Grauduszus: Die Ratten verlassen das sinkende Schiff

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„Wir müssen aus dieser Dauerdepression heraus“, fordert der Präsident der Freien Ärzteschaft Martin Grauduszus. Der Protest der Hausärzte in Bayern werde in vielen ärztlichen Medien kleingeschrieben, dabei sei er ein gigantischer Erfolg. Wie er die Diskussionen um Praxissiegel und TÜV-Plakette für Ärzte einschätzt und welche weiteren Protestpläne die Freie Ärzteschaft hegt, erläuterte der Allgemeinmediziner im Interview mit der Redaktion.

änd: Herr Grauduszus, Sie haben in der vergangenen Woche die
Veranstaltung „KBV kontrovers“ der KBV besucht. Wie war ihr Eindruck?

Grauduszus: Im Westen nicht viel Neues – mein Beitrag, dass die Qualität
der medizinischen Versorgung in der Vergangenheit in unserer Republik
auf allgemein anerkannt höchstem Niveau lag, fand keinen Widerspruch.
Nun müsse aber diese Qualität transparent und allgemein nachweisbar
sein, hieß es. Zu sehen war, dass Organisationen und Unternehmen schon
Schlange stehen, um unsere Praxen zu bewerten – ob durch Ranking,
TÜV-Plakette oder Praxissiegel. Insbesondere die Meinungsführer um die
Bertelsmann-Connection wollen offenbar um alles in der Welt ein neues
Geschäftsfeld erschließen.

Wen wundert es: Der Präsident der Stiftung Praxissiegel ist Herr Prof.
Fiedler, ehemaliger BEK-Chef und heutiger Dozent im Institut von Karl
Lauterbach. Im Kuratorium die Prominenz der GKV sowie Herr Jonitz, Herr
Weigeldt, Herr Rebscher und viele andere. Inhaltlich wurde es dann schon
schwierig, denn der gesetzliche Auftrag, Qualität besser zu honorieren
und die Frage nach den Kriterien konnte nicht beantwortet werden. So war
es schon süß, wie der Vorschlag gemacht wurde, dass die
Durchimpfungsrate der Patienten einer Praxis als Kriterium dienen könne.
Der Vertreter der Kassen Herr Dr. Straub von der TK, räumte dann auch
ein, dass man zunächst kein wirkliches Interesse habe, in diesem Bereich
Geld zu investieren. Die Industrialisierung schreitet voran, und wir
werden durch ethische Scheindiskussionen geblendet.

Mein Eindruck durch viele Gespräche am Rande der Veranstaltung: Die
Ratten verlassen das sinkende Schiff. Anders kann ich die Konstruktion
einer Aktiengesellschaft der KV-Vorstände nicht mehr sehen. Nachdem die
Karre durch mangelnden Widerstand gegen eine Inkompetenz, von blinder
Ideologie und Konzerninteressen getrieben, immer tiefer in den Dreck
rutscht, versucht man jetzt elegant, die eigenen Pfründe in Sicherheit
zu bringen und gleichzeitig den gemeinen Vertragsarzt in seinem
Abhängigkeitsverhältnis zu lassen.

Besonders schlimm wirkt für mich in diesem Zusammenhang die gezielte
Attacke auf den ärztlichen Protest im Jahr 2006, der aus diesem Forum
und den Aktivitäten der Freien Ärzteschaft hervorging. Wenn ich nur an
diese, Entschuldigung, idiotische Kittelaktion vor dem Reichstag denke:
Da kann man doch an Zufall nicht mehr glauben.

änd: Aber zeigt nicht Bayern gerade, dass die Kollegen nicht
mobilisierbar sind?

Grauduszus: Jetzt fangen nicht auch Sie noch an, solche Parolen in die
Welt zu setzen – es reicht schon, dass Hoppenthaller von fast allen
ärztlichen Medien offenbar gezielt kleingeschrieben wird, solange er
nicht sogar totgeschwiegen wird. In etlichen Bezirken haben bereits mehr
als 50 Prozent der bayerischen Kollegen ihre Zulassung in den Korb
gegeben, die bayerische Regierung schwimmt total: Das ist ein
gigantischer Erfolg. Wir müssen aus dieser medizinertypischen
Dauerdepression heraus. Das Glas ist deutlich mehr als halbvoll, und
nicht halbleer.

änd: Auch in Baden-Württemberg?

Grauduszus: Das lässt sich zu diesem Zeitpunkt nicht beantworten.
Baumgärtner verfolgt offenbar auch eine andere Strategie als
Hoppenthaller. Auf der Veranstaltung war auch die Mehrzahl der
Podiumsgäste der Meinung, dass die Verträge nicht die Zukunft der freien
Praxis sichern werden und dass Baumgärtner und Medi gefordert sind,
kurzfristig die Voraussetzungen zu schaffen, damit der Systemausstieg
umgesetzt werden kann. Ich hoffe stark, dass man dort nicht den Fehler
macht, „Protest“ zu sagen und in Wirklichkeit „Verträge“ zu meinen …

änd: Was soll an Verträgen schlecht sein?

Weil Verträge im Rahmen des SGB V uns vom Regen in die Traufe bringen.
Es dürfen keine Hoffnungen geweckt werden, die nicht erfüllt werden
können. Ich befürchte, dass die Mitgliederwerbung für die AOK der
wesentliche messbare Effekt sein wird.

Es ist zu wenig im Topf – man kann es nur gebetsmühlenartig wiederholen:
Bei einer gedeckelten Gesamtvergütung wird es nicht mehr Geld geben. Man
hört jetzt schon aus Baden-Württemberg hinter vorgehaltener Hand, dass
man ja in erster Linie versuche, Honorarabsenkungen zu mildern.

Ja mein Gott: Diese Sprüche kennen wir aus den KVen nur zu gut, ganz
nach dem Motto: Mehr war nicht drin. Es ist aber mehr drin im
politischen Sinne, wir dürfen nur nicht immer wieder mühsam erkämpfte
Machtpositionen aufgeben. Die Politik hat massive Angst vor unseren
Protesten, weil wir unersetzbar sind. Mit Heilpraktikern und Schwester
Agnes geht es nicht.

änd: Sie befürchten eine Absenkung der GOÄ …

Grauduszus: … die scheint ja im Ministerium schon beschlossen zu sein,
derzeit übt man anscheinend Druck auf die Bundesärztekammer aus …

änd: … Woher wissen Sie das?

Grauduszus: Wissen ist in diesem Fall etwas übertrieben. Mitte April
findet man ein Editorial des Chefredakteurs des „Deutschen
Ärzteblattes“, in dem er die Absenkung der GOÄ auf EBM-Niveau
problematisiert und klar schreibt: „Geplant ist die Angleichung nach
unten“. Für unser Zentralorgan ist das eine fast schon dramatische
Einlassung – und wenn es so kommt, kann man fast das Gefühl haben, die
Politik möchte gezielt eine revolutionäre Situation herbeiführen ….

änd: … Wo sehen Sie die denn wohl?

Grauduszus: Warten Sie ab: Wenn die zweite Quartalsabrechnung in den
Briefkästen steckt, gehen bei vielen Kollegen endgültig die Warnleuchten
an. Viele bekommen ihren Allerwertesten ja leider erst dann hoch, wenn
das Konto leer oder sogar tiefrot in den Miesen ist. Wenn die
Bundesärztekammer dann auch die GOÄ nicht verteidigen kann – was schon
paradox ist: eigentlich müsste sie dringend erhöht werden – dann ist das
Ende der Fahnenstange erreicht.

änd: Was wollen Sie tun?

Grauduszus: Einiges. Die nächste Großdemonstration in Berlin ist bereits
für September angemeldet. Es muss mehr Geld in die ambulante Versorgung
und ohne Proteste wird das nicht kommen. Wir brauchen ein direktes
Vertragsverhältnis zwischen Arzt und Patient und ein
Kostenerstattungssystem. Unsere kontinuierliche Arbeit zeigt Erfolg: Die
Berichterstattung der Medien beispielsweise hat sich geändert, gleiches
gilt für die Haltung der Patienten: Denn die werden genauso betrogen wie
wir.

Wir waren 2006 schon auf einem guten Weg, den erforderlichen Druck auf
Politik und Kassen auszuüben, bevor dieser Protest von unseren
Körperschaften ausgebremst wurde. Diesen Weg werden wir wieder
aufnehmen. Es muss mehr Geld in die bedrohte wohnortnahe Versorgung,
dafür müssen wir selbst kämpfen. Wir werden es schaffen – es wird unser
Erfolg sein.

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