Die indischen Straßenzahnärzte missfallen den Behörden

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Zahn um Zahn meint Jo Johnson und berichtet in der FTD aus Neu-Delhi

Die indischen Straßenzahnärzte missfallen den Behörden: Sie passen nicht ins Selbstbild eines aufblühenden Landes, das zahlungskräftige Medizintouristen umwirbt. Nervös beäugt Sewak Singh die Straße. Der junge Zahnarzt sitzt auf seinem Motorrad neben einer Moschee und wartet auf Patienten. Wenn nur keine Polizisten auftauchen! Erwischen sie ihn, halten sie wieder die Hand auf. Denn Singh praktiziert illegal – er behandelt auf der Straße. Für Indien haben sich Straßenzahnärzte wie Singh zu einem großen Problem entwickelt. Das Land versucht, mit dem Versprechen auf erstklassige Versorgung reiche Medizintouristen aus aller Welt anzulocken. Bislang erwirtschaftet das Gesundheitswesen nur fünf Prozent des indischen Bruttoinlandsprodukts. Mit dem Geld ausländischer Patienten soll der Anteil jedoch weiter wachsen. Zahnärzte, die Karies auf dem Fußweg behandeln, passen nicht ins Bild. Gerade für die Armen aber erbringen die Zahnärzte eine wichtige Dienstleistung. Da die staatliche Sozialversicherung nur für Regierungsangestellte und Mitarbeiter größerer Unternehmen verpflichtend ist, haben fast 90 Prozent der Inder keinen Krankenversicherungsschutz. Die Straßenzahnärzte sind die einzige Alternative.Doch speziell in Neu-Delhi greifen die Behörden hart durch. Bis zu den Commonwealth Games 2010 sollen in der indischen Hauptstadt keine Ärzte mehr auf der Straße praktizieren. “Momentan ist das Leben wirklich schwer”, sagt der 25-jährige Singh, während er mit einer Hand einen Koffer voller dritter Zähne und Operationsbesteck umklammert. “Mittlerweile kann ich meiner Arbeit fast gar nicht mehr nachgehen.” Straßenzahnärzte schleichen wie Drogendealer durch die Straßen

Die Furcht der Straßenzahnärzte von Neu-Delhi vor Verhaftungen ist inzwischen so groß, dass sie wie Drogendealer durch die Straßen schleichen. Im Sadar-Basar hat Mahinder Singh das Symbol der Straßenzahnärzte auf der Wand hinter ihm übermalt. Verschmiert war es schon lange. “Die Regierung behauptet, wir seien nicht professionell, aber ich arbeite hier schon seit 35 Jahren”, sagt er. Patient Mohammed Ali Khan ist mit der Arbeit seines Zahnarztes zufrieden: Für die drei neuen Dritten in seinem Unterkiefer musste der ältere Mann pro Zahn nur 100 Rupien (1,76 Euro) bezahlen. Die staatlichen Sanktionen führen in Großstädten wie Neu-Delhi und Mumbai dazu, dass die Straßenärzte kaum noch ihren Lebensunterhalt verdienen können. Die Behörden sind unerbittlich, das Bewusstsein für die Gefahr von Aids wächst. “1000 Rupien (176 Euro) Bestechungsgeld monatlich wollen die Leute von der Stadtverwaltung”, sagt Mahinder Singh. Das schmälert sein mageres Einkommen erheblich. Wie Tausende andere Zahnärzte mit einer richtigen Qualifikation will auch er im Ausland sein Glück versuchen, vielleicht in Großbritannien. Die staatliche Zahnarztaufsicht Dental Council of India kann offiziell keine genauen Angaben über die Zahl der Straßenzahnärzte machen. “Niemand darf auf der Straße praktizieren, das ist illegal. Qualifizierte Zahnärzte arbeiten heute immer in einer Praxis”, lautet die offizielle Stellungnahme. Experten gehen aber von knapp 1000 Straßenärzten aus. Auch wenn zirka 200 Ausbildungsinstitute rund 13.000 Zahnärzte pro Jahr auf den Markt entlassen, braucht Indien dringend qualifizierten Nachwuchs – vor allem in ländlichen Gebieten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass dort ein Zahnarzt durchschnittlich 22.500 Menschen versorgt. Eine Umfrage der WHO unter indischen Kindern ergab zudem, dass Zwölfjährige durchschnittlich 3,9 verfaulte Zähne haben. Weltweit sind es 1,6. Schlechte Ernährung und unzureichende Mundhygiene führen dazu, dass ein 60-jähriger Inder durchschnittlich neun Zähne verloren hat. Bei den 75-Jährigen sind es 18.

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