Archive for November 19th, 2007

Rückzug: Hülsmann und die Rentnerbravo

November 19, 2007

aus einem Forum „Pfusch“ bei der Wurzelkanalbehandlung?

In eigener Sache

In jüngster Vergangenheit erschienen zweiBerichte in der Presse, die sich mit der Qualität der endodontischen Versorgung in Deutschland befassen („Apotheken Umschau“ vom November 07: „Gefahren in der Tiefe“, WELT-online vom 12.1107: „Große Defizite bei Wurzelbehandlungen“), in denen telefonische Äußerungen teilweise falsch, unvollständig oder sinnentstellend wiedergegeben wurden. Im Falle des WELT-online-Artikels (nachzulesen auf der homepage der aget: <http://www.aget-online.de/>www.aget-online.de) wurde nicht mitgeteilt, dass es sich um die Grundlage eines Artikels handele, es hieß, „es ginge um ein paar Fragen zum Beitrag der „Apotheken Umschau“. Da diese, im Weiteren teilweise nur unvollständig zitierten und überlieferten Beiträge zu einigen Diskussionen geführt haben und unter anderem die Forderung nach Standesverfahren und Entzug der Prüfungsgenehmigung nach sich zogen (R. Osswald vom BVAZ), sollen im Folgende einige Sachverhalte klar gestellt werden:  * In beiden Hintergrundtelefonaten zu den genanten Artikeln ging es primär darum aufzuzeigen, dass mit heutigen Mitteln und Methoden viele Zähne erfolgreich endodontisch behandelt und somit Extraktionen und kostspielige Implantationen/prothetische Versorgungen vermieden werden können. Dies war auch die Intention des Berichtes in der Apotheken Umschau und wurde dort auch so vermittelt. * Die Tatsache, dass mehrere (!) epidemiologische Querschnittsstudien in Deutschland aus den 90er Jahren nachgewiesen haben, dass 30-60% der wurzelkanalgefüllten Zähne mit einer Parodontitis apicalis assoziiert waren, lässt sich anhand der Literatur belegen und kann anhand einer Literaturübersicht aus der Zeitschrift „Endodontie“ aus dem Jahre 1996 überprüft werden, die auf der homepage der aget (<http://www.aget-online.de/>www.aget-online.de) eingestellt wird. (Quelle: Hülsmann M: Epidemiologische Daten zur Endodontie III. Bundesrepublik Deutschland, ehemalige DDR und abschließende Diskussion. Endodontie 1996; 5(1): 51-62). Dieser Hinweis stand aber zu keinem Zeitpunkt im Mittelpunkt der Gespräche. * Nicht wiedergegeben wurde der Hinweis, dass ähnliche Daten für zahlreiche andere Länder vorliegen (s. Tabelle Epidemiologie) * Es wurde darauf hingewiesen, dass es auch Studien gibt, die unter teilweise optimaleren Bedingungen als in der Kassenpraxis Erfolgsquoten von 80-90% beschreiben. * Ich habe auf Nachfrage des dpa-Korrespondenten dargestellt, dass die meisten epidemiologischen Daten aus den 90er Jahren stammen, wir aber in Göttingen zurzeit unsere damalige Studie wiederholen. Die Auswertung ist noch nicht abgeschlossen, worauf ich ebenfalls mehrfach hingewiesen habe. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt liegen allerdings keine Hinweise auf eine signifikante Veränderung/Verbesserung der Situation vor. * Ich werde richtig zitiert, dass ich in diesem Zusammenhang nicht von Pfusch sprechen will und werde, dies wird mir momentan von Teilen der Presse in den Mund gelegt und von Teilen der Kollegenschaft offenbar unterstellt. Ich habe lediglich von „nicht optimalen Behandlungen“ gesprochen und die biologischen Ursachen des Misserfolges hervorgehoben (Zurücklassen von Bakterien, nicht ausreichende Spülwirkung). Ich habe ebenfalls versucht, soweit dies in einem kurzen Telefonat möglich ist, die Schwierigkeiten und Probleme einer Wurzelkanalbehandlung zu schildern (einschließlich des Hinweises auf die völlig unzureichende Honorierung!). Dies findet sich im Artikel leider nicht so wieder, wie es dargestellt wurde und wird als Fehlbehandlung der Zahnärzte dargestellt. * Natürlich habe ich auch darauf hingewiesen, dass eine der Grundlagen für den Erfolg die Einhaltung bestimmter Qualitätsstandards in Bezug auf Präparation und Desinfektion (Spülung) des Wurzelkanals ist. Die gegenwärtigen Erfolgsquoten zeigen m. E., dass hier durchaus noch Verbesserungen möglich sind (Gesamtkonzept, Spülprotokolle, Kofferdam, Fülltechniken). Die zahlreichen Kolleg-inn-en, die in den letzten Jahren Fortbildungen, Arbeitskurse, Tagungen, Curricula besucht haben oder Zeitschriften wie beispielsweise die „Endodontie“ abonniert haben, werden bestätigen, dass sich im Bereich der Endodontie in den letzten 10 Jahren viel verändert hat, was häufig umfangreiche Konzeptänderungen für die eigene Praxis nach Besuch solcher Kurse und Veranstaltungen nach sich zieht. * Dass alle Misserfolge auf Fehler der Kolleg-inn-en zurückzuführen sind, was die Möglichkeit einer 100%igen Erfolgsquote unterstellt, ist natürlich unsinnig und unrichtig und wurde von mir niemals so behauptet; dies würde nebenbei auch dem vorhergehenden Hinweis auf anatomische und mikrobiologische Probleme widersprechen. Im Gegenteil habe ich in einem weiteren Beitrag für die „Endodontie“ versucht, den „90%-Mythos“ etwas differenzierter (und realistischer) zu betrachten (Hülsmann: Eine vergleichende Bewertung aktueller Studien zur Erfolgsquote endodontischer Behandlungen. Endodontie 2005; 14(3): 231-251). * Selbstverständlich führen viele Kolleg-inn-en auch unter den extrem schwierigen Bedingungen einer Kassenpraxis endodontisch hochwertige und teilweise exzellente Behandlungen mit zufrieden stellenden Erfolgsquoten durch. Gerade in den letzten Jahren hat es zudem außerordentliche Anstrengungen vieler Kolleg-inn-en gegeben, die eigenen endodontischen Fähigkeiten und Qualifikationen zu verbessern, was sich natürlich nicht sofort in einer verbesserten Erfolgsbilanz niederschlägt. Unsere Patienten brauchen also auch weiterhin keine Angst vor endodontischen Maßnahmen zu haben oder sich diese durch Pressedarstellungen einreden zu lassen. * Es muss aber dennoch möglich sein, die augenfällige Diskrepanz zwischen dem in der Endodontie maximal Erreichbaren, dem vernünftigerweise zu erzielenden/anzustrebenden/zu erwartenden Standard und der derzeitigen nicht zufrieden stellenden Versorgungssituation kritisch darzustellen und zu diskutieren. In diesem Zusammenhang habe ich auf bestimmte anerkannte Standards der endodontischen Behandlung hingewiesen, wie sie beispielsweise in der Stellungnahme „Good Clinical Practice“ der DGZMK zusammengefasst sind. Ich habe weiterhin auf die Möglichkeit hingewiesen, die Behandlung durch entsprechend weitergebildete, spezialisierte und zertifizierte, besser ausgerüstete Kolleg-inn-en vornehmen zu lassen, wie sie sich beispielsweise in einem entsprechenden Verzeichnis auf der aget-homepage finden. Ich habe nie behauptet, dass nur Spezialisten gute Wurzelkanalbehandlungen durchführen können und werde dies auch nie tun! Ich bin allerdings der Meinung, dass die teilweise doch sehr komplexen Probleme der Endodontie (Perforationen, Revisionen, stark gekrümmte oder blockierte Wurzelkanäle) in bestimmten Fällen durch Kollegen mit entsprechendem Fachwissen und Equipment besser gelöst werden können als unter den Bedingungen der Allgemeinpraxis. Für den Kollegen, der den vierten Wurzelkanal nicht findet, der altes Füllmaterial einmal nicht vollständig entfernen kann, dem eine Perforation zu groß oder unzugänglich oder eine anatomische Situation zu komplex erscheint, diesem Zahnarzt wird ein Kollege, der diese Probleme mit seinen Spezialkenntnissen und seiner Spezialausrüstung besser, schneller und Erfolg versprechender lösen und somit eine Extraktion vermeiden kann, sicher eine große Unterstützung sein. Der u. U. immense Nutzen für den Patienten kommt selbstverständlich hinzu! Genauso wenig wie jeder Kollege jeden chirurgischen Eingriff vornehmen kann, genauso wenig kann er jede endodontische Situation beherrschen. Das bedeutet nicht, dass endodontische Behandlungen nur noch von Spezialisten oder nur noch unter dem Mikroskop vorgenommen werden sollten. * Es sollte in der Diskussion daher auch bedacht werden, ob und wie durch die Förderung der Spezialisierung der Standard der endodontischen Versorgung in Deutschland deutlich verbessert werden kann. Auf die umfassenden Versuche der Kollegenschaft, sich durch Teilnahme an Tagungen und Curricula, durch Mitarbeit in Verbänden wie dem VDZE oder den Study-Groups der AGET fortzubilden, habe ich ebenfalls (im dpa-Fall vergeblich) hingewiesen.

Göttingen, 19.11.2007 M. Hülsmann Vorsitzender der AGET

Advertisements