FAZ zur eG-Card: Unfreiwillige Freiwilligkeiten sind absehbar

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so die FAZ:

Ist das jetzt wieder nur das olle Thema Datenschutz? Ach, Datenschutz, diese ehrpusselige kulturkritische Figur aus den Achtigern. Ist nicht jeder für Datenschutz? Und hat nicht jeder im Grunde ganz andere Sorgen? Alles Feintuerische, dass dem Gerede vom Datenschutz anhaftet, entfällt, wenn es um das Großthema Vernetzung der Medizin geht – um jene Unausweichlichkeit, die in bisher unvorstellbarer Weise das Politische mit dem Persönlichen verdrahtet und aus dem guten alten Datenschutz plötzlich eine Existenzfrage von morgen macht.

Was taugt der Kerl? So wird man künftig in einem sehr körperlichen, sehr naturalistischen Sinne die alte Frage nach Kompetenz und Charakter neu formulieren können. Alles nur eine Frage der Datenbasis, des Bescheidwissens über Gesundheit und Krankheit.

„Staatliche Antwort“ auf die Pläne von Google und Microsoft

Denn das beobachten wir im Augenblick: Nirgendwo greift die Digitalisierung der Lebenswelt so tief in die Intimität des einzelnen hinein wie bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens. Google und Microsoft überlegen derzeit forciert, wie sich auch in Deutschland die digitale Patientenakte einführen lässt. Nutzer können damit ihre medizinischen Daten online verwalten, hinterlegen Angaben über Beschwerden, Krankheiten und medizinische Behandlungen, damit auch Ärzte, Apotheker und Labore darauf zugreifen und die Daten etwa für Diagnosen nutzen können, sofern der Patient sein Einverständnis gibt. Das System kombiniert also eine Archivfunktion für Krankenakten mit der Suchmaschine des jeweiligen Internetkonzerns und Informationsdiensten.

Das ist praktisch. Das ist nützlich. Das wird sich, wie alles Praktische und Nützliche, früher oder später auch hierzulande durchsetzen. Zumal die datenschützerische Verheißung, die das Bundesgesundheitsministerium mit seiner elektronischen Gesundheitskarte macht als der „staatlichen Antwort“ auf die Pläne von Google und Microsoft – zumal diese Verheißung sich jederzeit als null und nichtig herausstellen könnte.

Hat da etwa jemand was zu verbergen?

Zurecht bemängelt der Chaos Computer Club, dass Daten auf staatlichen Computern nicht sicherer sind als auf privatwirtschaftlichen. Pannen gibt’s schließlich überall, und man könnte sogar umgekehrt argumentieren: Das Vertrauen, auf das Google und Microsoft für ihre Health-Dienste unbedingt angewiesen sind, dieses Vertrauen wäre augenblicklich dahin, sobald die erste größere Panne bekannt würde. Schon deshalb mag man finden, dass die Vertrauensfrage in der Privatwirtschaft nicht weniger gut aufgehoben ist als bei der Ulla-Schmidt-Behörde.

Die Digitalisierung der Lebenswelt erreicht bei den Krankheitsdaten eine Schwelle, jenseits derer man nicht einfach nur eine PIN-Nummer mehr im Kopf behalten muss. Nein, mit dieser neuen PIN-Nummer werden Biographien in ihrem persönlichsten Kern bezifferbar. Die digitalisierte Krankenakte wird die Welt der Gesunden verändern. Denn wenn ich meine Patientenakte erst einmal versandfähig auf dem Schirm habe, entsteht die Frage von selbst, warum ich sie nicht versende: der Firma, bei der ich gerne arbeiten, dem Partner, mit dem ich gerne mein Leben verbringen möchte. Hat da etwa jemand was zu verbergen, wenn er nicht von selbst darauf kommt, mich von seiner gesundheitlichen Untadeligkeit zu überzeugen?

Was taugt der Kerl

Es geht also gar nicht um den planetarischen Hacker-Angriff, der die Krankenakten ausspäht und dann mit ihnen Handel treibt. Externe Aggression war bisher die Gefahr, vor der man mit dem Datenschutzappell stets warnte. Es geht um eine andere, weitaus sublimere Gefahr, die in ihren Auswirkungen mächtiger ist als jede denkbare Aggression von außen. Es ist die allgemeine Erwartung, sich als gesund präsentieren zu müssen. Sie wird steigen, wenn erst einmal die Krankenakte als Chip vorliegt. Warum, so werden Personalchefs fragen, enthält sie mir der Bewerber vor, wenn er mir doch – freiwillig, selbstverständlich – mit einem Knopfdruck beweisen könnte, wie fit er ist? Unfreiwillige Freiwilligkeiten wie diese sind absehbar, und wer sich an ihnen nicht beteiligt, fällt unfreiwillig aus der engeren Wahl.

Was taugt der Kerl? Widerwärtig allein schon die Frage. Bald wird sie genauer beantwortet werden können, als uns allen lieb sein kann.

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