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ZM-Studium kann keine berufsfähigen Absolventen mehr hervorbringen

November 11, 2008

DZW-Interview
mit DGP-Präsident Prof. Dr. Ulrich Schlagenhauf – Approbationsordnung
vom Wissensstand der 50er Jahre geprägt – Parodontologie mit engen
Wechselbeziehungen zur Medizin

 

DZW:
Sie haben auf der diesjährigen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft
für Parodontologie in Nürnberg anlässlich der Verleihung der Urkunden
an die neuen und rezertifizierten „Spezialisten Parodontologie“
kritisiert, dass der von der DGP dringend geforderte Fachzahnarzt für
Parodontologie wieder in weite Ferne gerückt sei, und zugleich
angemerkt, dass alle Anstrengungen unternommen werden müssten, auch die
Ausbildung in der Parodontologie während des Studiums unbedingt zu
verbessern. Wie sind der theoretische Wissensstand und die praktischen
Erfahrungen junger Zahnärzte am Ende des Studiums aus Ihrer Erfahrung
heute?

Dr. Ulrich Schlagenhauf

Prof.
Dr. Ulrich Schlagenhauf: Hier ist wenig Positives zu berichten. Zum
einen wird das Zahnmedizinstudium leider immer noch durch eine
mittlerweile völlig veraltete zahnärztliche Approbationsordnung
bestimmt, deren curriculäre Schwerpunkte vom Wissensstand und den
Krankheitsproblemen der 50er Jahre geprägt sind. Dies führt
beispielsweise dazu, dass an etlichen universitären Standorten
Patienten für die prothetischen Behandlungskurse händeringend gesucht
werden und mancher frisch examinierte Zahnarzt ebenso aufgrund des
Mangels an geeigneten Patienten weniger als zwei Zähne im Rahmen seines
Studiums extrahieren konnte, während etwa die parodontale Erkrankung
vieler universitärer Patienten aufgrund fehlender personeller und
räumlicher Ressourcen unbehandelt bleibt.

DZW:
Die diesjährige Jahrestagung der DGP in Nürnberg stellte den
Zusammenhang zwischen oraler Gesundheit und Allgemeingesundheit in den
Mittelpunkt und hat mit diesem Thema offensichtlich auch das Interesse
der Zahnärzte geweckt, wie die Resonanz zeigte. Was war für Sie im
Nachhinein gesehen die Botschaft, die Sie selbst von dieser Tagung
mitgenommen haben?

Schlagenhauf:
Der Nürnberger Kongress hat allen Beteiligten bestätigt, dass
parodontale Erkrankungen sehr viele Gemeinsamkeiten und Interaktionen
mit anderen chronisch-entzündlichen Erkrankungen im Bereich der
Allgemeinmedizin aufweisen. Weitere Forschungsanstrengungen zur
Verbesserung der Therapie parodontaler Erkrankungen sollten daher
unbedingt in enger Kooperation mit den Kollegen aus der
Allgemeinmedizin erfolgen. Zudem belegten viele Vorträge der Nürnberger
Tagung, dass schon jetzt gerade bei multimorbiden Patienten eine
Intensivierung des Dialogs zwischen Arzt und Zahnarzt den ärztlichen
wie zahnärztlichen Therapieerfolg wesentlich verbessern kann.

DZW: Welche Themen, Thesen oder Erkenntnisse sind für die tägliche zahnärztliche Praxis von besonderer Bedeutung?

Schlagenhauf:
Nürnberg zeigte, dass eine langfristig erfolgreiche zahnärztliche
Therapie, die den Anspruch hat, über einen bloßen Reparaturbetrieb
hinauszugehen, ohne profunde Kenntnisse des Zustands der
Allgemeingesundheit des Patienten nur in seltenen Ausnahmefällen
möglich sein wird. Zukünftige Fortschritte in den verfügbaren
Therapiemöglichkeiten sind nicht etwa in der Optimierung der
Abtragsleistung eines Scalers zu suchen, sondern im verbesserten
Verständnis der zugrunde liegenden Entzündungsprozesse. Dies wird
zwangsläufig die Zahnheilkunde stark an die Allgemeinmedizin annähern.

(Artikel gekürzt)