Musterweiterbildungsordnung weiter in der Diskussion

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Offener Brief des DZV-Vorsitzenden Martin Hendges zum Thema „Hauszahnarzt“ und Musterweiterbildungsordnung (adp)

ADP veröffentlicht heute folgenden offenen Brief des DZV-Vorsitzenden Martin Hendges an den Vizepräsidenten der Bundeszahnärztekammer Dr. Dietmar Oesterreich vom 26. Mai 2008:

“Fort- und Weiterbildung

Sehr geehrter Herr Dr. Oesterreich,

da wir uns aus zahlreichen Treffen auf Bundesebene gut kennen und ich Ihre Arbeit in der BZÄK sehr schätze, wende ich mich heute in einem offenen Brief an Sie, in dem ich meine große Sorge über die derzeitige Diskussion in Sachen Fort- und Weiterbildung zum Ausdruck bringen möchte.

Ganz konkret nehme ich dabei Bezug auf den Artikel in der DZW 21/08 mit der Überschrift „Überweiserkultur muss sich entwickeln – keiner kann mehr als können“, in dem Sie persönlich wie folgt zitiert werden:

…“Die Zahnheilkunde wird immer komplexer“ meinte er, „keiner kann mehr alles können. Es gibt gute Chancen für beide – den Hauszahnarzt und den fachlich spezialisierten Kollegen. Ein gutes, ausgewogenes und sicheres Miteinander – da liegen unsere Interessen.“ ….

Ich stimme Ihnen in der Hinsicht zu, dass die Zahnheilkunde komplexer wird, wenn es um wachsende wissenschaftliche Erkenntnisse sowie neue Diagnose- und Behandlungsverfahren geht. In wieweit das jedoch zwingend eine so prägnante sprachliche Trennung von Zahnärzten, die nicht nach außen hin spezialisiert sind und sog. Spezialisten notwendig macht, mag ich derzeit nicht in der von Ihnen geschilderten Weise nachvollziehen.

Was mich aber absolut betroffen macht und mehr als entsetzt, ist die Tatsache, dass Sie explizit die Formulierung „Hauszahnarzt“ verwenden! Auch wenn der Begriff des „Hausarztes“ in der allgemeinen Öffentlichkeit bekannt ist, kennt jedoch der Patient bis heute nur den „Zahnarzt“, den „Kieferorthopäden“ oder den „Kieferchirurgen“. Weitere Fachrichtungen sind dann nur noch in Teilen der Bevölkerung überhaupt bekannt.

Welche Rolle der „Hausarzt“ aber in der GKV spielt, dürfte Ihnen hinlänglich bekannt sein. Schon lange darf der Hausarzt nicht mehr alles leisten, nur noch überweisen oder maximal beraten. Das Bild der Hausärzte in der Öffentlichkeit ist daher sicher nicht optimal. „Mediziner zweiter Klasse“ könnte man sie auch nennen, die aufgrund des eingeschränkten (Be)Handlungsspektrums auch nicht mehr all zu sehr daran interessiert sind, sich in allen Bereichen fortzubilden. Ärzte, deren praktische Erfahrungen nicht größer werden, weil sie mehr und mehr beraten und den Patienten im System navigieren.

Innerhalb der Ärzteschaft hat diese Entwicklung dazu geführt, dass die Hausärzte gegen die Spezialisten und Krankenhäuser, die solche ambulant angegliedert haben, kämpfen bis hin zum bekannten Ausstiegsszenario aus dem GKV-System. Warum wohl? Weil es um selektive oder sektorale Budgets geht, weil es um die Größe des Topfes geht, den die Hausärzte aus dem Gesamtvergütungsvolumen zugestanden bekommen. Die Kassen freuen sich, können passiv und aktiv den Verdrängungswettbewerb anschieben und Fachärzte gegen Hausärzte ausspielen.

In Kenntnis der hier nur unvollständig darstellbaren Situation des Hausarztes sprechen wir plötzlich und ohne Not vom „Hauszahnarzt“. Und das in Zeiten, in denen wir über die Folgen der Öffnungsklausel diskutieren, in denen uns der Gesetzgeber weder in der GKV noch in der PKV angemessene Honorare zubilligen will und in denen wir gerade den Zusammenhalt der Kollegenschaft brauchen.

Was wir mit solchen unnötigen Differenzierungen in Bewegung bringen, liegt glasklar auf der Hand. Siehe KFO! Der BDK fordert öffentlich, dass nur noch Kieferorthopäden kieferorthopädische Leistungen erbringen dürfen und nicht mehr kieferorthopädisch tätige Zahnärzte. Die Gründe liegen sicher nicht auf der fachlichen Seite!! So werden es die Fachzahnärzte für Endodontie, Parodontologie, Implantologie u.v.m. auch bald tun, wenn eine Änderung der Musterweiterbildungsordnung solch eine zusätzliche Differenzierung des Zahnarztberufes vorantreiben würde. Denn Sie sind doch schließlich die Spezialisten. Nur sie sind fachlich in der Lage, spezialisierte Leistungen zu erbringen. Der Hauszahnarzt darf befunden, diagnostizieren oder allenfalls noch Vorbehandlungen durchführen und dann bitte gerne weiter überweisen. Die Kassen werden schnell die Forderung aufmachen, auch nur noch den Spezialisten bezahlen zu wollen oder den Hauszahnarzt mit abgestaffelten Gebühren zu beglücken.

Aber spiegelt das den Praxisalltag wieder? Haben wir heute wirklich in den Praxen streng getrennt zum einen „Spezialisten“ und zum anderen „Hauszahnärzte“? Wer das behauptet, missachtet die Realität. Viele der von Ihnen als Hauszahnarzt beschriebenen Kollegen sind „Spezialisten für orale Medizin“, kennen die komplexen Zusammenhänge der einzelnen Schwerpunkte in der Zahnmedizin bis hin zur Medizin. Zudem bilden sich die meisten kontinuierlich fort und erbringen sehr wohl fachlich korrekt und höchst qualifizierte „Spezialistenleistungen“. Nur haben diese nicht alle eine postgraduierte Weiterbildung hinter sich, sondern sind gut fortgebildet mit entsprechenden fachlichen, praktischen und manuellen Fähigkeiten.

Die Kolleginnen und Kollegen, die sich fachlich überfordert fühlen, überweisen so und so. Insofern gibt es schon eine gewachsene Überweisungsstruktur und –kultur in den eigenen Reihen. Nur hier entscheidet noch der Zahnarzt, ob, wann und wohin der Patient überwiesen wird. Natürlich wissen wir auch, dass es Zahnärzte gibt, die fachlich nicht alles abdecken können und dennoch nicht überweisen. Aber daraus die Notwendigkeit eines „Hauszahnarzt-Spezialisten-Modells“ abzuleiten, geht weit über das Ziel hinaus. Hier gibt es sicher wesentlich sinnvollere Ansätze, über die ich gerne jederzeit mit Ihnen diskutieren kann.

Welch Widerspruch tritt nun auf, wenn der von Ihnen beschriebene „Hauszahnarzt“ z.B. implantiert – und das vielleicht schon seit vielen Jahren erfolgreich – aber doch gar kein Spezialist nach dem Gusto vieler Hochschullehrer ist. Letztendlich entsteht hier ein Bild in der Öffentlichkeit, das dem gesamten Berufsstand irgendwann schaden wird. Der Patient fragt sich, ob ein Hauszahnarzt überhaupt fähig ist, z.B. zu implantieren, die Kassen wollen ihn direkt zum „Spezialisten“ navigieren und die Zahnärzte kämpfen zersplittert in kleine Fachzahnarztgruppen gegeneinander. Die Juristen freuen sich, den nicht spezialisierten „Hauszahnarzt“ verklagen zu können, weil dieser doch fachlich gar nicht dazu legitimiert ist. Die Hochschullehrer stecken noch mehr Herzblut in die Weiterbildung von bereits approbierten Zahnärzten, anstatt solche, die es werden wollen, umfangreich und angemessen auszubilden.

Ich frage Sie allen Ernstes, ob wir und Sie so etwas wollen oder brauchen?

Insofern darf ich Sie eindringlich bitten, den Begriff des „Hauszahnarztes“ nicht mehr zu verwenden oder ihn gar aktiv zu promoten. Zudem wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie als Vizepräsident der BZÄK und als ein Kollege, den ich sehr schätze, Sorge dafür tragen würden, dass eine offene und grundlegende wie sachliche Diskussion über eine Veränderung der Weiterbildungsordnung in Gang gesetzt wird.

Ich würde mich sehr über eine baldige Antwort freuen.

Herzliche und kollegiale Grüße

Martin Hendges

Vorsitzender des DZV e.V.”

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