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Wie ein Meister doch vom Himmel fällt

August 3, 2008

aus der Mopo:

Es gibt die Geschichte vom Tenor, dem der Zahnarzt nach einer langen und schweren Behandlung das Kompliment macht: “Sie waren aber sehr tapfer!”, und der Tenor antwortet: “Ohne Gage kriegen Sie aus mir keinen Ton raus!”
Also gut! In den Fünfzigerjahren gab es in Deutschland eine Nachtlokalkette, die hieß “Tabu” und gehörte dem Stiefvater von Romy Schneider, von dem man damals noch nicht wusste, dass er ein schlimmer Finger war.
Ich studierte seinerzeit in München. Es gab noch kein BAföG. Und eines Tages las ich, dass das Münchner “Tabu” einen Frank-Sinatra-Wettbewerb veranstaltete. Sinatra, dachte ich, kenn ich! Liebe ich! Kann ich! Im Bad beim Singen fühlte ich mich schon lange als ein deutscher Statthalter. Außerdem das Geld! Und ich kannte das Lied “Man müsste Klavier spielen können, wer Klavier spielt, hat Glück bei den Frauen”.
Das wollte ich auch, ich hatte kein Klavier, sondern nur Geige gelernt, also dachte ich: Auch Sinatra hat Glück bei den Frauen! Ich sang als Elfter “Night and Day”, hatte zu hoch angesetzt und musste bei der zweiten Zeile kieksend aufhören. Später hat mich meine Familie mit harten Restriktionen vor ähnlich blamablen Gesangsauftritten bewahrt.
Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, dachte ich resigniert! Über Nacht berühmt wird man nur, wenn man tagsüber hart gearbeitet hat.
Jetzt, wo ich aus der Telekom-Werbung erfahren und gehört habe, wie Paul Potts sich in die Herzen der Frauen und in die Gipfel der Charts gesungen hat, mit “Nessun dorma” aus Puccinis “Turandot”, und seine Legende las: Armer Handy-Verkäufer im schiefen Anzug, pummelig, schlechte Zähne, wird mit einem Song weltberühmt, dachte ich: Es kann doch ein Meister aus dem Nichts vom Himmel fallen. Einfach so, Potts’ Blitz! Vom kleinen Verkäufer zum Opern-Gott, der die Frauen zu Tränen rührt, trotz schiefer Zähne, wegen seiner Stimme vom Standbein zum Singbein.
Ganz so einfach gehen Märchen aber nicht. Paul Potts hat schon 1999 einen Talentwettbewerb gewonnen. Von dem Geld leistete er sich eine jahrelange Profi-Ausbildung, bevor er als scheinbar armes Würstchen lossang und als Opernheld dastand. Immer noch Wunder genug. Liebling der Herzen. Ein Fan hat ihm dazu eine komplette Zahnreparatur spendiert. Sicher hat er dabei, als neuer Star und Profi, keinen Ton von sich gegeben. Jedenfalls nicht mehr ohne Gage!
Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost
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