsatzes an McZahn abgeben.

Dass allerdings die Kronen und Gebisse nicht der gewohnten deutschen Qualität entsprächen, hat sich bislang nicht bestätigt. „Ketten sind dazu gezwungen, ein hohes Maß an Qualitätssicherung zu betreiben“, sagt Verbraucherschützer Stefan Etgeton. Denn ein schwarzes Schaf werde immer auch gleichzeitig den gesamten Konzern in Misskredit bringen.

Bernd Stange ist weiterhin von seiner Entscheidung, sich DocMorris anzuschließen, überzeugt. Seit März habe sich die Kundenfrequenz in seiner Apotheke verdoppelt, sagt er. Drei neue Mitarbeiter habe er eingestellt. „Die Marke hat Zugkraft“, so Stange. Ganz in DocMorris aufgehen will er allerdings nicht. Seine zweite Apotheke im Berliner Bezirk Pankow bleibt eine ganz normale Kiezapotheke.

Die Großen der Branche

Alliance Boots betreibt in Großbritannien etwa 1500 Apotheken. Weitere 400 verteilen sich auf die Länder Norwegen, Niederlande, Thailand, Irland, Italien und die Schweiz. Der Konzern ist erst Ende Juli 2006 aus einer Fusion der Apothekenkette Alliance Unichem mit dem Drogeriekonzern Boots entstanden. Die Gruppe hat im vergangenen Geschäftsjahr 14,6 Milliarden britische Pfund (etwa 21,7 Milliarden Euro) umgesetzt.

Celesio hat rund 2100 eigene Apotheken. Zum Konzern gehören unter anderem die Marken DocMorris, aber auch Lloyds Pharmacy. Im vergangenen Jahr setzte die Gruppe 21,6 Milliarden Euro um. Die Apotheken waren mit etwa 3,2 Milliarden Euro beteiligt. Der Großteil der Erträge stammt aus dem Großhandel (17,5 Milliarden Euro). Celesio ist in 16 Ländern vertreten und beschäftigt mehr als36 000 Menschen.

Der Pharma-Großhändler Phoenix kooperiert mit der britischen Apothekervereinigung Numark. Damit hat er Einfluss auf knapp 1700 Partnerapotheken in Großbritannien. Die Unternehmenstochter Tamro ist Eigentümerin der größten norwegischen Apothekenkette Apokjeden mit mehr als 200 Filialen. Zur Gruppe gehören darüber hinaus Ketten in den baltischen Republiken. Phoenix beschäftigt knapp 20000 Mitarbeiter bei einem Jahresumsatz von 19,9 Milliarden Euro.

Walgreens ist eine der größten amerikanischen Ketten. Der Konzern betreibt 5461 Filialen in 48 US-Bundesstaaten und Puerto Rico. Diese sind nicht auf Arzneien und Drogerieartikel beschränkt. Unter anderem werden Kontaktlinsen verkauft und Fotos entwickelt. Walgreens setzte 2006 rund 47,4 Milliarden Dollar (34,3 Milliarden Euro) um. Insgesamt arbeiten für Walgreens 195000 Menschen.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s


%d bloggers like this: