Archive for December 18th, 2007

der Realitätsbeauftragte

December 18, 2007

angeblich hat die katholische Kirche nun einen Realitätsbeauftragten eingestellt

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Habilitationskriege Part II: Nach 25 Jahren (Krieg?) endlich habilitiert

December 18, 2007

Eine Frage der akademischen Ehre  – so beschreibt  Hermann Horstkotte in Spiegel online den vierteljahrhundertlichen Kampf eines Mediziners gegen die Uni Münster:

25 Jahre lang prozessierte der Mediziner Walter Laabs gegen die Uni Münster, um habilitiert zu werden – pünktlich mit Erreichen der Pensionsgrenze ist es ihm gelungen. Was er nun davon hat: eine späte Genugtuung. Eine schmucke Urkunde. Und garantiert keine Professur.

Walter Laabs war immer ein Außenseiter, er mochte sich nicht wie seine Kollegen in den Münsteraner Unikliniken vom Assistenz- bis zum Oberarzt hochdienen. Auf akademische Meriten wollte der streitbare Arzt dennoch nicht verzichten – er strebte den Professorentitel und die Ernennung zum Hochschullehrer für Chirurgie an. Zu diesem Zweck reichte Laabs, medizinischer Direktor des Rehazentrums Wilhelmshaven, bereits 1981 eine “experimentelle Studie am Großtier” über Knochenheilung als Qualifikationsschrift ein.

Hart erstrittenes Schriftstück: De Habilitationsurkunde von Laabs

Hart erstrittenes Schriftstück: Díe Habilitationsurkunde von Laabs

Was dann passierte, ist skurril und ein ganz eigenes Stück Hochschulgeschichte. Ein sattes Vierteljahrhundert lang ersann die medizinische Fakultät der Universität Münster immer neue Tricks, um die Habilitation von Laabs zu durchkreuzen – zunächst offiziell aus Qualitätsgründen, dann trotz Nachbesserungen immer wieder. Seit 1977 machte die Fakultät die Habilitation von Externen, also von Ärzten, die außerhalb der Münsteraner Uni arbeiteten, formell davon abhängig, ob diese “erwünscht” seien oder eben “kein Bedarf” bestehe.Der eigenwilligen Idee vom geschlossenen Club schoben aber Richter des Verwaltungsgerichts Münster einen Riegel vor. Sie hoben das erste Njet der Fakultät und viele weitere Neins immer wieder auf und erklärten die Anforderungen für erfüllt.

Indes fand die Fakultät reichlich Kniffe, um das Verfahren zu verzögern. So ließen die Mitglieder des Habilitationsausschusses den Kollegen im Mai 2004 in der mündlichen Prüfung durchrasseln. Der Kandidat sei nicht auf dem neuesten Wissensstand, seine Ausführungen beruhten auf Erkenntnissen aus den frühen achtziger Jahren – nicht direkt überraschend nach der Verschleppung über 23 Jahre.

Habilitation durch Gerichtsbeschluss

Die Richter gaben abermals Laabs Recht und verpflichteten die Fakultät, endlich die Prüfungsurkunde auszustellen. In einer Urteilsbegründung von Ende 2004 sparten sie nicht an deutlichen Worten: Der Habilitierungsausschuss habe das Verfahren “in rechtswidriger Weise” fast ein Vierteljahrhundert hinausgezögert und Laabs so die Möglichkeiten beruflichen Fortkommens vorenthalten (Aktenzeichen: 10 K 871/02).

Erstmals in der deutschen Hochschulgeschichte wurde damit eine Habilitationsschrift allein durch Gerichtsbeschluss angenommen.

Die Urkunde stellte Dekan Heribert Jürgens schließlich Anfang Februar, vier Tage vor dem Urteil im Berufungsverfahren, aus. Laabs ist inzwischen 65 Jahre alt und pensioniert. Am Ende hat er sein Ziel also formell erreicht. Nach rund einem Dutzend Prozesse hält der Mediziner die ersehnte Urkunde in der Hand – anfangen kann er mit dem neu erworbenen Titel aber nicht mehr allzu viel.

Die Beton-Fakultät knickte wohl aus Angst vor möglichen Schadenersatzforderungen des Habilitanden ein, wegen der torpedierten Karriere als Uniprofessor. Sie bestand aber auf einer Kompromissvereinbarung. Laabs musste vor Empfang der Habilitationsurkunde schriftlich versprechen, dass er gegen die Uni “keine weiteren Ansprüche aus seiner Habilitationsangelegenheit machen wird”.

Fauler Westfälischer Friede

Jutta Reising, Pressesprecherin der Universität Münster, erklärt: “Die Fakultät, die ohnehin keinen Cent zu viel hat, wollte ein weiteres Urteil und damit womöglich drohende Schadenersatzansprüche von Herrn Laabs vermeiden. Das ist mit der Habilitation unsererseits und der Verzichtserklärung seinerseits gelungen.”

Mit dem Kompromiss schreibt der ungewöhnliche Fall weiterhin Universitäts- und Rechtsgeschichte. Denn noch nie war Schadenersatz für mögliche Einkommenseinbußen – der Universitätsprofessor verdient ja meist mehr als der Dr. med. – ein ernsthaftes Thema in den Dutzenden von Habilitationsprozessen der vergangenen Jahrzehnte. Seit dem Fall Laabs steht das Finanzrisiko für die Hochschule jedoch künftig immer mit auf der Tagesordnung von Hochschullehrerprüfungen.

Dekan Jürgens bestand noch auf einer weiteren Bedingung: Laabs verzichtet “altershalber” auch darauf, an der “Fakultät lehren zu wollen”. Der Deal sieht also ungefähr so aus: Du kriegst von uns die Habilitation, wenn du uns nicht ins Portemonnaie fasst und dich gefälligst vom Campus machst.

Der Kleinkrieg um den Titel lässt vergessen, zu welchem Zweck die Habilitation eigentlich dient – vor gut hundert Jahren wurde sie eingeführt, um die Qualität von Forschung und Lehre zu heben und zu sichern.

Habilitationskriege Part I: Nach 20 Jahren endlich habilitiert

December 18, 2007

Nach 20 Jahren endlich habilitiert schreibt Hermann Horstkotte in Spon

Nun hat er die Hochschullehrerprüfung bestanden – nach einem akademischen Ausdauertraining der krassen Art: Volle zwei Jahrzehnte lang lag ein Lateinlehrer im Streit mit der Düsseldorfer Uni. Seine Habilitation gelang erst auf Druck der Gerichte und der Politik.

Die Geschichte wiederholt sich rund 2000 Mal im Jahr. Nachwuchswissenschaftler, meist Mitte 30 oder etwas älter, bestehen die Hochschullehrerprüfung für die Unikarriere, hauptsächlich in den Buchwissenschaften wie den Philologien oder der Juristerei und in der Medizin. Kaum ein halbes Prozent der Bewerber fällt durch, das sind weniger als bei jeder anderen Prüfung von der Schule über den Führerschein bis zum Doktorexamen.

Aber diesmal, Anfang Dezember an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, ging es um einen krassen Ausnahmefall.

Der Kandidat, schon Mitte 50, war mit seiner Prüfungsschrift über Schimpfworte in einer Bibelübersetzung mehrmals rechtswidrig ausgebremst worden. In seinem “opus magnum” habe er Hebraismen überschätzt und moderne sprachwissenschaftliche Theorien nicht genügend berücksichtigt, lauteten die zwei wichtigsten Einwände. Mehrere Gutachter indes werteten die Arbeit weitaus positiver.

Erst nach einem zähen Rechtsstreit über volle zwei Jahrzehnte gab die Philosophische Fakultät durch einen gerichtlichen Vergleich endlich nach. Sie nahm die Arbeit genau in dem Wortlaut an wie 1987 vorgelegt. Der Autor Michael W. belegt damit Platz 2 im akademischen Ausdauertraining, nach dem All-Time-High des Mediziners Walter Laabs, der für seine Habilitation bis Februar 2006 ein knappes Vierteljahrhundert kämpfen musste.

Minister an Uni: Bringt es zu Ende

Jetzt, kurz vor Nikolaus, stand W. noch die mündliche Prüfung bevor: Vortrag mit Diskussion über den “Evangelisten Lukas und den Historiker Thukydides”, den Vater der politischen Geschichtsschreibung vor knapp 2500 Jahren. Und das Prüfungszeremoniell wurde zu einem glänzenden Verhüllungsspiel in der akademischen Scheinwelt – mit ministerieller Intervention und drohenden Schadenersatzforderungen des Prüflings.

Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart persönlich hatte mit einem Schreiben an den Unirektor sein Interesse am Fortgang der Sache signalisiert. Im Gerichtsvergleich war dann festgelegt worden, dass ein Vertreter des Ministeriums, dem Mündlichen beiwohnte: “als Beobachter des ordnungsgemäßen Ablaufs”, wie Uni-Dekan Ulrich von Alemann SPIEGEL ONLINE erläuterte. Das ist ein Novum in der langen Geschichte des Habilitationswesens. Am Ende wurde der Kandidat von rund zwei Dutzend kritisch zuhörenden Professoren “mit sehr großer Stimmenmehrheit” habilitiert, so von Alemann.

Und wehe, wenn nicht – nur für den Fall des endgültigen Bestehens hatte W. auf Schadenersatz verzichtet. Der Anspruch ist schon seit der Habilitation Laabs klar, die letztlich durch das Gericht erfolgt war. Damals hatte Ulrich Lau, Sprecher am Oberverwaltungsgericht Münster, SPIEGEL ONLINE erklärt: “Einkommensverluste kann der Habilitierte im Prinzip ebenso geltend machen wie beispielsweise ein Beamter, der rechtswidrig nicht befördert wurde.” Diese drückende Sorge ist die Uni Düsseldorf jetzt los.

Uni an Prüfling: Ende gut, alles gut

Formell lag die Prüfungsentscheidung bei einem Gremium überwiegend fachfremder Professoren als Spiegelbild der ganzen Philosophischen Fakultät mit ihrem Fächermix von den Erziehungs- über die Ostasien- bis zu den Sportwissenschaften. Richter Lau hatte allerdings schon im Falle Laabs klargestellt: “Die Prüfung durch Experten behält immer den Vorrang vor dem Votum eines darüber hinaus erweiterten Prüferkreises.”

Nachdem Experten W.s Habilitationsschrift durchgewinkt hatten, konnte ein bunterer Kreis den Prüfling überhaupt nicht mehr zu Fall bringen. Das sei allenfalls möglich, so Lau, “wenn das Mündliche ebenfalls von einer fachlich ausgewiesenen Kommission abgenommen würde”. In der wäre der zuständige Düsseldorfer Lateinprofessor aber ganz allein gewesen, weil ein zweiter Fachmann wegen Befangenheit ausgeschieden war. Alle übrigen zwei Dutzend “Mitprüfer” waren mithin reine Statisten.

Das lässt sich nur historisch erklären. Tatsächlich hing die Habilitation bis zu einem Sieg W.s vor dem Bundesverwaltungsgericht 1994 vom Votum der Gesamtfakultät ab. Jede Professorenstimme wog gleich, ob durch Sachverstand gestützt oder nicht. Seit 1994 aber gilt höchstrichterlich, dass es bei der Habilitation um keine willkürliche Zuwahl wie bei der Aufnahme in den Rotarierclub geht, sondern im Wesentlichen um eine Berufszulassungsprüfung vor Fachvertretern mit derselben Lehrbefugnis, die der Bewerber anstrebt. Das ergibt sich zwingend aus der im Grundgesetz verankerten freien Berufswahl.

Die Tragweite dieses Grundsatzurteils hat auch 13 Jahre später noch nicht jede Fakultät ganz begriffen. So mag das gemischte Düsseldorfer Prüfungsgremium fachlich inkompetent entschieden haben – das aber diesmal fehlerfrei. Dekan von Alemann, gelernter Politikwissenschaftler, zu SPIEGEL ONLINE: “Ende gut, alles gut.” Ab kommendem Semester wird W. an der Uni mindestens zwei Wochenstunden lehren müssen, unentgeltlich, nur um den Ehrentitel “Privatdozent” führen zu dürfen.