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Schnarcher haben keine Lobby

April 29, 2008

aus der Sendelfenger Tsei-dong:

Gründer einer Selbsthilfegruppe für Menschen mit Schlafstörungen, Berater der Bundesrepublik für zahnmedizinische Produkte, Vorsitzender der Böblinger Hockeyabteilung, Hobbymusiker morgen feiert der Maichinger Rudolf Taugerbeck seinen 80. Geburtstag.

Zumindest durch Artikel über Schlafapnoe auch in der SZ/BZ ist Rudolf Taugerbeck bekannt. Beständig macht er auf die Gefahren des Schnarchens und nächtlicher Atemaussetzer aufmerksam. Das Thema treibt ihn um, seit er selbst darunter leidet. Deshalb gründete er 1996 in Sindelfingen eine Selbsthilfegruppe und ist inzwischen Vorsitzender des Landesverbandes Schnarchen-Schlafapnoe mit zwölf Gruppen in Baden-Württemberg und über 1000 Patienten.

Selbst in Polizeiberichten steht mittlerweile, dass Autofahrer während des Sekundenschlafs Unfälle verursachten. “Das ist eine Folge gestörter Nachtruhe. Unbehandelte Schlafapnoe kann sogar zum Herzinfarkt führen”, so Rudi Taugerbeck, der selbst vier Bypässe hat.

Schnarchen als Frühwarnsystem

“30 Millionen Deutsche sägen nachts und vermutlich ebenso viele Partnerinnen leiden darunter. Da rufen verzweifelte Frauen an und fragen um Rat, bevor die Ehe kaputt geht”, so der Sindelfinger. Es gebe zu wenige Hausärzte, die das akustische Frühwarnsystem Schnarchen interpretieren könnten.

Rudolf Taugerbeck rät den Betroffenen, sich zu einem Schlafmediziner überweisen zu lassen, der mit einem elektronischen Messgerät herausfindet, ob das Schnarchen noch normal oder schon gefährlich ist. Nach der Menopause betreffe es zunehmend auch Frauen. Die Selbsthilfegruppe lädt viermal im Jahr zu Informationsveranstaltungen über den Umgang mit den komplizierten Atemmasken ein, die wieder einen erholsamen Schlaf ermöglichen. Für sein Engagement wurde Rudolf Taugerbeck mit dem bundesweiten “Somnus-Preis als Selbsthilfegruppenleiter des Jahres 2005” gewürdigt, auf den er besonders stolz ist.

Mit Medizin hatte der geborene Fürther schon früh zu tun. Eigentlich wollte er Zahnarzt werden. Inzwischen ist er froh, dass er nach dem ersten Friedensabitur 1947 zusammen mit viel älteren Kriegsheimkehrern eine Ausbildung zum Dental-Kaufmann absolvierte, die Studium und Praxis verband. Verdient hat er sich das Studium mit Musik.

Schon Weihnachten 1945 spielte er mit seinem Bruder bei amerikanischen Truppen für Essen, später in verschiedenen Bigbands um Zigaretten. “Für eine Stange erhielt man damals auf dem Schwarzmarkt 150 Mark. Außerdem bekamen wir Erdnussbutter und Eipulver für die Familie”, erinnert sich der Hobby-Pianist.

Zunächst arbeitete Rudi Taugerbeck in Mittelfranken und Hamburg. 1964 wurde er Geschäftsstellenleiter in Stuttgart. Seitdem wohnt die Familie in Maichingen. Taugerbeck erlebte die Entwicklung vom sitzenden Patienten und stehenden Zahnarzt zum liegenden Patienten und sitzenden Mediziner, machte Fortbildungen zur Panorama-Röntgentechnik und hielt Vorträge bei Praxisgründungsseminaren in ganz Deutschland. Er gründete die Zeitschrift Dental Magazin und wurde Berater der Bundesrepublik in der Arbeitsgruppe für zahnmedizinische Produkte der Welt-Organisation der Zahnärzte (FDI).

Aufregend sei die Zeit nach der Wende gewesen. Rudolf Taugerbeck war schon in Rente, als ihn seine Firma bat, die Universitäts-Zahnkliniken in den neuen Bundesländern zu beraten. “Die angehenden Zahnärzte konnten nicht kalkulieren und waren so verunsichert, dass ich mich noch einmal betätigte”, erinnert sich der Sindelfinger.

Zu seinen ehrenamtlichen Engagements gehörte lange Zeit die Mannschaftsbetreuung in der Hockeyabteilung der SVB. So wie er als Jugendlicher liefen auch seine beiden Kinder der weißen Kugel nach. 1992 wurde Rudolf Taugerbeck zum Vorsitzenden gewählt und freute sich über den Aufstieg der Herren I in die zweite Bundesliga sowohl auf dem Feld wie in der Halle und den ersten Deutschen Meistertitel der Knaben A. Inzwischen holt er seinen Enkel Julian vom Hockey-Training ab. Zum Tennisspielen, Skifahren und der Herzsportgruppe reicht die Puste nicht mehr. Aber die Musik lockt immer noch sowohl zu Konzerten in Sindelfingen als auch zum Jazz in Aidlingen.

Ab und zu muss er in Franken Freunde besuchen und Schäufele mit Kloß oder gebackenen Karpfen essen. Dann packt er den Kofferraum voll mit Bratwürsten und vor Weihnachten mit Lebkuchen. “Fürth ist eine tolle Stadt geworden”, schwärmt er. Früher sei die Altstadt furchtbar gewesen. Und dann fällt ihm ein, wie er als 15-Jähriger bei einem Luftangriff auf dem Dach des elterlichen Hauses herumturnte und die Brandbomben hinunterwarf: “Wenn das schon welche mit Sprengsatz gewesen wären, hätte es mich zerrissen.”

Morgen feiert Rudolf Taugerbeck seinen 80. Geburtstag, doch weder zu Hause noch in Fürth, sondern bei einem Familientreffen im Harz, der Heimat seiner Frau Erika. Sie hat ebenfalls in dieser Woche Geburtstag und Louisa, eins seiner vier Enkelkinder, sogar am selben Tag wie er. Danach kümmert er sich wieder um die Schnarcher: “Denn sie haben ja keine andere Lobby.”

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