Auf den Zahn gefühlt, am Nerv gebohrt

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Mönchengladbachs Trainer Meyer distanziert sich nach der Niederlage gegen Cottbus von der Borussia

An diesem Montag muss Hans Meyer zum Zahnarzt. Es seien umfangreiche Renovierungsarbeiten nötig, aber Meyer wird im Behandlungsstuhl nicht so leiden wie zwei Tage zuvor im Borussia-Park, wo er im erst siebten Spiel seiner Gladbacher Ära Schmerzen erfuhr, die ein Dentalmediziner allenfalls durch eineinhalbstündiges Bohren auf dem Nerv simulieren könnte. “Unser Gegner hieß ja nicht Bayern oder Chelsea”, sagte Meyer nach der 1:3-Niederlage zerknirscht, gedemütigt und wohlwissend, dass er dem filigranen Fußball der cleveren
Kontrahenten durch diese Diffamierung Unrecht tat. Borussia Mönchengladbach hatte daheim gegen den Tabellenletzten Energie Cottbus verloren, aber mehr noch als die an einen direkten Duellanten im Abstiegskampf verlorenen Punkte schmerzte der Umstand, dass die vermeintlich verängstigten Cottbuser großartigen Fußball gespielt und den erschreckend schwachen Gladbachern damit viel Hoffnung für die zukünftigen Aufgaben geraubt hatten.


Beglückte Gäste
Wenn Steffen Heidrich in dieser Woche einen Zahnarzttermin hätte, dann käme er
dort ohne Narkose aus. Der euphorisierte Cottbuser Manager war nach dem Spiel
wie entrückt durch den Kabinentrakt geschwebt und benutzte zur Erläuterung eines
ungewohnten Glückszustands die Begriffe “unglaublich” und “überraschend”.
Heidrich machte mit jeder Silbe klar, wie unerwartet ihn diese beste Saisonleistung
getroffen hatte. “Das war überdurchschnittlich”, schwelgte er, “jeder einzelne Spieler
hat mindestens hundert Prozent geleistet.” Der Torwart Gerhard Tremmel brauchte
nur drei Wörter für seine Begeisterung: “Ein geiles Spiel!” nannte er die
vorangegangenen 90 Minuten, die ein derart präzises und effektives Cottbuser
Kurzpassfestival präsentiert hatten, dass jeder tabellarisch unbedarfte Zuschauer
die in Warnwesten-Orange gehüllten Lausitzer intuitiv in die obere Liga-Hälfte
einsortiert hätte. “Das war sehr gut!”, sagte der um Worte ringende Trainer Bojan
Prasnikar überwältigt. Er wirkte sogar noch ein bisschen verstörter als der
deprimierte Meyer. Man hätte eigentlich gleich beide in eine kreislaufstabilisierende
Schocklage bringen müssen mit den Füßen schön hoch auf einem Stuhl.
Im kreislaufstabilisierenden Schneidersitz protestierten nach dem Spiel etwa
hundert Gladbacher Fans vor der Ausfahrt vom Stadionhof, und gemessen an
seinen Äußerungen hätte sich der Trainer Meyer vermutlich gerne dazugesetzt. Er
ließ kein gutes Haar an seiner desolaten auftretenden Mannschaft, erklärte den
Fußball bei der Borussia zum Desaster und distanzierte sich zwischen all seinen
Sätzen von einer Mitschuld am fatalen Prozess. Er nannte den Kader falsch
zusammengestellt, warf einzelnen Spielern vor, zu schnell beleidigt zu sein, und
machte für die Cottbuser Konter zum 0:2 und 1:3 mit vordergründiger Ironie und subtiler Selbstbefreiung “die offensiven Fußball fordernde Öffentlichkeit”
verantwortlich, “von der sich der Hans Meyer zu offensiven Spielerwechseln hat
verleiten lassen”.
Meyer gestand, dass Gladbach unter seiner Regie “noch kein einziges erstligareifes
Spiel” gezeigt hat, sparte aber aus, dass er das Team dazu in sieben Versuchen
weder animieren noch taktisch präparieren konnte. Ein 2:0 in Bielefeld und das
kämpferische 2:2 gegen Bayern München (nach 0:2-Rückstand) hatten Hoffnungen
genährt, doch nun sieht Meyer sogar seinen minimalistischen Vorsatz gefährdet, zur
Winterpause Mitte Dezember die Hoffnung auf eine rehabilitierende Rückrunde
einfrieren und Ende Januar wieder auftauen zu können. Die letzten schweren
Gegner dieses Jahres heißen Leverkusen und Dortmund.
Seitenhieb auf Luhukay
Meyer kündigt “zwei oder drei” winterliche Personalwechsel an und diskreditiert
seinen aktuellen Kader auch dadurch, dass er behauptet, die offensiven Talente
Alexander Baumjohann und Marko Marin und könnten durch bessere Nebenleute
“noch ein ganzes Stückchen besser spielen”. Meyer diagnostiziert wie ein Zahnarzt,
der den Pfusch eines Kollegen nur mit großem Aufwand und in vielen
Behandlungen beheben zu können glaubt. Der eine Kollege heißt Jos Luhukay und
war bis Anfang Oktober Trainer bei der Borussia. Der andere Kollege heißt Christian
Ziege, war Sportdirektor und sitzt jetzt als Assistenztrainer neben Meyer am
Spielfeldrand. Ziege und Luhukay haben ein Team zusammengestellt, von der sich
Hans Meyer erstaunlich offensiv distanziert. “So wie in den ersten 40 Minuten habe
ich in meiner sehr langen Laufbahn eine Mannschaft von mir in einem Heimspiel
noch nicht erlebt”, sagte er am Samstagabend. Was nun schlimmer sei, Gladbachs
Fußball oder der Zahnarzttermin, ist Meyer gefragt worden. “Zahnarzt ist nicht
schlimm!”, hat er geantwortet. Ulrich Hartmann

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