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Freier Verband im Freien Fall

April 5, 2008

und Jürgen Pischel setzt in der DZW (link funzt eben nicht: http://www.dzw-online.de/kommentar.html) noch eins drauf – wobei die Verknüpfung Freier Verband und Freier Fall mittlerweile ein feststehender Begriff ist. Das weiß jeder, nur beim FVDZ will man es einfach nicht wahr haben:

Gibt es den Freien Verband überhaupt noch? Diese Frage wird immer häufiger von prominenten Kammer- und KZV-Fürsten – meist selbst langjährige Freiverbandsmitglieder – gestellt, zumal nach Delegierten- und Vertreterversammlungen der Körperschaften, wenn der Freie Verband wieder einmal durch völlige Absenz und Ideenlosigkeit im Bereich politischer Initiativen „glänzte“ und „brav“ alles von den Vorständen Vorgekaute abnickte.

Oft fällt tatsächlich mehr die Abwesenheit seiner Führungskräfte als deren Auftritte bei Anwesenheit auf. Wenn es politische Anträge aus dem Freien Verband gibt, zeichnen die sich durch politische Beliebigkeit aus oder vertreten die klassischen Forderungspositionen aus Resolutionen an die Politik, um die sich sowieso keiner schert und die nur deshalb einhellige Zustimmung finden, weil jeder weiß, dass da sowieso nichts passieren wird.

pischel

Neue Ideen zur Umgestaltung des zahnmedizinischen Versorgungssystems im privaten oder vertragszahnärztlichen Sektor? Fehlanzeige! Positive Gestaltungsvorschläge zu den neuen Formen der Praxisorganisation in überörtlichen Berufsausübungsgemeinschaften oder gar Praxisketten? Fehlanzeige! Öffnung hin zur akademisch gesicherten Spezialisierung und Integration des europäischen Prozesses – Stichwort Bologna – in die zahnmedizinische Aus- und Weiterbildung in Deutschland mit allen Konsequenzen? Fehlanzeige!

Früher einmal, also vor fünf bis zehn Jahren, da gab es die Zeiten des Freien Verbands als Motor und Alleinbestimmer des Geschehens in der zahnärztlichen Berufspolitik. Damals wurde noch von den „Drei Säulen“ der zahnärztlichen Standesvertretung – Freier Verband, BZÄK, KZBV – gesprochen, und die Körperschaften durften quasi keinen Pups verlauten lassen, ohne die Freiverbandsführung einzubeziehen. Damals war der Freie Verband eine starke Organisation mit hoher Mitgliederrepräsentanz unter den deutschen Zahnärzten. Da rühmte man sich in der Freiverbandsspitze, als „politischer Kampfverband“ des „freien Zahnarztes“ – so genau wusste allerdings niemand, was damit beim Kassenzahnarzt wirklich gemeint ist – mehr als 50 bis 60 Prozent aller aktiven Zahnärzte im Verband Mitglied nennen zu dürfen. Niemand konnte ohne den Segen der Freiverbandsspitze in einer Kassenzahnärztlichen Vereinigung oder in einer Kammer, bei der apoBank oder in anderen Organisationen im zahnärztlichen Bereich einen Posten erringen.

Aber nicht nur dieser gleichsam gescheiterte Aufstand macht dem Freien Verband zu schaffen, sondern fast noch mehr die dauernde innere Zerrissenheit und die daraus resultierende schleichenden Auszehrung. Durch Tod und Austritt verliert der Freie Verband deutlich mehr Mitglieder, als er durch Neuzugänge gewinnt. Heute hat der Freie Verband noch gerade einmal 12.500 aktive, als Praxisinhaber tätige Zahnärzte als Mitglieder – gerade noch ein Fünftel aller Zahnärzte.

Parallel dazu haben sich aber auch die Kammern zunehmend vom Freien Verband abgenabelt, und aus dem Zerwürfnis – hier pro GKVler, da Anti-System-Vertreter – spalteten sich andere zahnärztliche Verbände als Wahlvereine für Körperschaften ab. Oder es kam zu dramatischen Zerwürfnissen zwischen Hardlinern und Softlern, wie es in Bayern heißt, bis hin zu Ausschlussverfahren gegen prominente Vorständler. Übrigens: Auch all die anderen Verbände haben, auch wenn dies nicht so dramatisch öffentlich bekannt wird, Probleme, sich in der politischen Realität zu behaupten, kaum einer spielt eine wirklich einflussreiche Rolle.

Beim Freien Verband begann man deshalb, neue Wege – was können wir für unsere Mitglieder leisten – zu suchen. Vom billigen Praxis-T-Shirt bis hin zur Fortbildung, bald kommt sicher auch noch Praxisberatung hinzu, schnürte man ein buntes Servicepäckchen. Aber ist das wirklich die Kernaufgabe eines „Freien Verbands“? Oder ist das nur der Versuch, Einnahmen zu generieren, um den Funktionärsapparat der Sitzungsgelder am Laufen zu halten. Aber auch da ist der Freie Verband eben nur einer unter vielen, die Fortbildungen oder Praxiscoaching anbieten. Und selbst bei „Vertragsgemeinschaften“ für Kassensonderabkommen ist nicht der Freie Verband gefragt, sondern Fachgesellschaften und Fachgruppen.

Nähert sich der Freie Verband – politisch ohne wirklichen Einfluss, eine unter vielen Servicegesellschaften, von den Mitgliederzahlen her ohne Schlagkraft – nicht zunehmend dem Status „was soll es, es gibt ihn ja noch“? Der hochgehaltene Anspruch, ein Sprecher der freien Zahnärzteschaft – und damit meint man immer die gesamte Zahnärzteschaft – zu sein, lässt sich aus keiner Aktivität rechtfertigen. Ob das für die Zukunft reicht, was der Freie Verband heute darstellt? Oder wird sich die Mitgliederrutschbahn hin zum freien Fall noch weiter beschleunigen?

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