Mediziner-TÜV soll Ärztepfusch stoppen

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Piloten werden regelmäßig überprüft, Ärzte nicht. Das will das britische Gesundheitsministerium jetzt ändern: mit einem Kompetenzcheck für alle Mediziner. Die deutsche Bundesärztekammer hält das für unsinnig – dabei gibt es auch hierzulande Qualitätslücken.

Der Doktorhut liegt seit 30 Jahren im Schrank, die Zulassung als Facharzt ist 25 Jahre alt, die Praxis steht seit 20 Jahren. Einmal erworben, müssen Ärzte ihre Titel für gewöhnlich nicht wieder verteidigen. Darunter leidet die Qualität der medizinischen Versorgung – zumindest in einigen Fällen. In Großbritannien soll sich das nun ändern: In Zukunft müssen alle Ärzte regelmäßig zum Mediziner-TÜV, so die Pläne des britischen Gesundheitsministeriums.

Deutsche Kliniken können sich freiwillig Kontrollen unterziehen, um ein Gütesiegel zu bekommen

DPA

Patient bei Visite: Deutsche Kliniken können sich freiwillig Kontrollen unterziehen, um ein Gütesiegel zu bekommen

Das neue System soll all jene Ärzte herausfischen, die immer wieder falsch behandeln. Von Patienten ausgefüllte Fragebögen, Beurteilungen durch Kollegen und Vorgesetzte und die Verschreibungspraxis von Medikamenten etwa sollen dabei helfen, ein möglichst umfassendes Bild von der Qualität eines Arztes zu entwerfen. Auch persönliche Probleme wie Alkohol- oder Drogensucht sollen nach den Wünschen des obersten Gesundheitsbeauftragten Sir Liam Donaldson in die Bewertung einfließen.

Innerhalb der kommenden zwei Jahre wird es erste Versuche geben, wie die rund 150.000 britischen Mediziner überprüft werden könnten. In ihrem Report “Medical Revalidation: Principles and Next Steps” beschreiben das britische Gesundheitsministerium, die britische Ärztekammer und die Akademie der medizinischen Hochschulen, dass die Maßnahmen ergriffen werden sollen, um den “Standard zu heben, und nicht um disziplinarische Mechanismen für einige wenige Ärzte” zu entwerfen. Dennoch – Beschwerden über Ärzte nehmen deutlich zu: Nach Angaben der britischen Ärztekammer habe es im vergangenen Jahr mehr als 5000 Klagen über Ärzte gegeben, berichtet die “Times”. Im Jahr 2000 seien es 1300 weniger gewesen.

Auch in Deutschland ist Qualitätssicherung ein Problem: Hierzulande beschwerten sich 2007 mehr als 10.000 Patienten über ärztliche Behandlungsfehler. Eine zentrale Stelle, die alle Anforderungen für alle Ärzte koordiniert, gibt es nicht. Niedergelassene Mediziner müssen mittlerweile alle fünf Jahre bei ihrer Kassenärztlichen Vereinigung nachweisen, dass sie sich fortbilden – diese Praxis gibt es seit vier Jahren.

Freiwillige Selbstkontrolle

Doch hier gibt es Mängel und Schlupflöcher: “Qualitätsanforderungen für die Fortbildungen existieren nicht”, kritisiert Jörg Lauterberg, Beratungsarzt bei der Bundes-AOK. “Häufig sind Veranstaltungen von der Pharmaindustrie gesponsert und daher nicht unabhängig.” Außerdem könne sich ein Hausarzt mit einem breit gefächerten Patientenspektrum beispielsweise ausschließlich in der Sportmedizin fortbilden. “Es gehört nicht zu den Anforderungen, dass die Schulungen auf alle relevanten Gebiete gleichermaßen verteilt werden”, bemängelt Lauterberg.

Erst 2009 wird sich zeigen, ob sich die deutsche Ärzteschaft auch tatsächlich an die neuen Vorschriften hält: Dann sind fünf Jahre vergangen seit Einführung des Gesetzes. Die Mediziner müssen der Kassenärztlichen Vereinigung dann 250 Punkte vorweisen – jede Fortbildungsstunde wird mit einem Punkt belohnt.

Außerdem müssen Ärzte, die eine bestimmte Untersuchung oder Therapie abrechnen wollen, zuerst einen Leistungsnachweis erbringen. Wer etwa Darmspiegelungen machen und auch bezahlt bekommen möchte, muss beweisen, dass er bereits eine bestimmte Anzahl von den Untersuchungen gemacht hat und die richtige Diagnose gefunden hat.

Außer den Kassenärztlichen Vereinigungen machen sich auch die medizinischen Fachgesellschaften stark für Qualitätsstandards. Für ihre Spezialgebiete entwerfen sie Leitlinien, an denen sich alle Ärzte orientieren sollen – nicht müssen. Sie bieten Fortbildungen an, in denen Mediziner Zertifikate erwerben können. Auch diese Praxis ist freiwillig. Zum Vergleich: In seinem Berufsleben muss sich ein Pilot etwa hundert Kontrollen unterziehen, die seine Fähigkeiten überprüfen.

“Ich fände es gut, wenn wir hier eine ähnliche Qualitätskontrolle einführen würden wie in Großbritannien”, meint Christian Arning. Der Neurologe ist Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Ultraschallmedizin und kennt die Probleme von Qualitätsanforderungen genau. “Ob ein Arzt eine gute Ultraschallausbildung bekommt, hängt vom Zufall ab”, erklärt Arning die Alltagsprobleme. “Entweder er trifft auf einen erfahrenen Ausbilder, der ihm viel beibringt, oder er hat das Pech, dass ihn ein Assistenzarzt einweist, der auch gerade erst vor drei Monaten das erste Mal einen Ultraschallkopf in der Hand hatte.” Das führe dazu, dass gut ausgebildete Ultraschallmediziner mit einer Trefferquote von 95 Prozent die richtige Diagnose fänden, schlecht geschulte hingegen nur in 39 Prozent der Fälle richtig lägen, wie eine Studie aus dem Fachblatt “European Journal of Ultrasound” vor zwei Jahren ergeben habe.

“Wir brauchen keine Macht- und Kontrollinstrumente”

Auch Krankenhäuser bemühen sich um Qualitätsstandards. Insbesondere Unikliniken bieten zahlreiche Kongresse, Symposien und Vorträge an. Schwieriger wird es in kleineren Häusern. Hier soll das Zertifizierungsverfahren KTQ greifen – die Kooperation für Transparenz und Qualität im Gesundheitswesen. Krankenkassen, Bundesärztekammer, Klinikärzte und der Deutsche Pflegerat haben 2002 ein Verfahren entwickelt, mit dem die Qualität in Krankenhäusern beurteilt werden soll. Alle drei Jahre können sich die Kliniken freiwillig checken lassen – mittlerweile trägt bereits jede dritte Einrichtung dieses Gütesiegel.

Eine weitere Einrichtung in Deutschland ist das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Allerdings kontrolliert dieses nicht die Fähigkeit von Ärzten. Sie ist vielmehr dafür zuständig. zu überprüfen, wie Arzneien wirken oder ob Therapien evidenzbasiert sind, ihr Nutzen also durch Studien belegt wurde.

Instanzen für Qualität gibt es in Deutschland also viele – Vorschriften zur Einhaltung wenig. Eine gesetzliche Kontrolle wie die in England geplante, würde großen Widerstand bei Medizinern hervorrufen, meinen Ärzte. “Ich glaube, das würde einen riesigen Aufschrei in der deutschen Ärzteschaft geben”, sagt Neurologe Christian Arning.

Das bestätigt Günther Jonitz, Vorsitzender der Qualitätssicherungsgremien der Bundesärztekammer: “Ich halte ganz wenig von solchem Aktionismus, Ärzte brauchen keine zusätzlichen Repressalien.” Vielmehr müsse hohe Qualität belohnt und das Ansehen von Gütesiegeln gesteigert werden. “Wir brauchen einen Wettbewerb im Guten und keine Macht- und Kontrollinstrumente”, meint Jonitz.

Auch die britische Ärzteschaft hat Bedenken zum anvisierten System. Die British Medical Association (BMA) kommentiert das Vorhaben so: “Das BMA unterstützt die Pläne, Ärzte mit dem Ziel zu überprüfen, ihre Fähigkeiten zu verbessern. Dennoch ist es wichtig, dass die Vorschläge des obersten Gesundheitsbeauftragten die Ärzte nicht übermäßig belasten und sie dadurch weniger Zeit für ihre Patienten haben. Das System muss gut für Patienten und fair für die Ärzte sein.”

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