Graf Zahn und die Geister von McBrandenbusch

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Vorbei die Zeiten, als McZahn und dessen Medienritter Werner Brandenbusch der Liebling aller Medien war. Der aktuelle Text auf Spiegel Online, geschrieben voller Sachkenntnis (“Plomben aus China”) gehört deshalb auch eher in die Sparte Yellow Press.  Versehentlich hat der Spiegel-Autor doch recht  mit seinen chinesischen Plomben. Denn Plombe kommt von Plumbum und das ist umgangsprachlich immer noch Blei. Und Blei findet sich, wie wir mittlerweile wissen, in vielen Produkten aus China, also warum auch nicht in Zahnersatz? Aber, wenn wir es aus Kinderspielzeug, Milchprodukten und anderem schon gewohnt sind?

Graf Zahns Rache

Butlerschule, Personalberater, McZahn – Werner Brandenbusch hat sich an vielen Geschäftideen abgearbeitet. Kaum eine war von Erfolg gekrönt. Es gibt Menschen, die fühlen sich von ihm ausgenutzt – er gründet trotzdem ein neues Unternehmen. Die Geschichte von einem, der es nicht lassen kann.

Hamburg – Werner Brandenbusch ist gut aufgelegt. In Kürze will der runde Mann mit dem großen Selbstbewusstsein im Plomben-Business wieder kraftvoll zubeißen. Mit seiner neuen Franchise-Kette “House of Dental” greift Brandenbusch jene Geschäftsidee auf, mit der seine vorige Firma McZahn gegen die Wand gefahren ist. Zwei Praxen hat er dafür gewonnen – eine davon jagte er McZahn ab.
Der Plan lautet mal wieder: Plomben fürs Volk, zum Nulltarif. Den Zahnersatz kauft der Krefelder günstig in China. Durch das Gratis-Konzept könnten sich arme Patienten plötzlich Prothesen leisten, preist er die Idee. Das soll die Nachfrage rapide steigern – und viele neue Patienten in die Praxen spülen.

Dabei hatte McZahn dasselbe Konzept – und ist nun insolvent. Das Scheitern, sagen Insider, habe weniger mit dem Konzept selbst zu tun – und mehr mit merkwürdigem Management. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den gesamten Vorstand wegen des Verdachts auf Betrug und Urkundenfälschung, was Brandenbusch für “nicht berechtigt” hält.

Nachdem die Staatsanwaltschaft Razzien durchführen ließ, herrschte bei dem Dental-Discounter Hauen und Stechen. Für die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft macht McZahn Brandenbusch allein verantwortlich, denn er managte bis Ende Juni den Import des Zahnersatzes über seine Firma Silverline. Brandenbusch habe Dokumente “zeitweise formal nicht ordnungsgemäß ausgestellt”, schreibt das Unternehmen in einer Presseerklärung. Am 25. Juni habe man “mit personellen Konsequenzen” reagiert.

Ein Investor soll im Anschluss gesagt haben, seit Brandenbusch weg sei, habe sich bei McZahn “ein ganz neues Wir-Gefühl eingestellt”. Brandenbusch entgegnet, er sei freiwillig gegangen, weist alle Anschuldigungen zurück – und zeigt seinen Ex-Partnern die Zähne: Zum neuen Wir-Gefühl höhnt er: Der Investor “hätte auch einfach sagen können: ‘Wir sind pleite'”.

Ein Mann, der viele Feinde hat

Tatsächlich liegt McZahn in Trümmern, und Brandenbusch macht schon wieder Geschäfte. Fragt sich nur, ob dem Zahn-Zampano diesmal der Durchbruch gelingt – oder ob am Ende wieder nur verärgerte Geschäftspartner und neue Arbeit für Insolvenzverwalter bleiben. “Das wahre Talent von Werner Brandenbusch ist das Hinterlassen von verbrannter Erde”, giftet ein früherer Geschäftspartner.

Andere sagen, Brandenbusch sei gut darin, Menschen für sich einzunehmen, und sie geben gern Hinweise, was der Unternehmer schon alles verbockt haben soll. Einige übertreiben in ihrem Furor. Doch schnell wird klar: McZahn war nicht Brandenbuschs erstes Unternehmen, dessen geschäftliche Aktivität hinter großspurigen Ankündigungen zurückblieb, bei dem Kunden und Geschäftspartner sich teils ausgenutzt fühlten – und zum Teil rechtlich gegen Brandenbusch vorgingen.

Wie Werner Brandenbusch der “große Bellheim” wurde, um arbeitslosen Altmanagern neue Arbeit zu geben. Und wie er eine Butlerschule gründete, um Nachwuchs-Dienern das Putzen eines Jagdgewehrs beizubringen.

Vor seiner Karriere als Dental-Dealer trat Brandenbusch als großer Bellheim in Aktion. Er betrieb eine Jobvermittlung für arbeitslose Akademiker über 50, benannt nach dem TV-Film “Der große Bellheim”. Darin kehrt ein 60-Jähriger aus dem Ruhestand ins Berufsleben zurück, um eine Kaufhauskette vor dem Ruin zu retten.

Die Gründung der Stiftung passte 2002 gut zur Debatte wider den Jugendwahn, zur Kritik an der Entlassung älterer Manager in den Vorruhestand. Als Bellheim-Schirmherrin gewann Brandenbusch unter anderem Ex-Bundesarbeitsministerin Ursula Lehr. Die saß später auch im Aufsichtsrat von McZahn und will zu ihren Ämtern inzwischen nur noch schriftlich Stellung nehmen. Die Initiativen erschienen ihr “unterstützenswert”, schreibt sie. Zum Thema McZahn äußert sie sich gar nicht.

Bei der Bellheim-Stiftung machte Brandenbusch ähnlich vollmundige Ankündigungen wie bei McZahn: In einem Newsletter wurde die Zahl der Mitglieder auf etwa 650 beziffert. Von Job-Bewerbern wurde “freie Einsatzmöglichkeit innerhalb Europas” gefordert.

Doch die Vermittlung lief offenbar nicht sonderlich erfolgreich. Brandenbusch gab auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE an, seine Stiftung habe zwischen 2002 und 2006 etwa “zehn Personen” vermittelt. Ein Manager bestätigte auf Anfrage, ihm sei gegen Honorar erfolgreich Personal von den Bellheimern vermittelt worden.

Ein anderer Kunde, Hans Peter Maier, besitzt dagegen nur einen Beleg dafür, dass er eine Vermittlungsgebühr von 95 Euro an die Bellheim-Stiftung überwiesen hat. “Das einzige, was ich als Gegenleistung bekam, war ein Anruf von Herrn Brandenbusch, in dem er mich dafür bauchpinselte, dass ich mein Bewerbungsformular mit Füller ausgefüllt hätte”, sagt er. “So etwas zeuge von Stil.” Maier gab an, mehrmals persönlich mit Brandenbusch telefoniert zu haben. Brandenbusch sagt, er kenne den Mann nicht.

Als leere Versprechung entpuppte sich auch ein umfangreiches Service-Center: Rechtsberatung, Medizin-Ratgeber, Wellness- und Gesundheitstipps und Rabattkarte für einzelne Geschäfte inklusive. Brandenbusch bestätigte, dass all dies nie realisiert wurde. Er habe mit einem anderen Unternehmen einen juristischen Streit um den Namen Bellheim geführt. Am Ende habe er “keine Lust” mehr gehabt, weiter privates Geld zu investieren.

Brandenbuschs Butlerschule

Die International Butler Academy war eine andere schräge Geschäftsidee, die Brandenbusch unter dem Dach seiner Firma Silverline betrieb. Brandenbusch habe an der Schule selbst dozieren wollen, sagt Udo Riedesel, ein TV-Journalist, der auf der Web-Seite der Bellheim-Stiftung zeitweise als Presseberater aufgeführt war. Auf dem Lehrplan sollten “unter anderem Jagdgewehrputzen und das adäquate Waschen eines Rolls Royce stehen”. Für seine PR-Arbeit, habe er “weder Vertrag noch Honorierung” erhalten, sagt Riedesel heute. Laut Brandenbusch hat Riedesel “ehrenamtlich” gearbeitet.

16 Butler habe die Akademie insgesamt ausgebildet, so Brandenbusch. Heute putzt an der Diener-Schule niemand mehr Jagdgewehre. Der Betrieb sei eingestellt, sagt der Gründer. Wie es aus seinem Umfeld heißt, wollte sich Brandenbusch ganz und gar auf sein damals neuestes Projekt konzentrieren: auf McZahn.

McZahn: Warum Werner Brandenbusch vorgeworfen wird, einen Brief gefälscht und eine Ärztin betrogen zu haben – und warum McZahn ihm vorwirft, das Unternehmen zerstört zu haben.

Im April 2006 gingen Brandenbusch und sein Partner, der Dentist Oliver Desch, mit der Billigkette McZahn an den Start. Der Import günstiger Plomben und Kronen aus China war nicht neu. Neu war nur das Franchise-Konzept, das den Zahnärzten gegen Gebühr einen Run auf ihre Praxen bescheren sollte. Bis Ende 2006 wollten Brandenbusch und Desch 30 neue Praxen eröffnen, langfristig 400 in ganz Deutschland. Doch daraus wurde nichts: Am Ende wurden es gerade mal sieben, dann meldete McZahn Insolvenz an.

Besonders schwere Vorwürfe erhebt die frühere McZahn-Ärztin Dagmar Strosek. Als Dentistin bekommt sie Geld von der Kassenzahnärztlichen Vereinigung (KZV), wenn sie Zahnersatz einkauft. “Herr Brandenbusch hat versucht, mir einen Vertrag unterzujubeln, nach dem diese Zahlungen direkt an McZahn gehen und nicht mehr an mich”, sagt sie. Dabei habe ihm die KZV dies zuvor untersagt. Im September zeigte Strosek Brandenbusch wegen Betrugs an. Brandenbusch sieht das alles ganz anders – und erhebt seinerseits Vorwürfe gegen Strosek.

Auch von der Firma McZahn fühlt sich Strosek geschädigt. Tatsächlich hat das chinesische Labor, das den McZahn-Ersatz herstellte, ihr über längere Zeit keine Prothesen geliefert. Strosek zufolge verhängte das Labor einen Lieferstopp, weil McZahn ihm eine hohe Summe schuldete. Strosek sagt, sie habe für ihre Bestellungen letztlich selbst zahlen müssen, um endlich ihre Kunden bedienen zu können. Manche seien wochenlang mit Provisorien im Mund herumgelaufen.

Auch nach Angaben der Insolvenzverwaltung hatte McZahn Schulden. Als gesicherte Erkenntnis könne allerdings nur weitergeben, dass bei Anordnung des vorläufigen Insolvenzverfahrens Zahlungsrückstände in einer Gesamthöhe von 42.132,68 Euro bestanden. “Aufgrund der unzureichenden Buchhaltung können wir die Rückstände für die vorhergehende Zeit noch nicht hochrechnen”, teilte die Insolvenzverwaltung SPIEGEL ONLINE mit. In die Abrechnungsverhältnisse zwischen dem Zahnlabor und der Silverline GmbH habe man bislang keinen hinreichenden Einblick, der gesicherte Aussagen zulasse.

Strosek jedenfalls hat sich inzwischen von McZahn abgekoppelt. Sie ordert allerdings weiter in China Plomben und Prothesen, bietet Patienten weiter Zahnersatz zu günstigen Konditionen – nach eigenen Angaben sehr erfolgreich.

Ein merkwürdiger Brief

Auch Zahntechniker Jörg S. ist auf Brandenbusch nicht gut zu sprechen: Schon Mitte August gab er gegenüber SPIEGEL ONLINE an, er habe am 27. September 2007 bei Brandenbusch angerufen und gekündigt, weil McZahn ihm mehrere Rechnungen für Reparaturarbeiten nicht bezahlt habe.

Brandenbusch dagegen behauptete seinerzeit, S. habe am Telefon nicht gekündigt. Als Beleg führte er einen Brief an, den er S. am 28. September geschrieben haben will. In dem Schreiben, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, wird dem Zahntechniker mitgeteilt, er bekomme für das Ausstellen sogenannter Konformitätserklärungen weiter wie gehabt 500 Euro pro Monat. Bescheinigen sollte S. mit diesen die genaue Herkunft der McZahn-Prothesen und deren Inhaltsstoffe nach Herstellerangaben.

S. bestritt, diesen Brief erhalten zu haben. Im April 2008 aber habe er zu seiner Verwunderung erfahren, dass McZahn immer noch besagte Bescheinigungen in seinem Namen ausstellte. Hat S., wie er sagt, gekündigt, wären alle in seinem Namen ausgestellten Dokumente nach dem 27. September ungültig.

Dann aber hätte die Kassenzahnärztliche Vereinigung Nordrhein (KZVNR) McZahn-Ärzten Geld für Plomben und Prothesen erstattet, deren Herkunft und Inhaltsstoffe nicht bescheinigt sind – und das wäre illegal.

S. jedenfalls meldete der KZVNR die vermeintliche Dokumentenfälschung, und die Vereinigung forderte von McZahn 860.000 Euro zurück – die Gesamtsumme für den offenbar unbescheinigten Zahnersatz. Und die KZVNR meldete den Fall der Staatsanwaltschaft Wuppertal, die wegen des Verdachts auf Betrug und Urkundenfälschung die Ermittlungen aufnahm. McZahn-Kenner sagen, dieser Doppelschlag habe Ruf und Kapitaldecke des Unternehmens förmlich “zerfetzt”.

Schuld an dem Dokumente-Desaster soll nur einer gewesen sein: Werner Brandenbusch. Der habe nämlich die alleinige Verantwortung für den Import des Zahnersatzes – und damit für das Ausstellen der Bescheinigungen – gehabt, heißt es in einer Pressemitteilung von McZahn. Aber dagegen verwehrt sich Brandenbusch. S. habe nie gekündigt, der Brief vom 28. September 2007 belege es.

Allerdings könnte der Brief auch erst geschrieben worden sein, nachdem S. bereits gegen McZahn vorgegangen war: Auf einem McZahn-Rechner existieren zwei Dateien, die den Wortlaut des Briefs erhalten. Erstellt wurden sie auf dem PC von Brandenbuschs damaliger Sekretärin – am 19. Mai 2008.

Brandenbusch sagt dazu, er habe früher mal eine Sekretärin gehabt, die bei Diktaten seine Anweisung, bestimmte Passagen in Parenthese zu setzen, wörtlich nahm – sprich: “in Parenthese” ausschrieb. Er habe die Frau gefeuert und seine neue Sekretärin testen wollen. Zufällig habe er ihr den Brief an Herrn S. diktiert, “weil auch in ihm Passagen ‘in Parenthese’ zu setzen waren”.

Brandenbusch erklärte außerdem, dass der ursprüngliche Brief mit dem richtigen Erstellungsdatum auf seinem Rechner vorhanden sei. Die Staatsanwaltschaft sagt, die Ermittlungen über den genauen Zeitpunkt, an dem das Schreiben gefertigt wurde, dauerten noch an.

Einer von vielen Vorwürfen gegen McZahn und seinen Gründer. Werner Brandenbusch gibt sich trotzdem unbeirrt – und macht mit “House Of Dental” einfach eine neue Firma auf. Wolf von der Fecht, der Insolvenzverwalter von McZahn, lehnt jede Stellungnahme dazu ab. Kommentieren will er nur McZahn im Allgemeinen: Es sei “ein Dilemma, dass eine so gute Idee durch menschliche Unzulänglichkeiten so herunter gewirtschaftet wurde”.

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One Response to “Graf Zahn und die Geister von McBrandenbusch”

  1. T. Klages Says:

    WB ist tot. Er war ein großer, ein visionärer und sympathischer Zeitgenosse. Immer freundlich, immer witzig und voller Tatendrang, voller Energie. In wirklich jedem Gespräch sprudelten seine (Geschäfts-)Ideen und immer war er auch bereit andere an Board zu holen. Er hat geteilt, auch das Geld, wenn es was zu teilen gab.
    Hat er betrogen? Nie und nimmer! (Aber das Verfahren wird’s zeigen!) War er ein guter Kaufmann? Wohl auch nicht.
    WB und McZahn war dafür eine symptomatische Geschichte. Ein bisschen wie der Alte Mann und das Meer. Eigentlich ein echter Jackpot. Aber zu viele Mitesser, ein böser Schwager und andere dümmliche Berater haben ihm die Idee abgejagd, die Vision zerredet und dabei doch versucht nur versucht, das Bärenfell unter sich aufzuteilen, ohne den Jäger und lange bevor der Bär erlegt war.
    Brandenbusch ist oft gestrauchelt, manchmal auch gefallen, aber immer wieder aufgestanden. Weder Mißerfolge oder die dummen Sprüche der Besserwisser, hier und an anderen Stellen, von Menschen, die selbst nie was angestoßen haben, noch seine vielen Neider konnten ihm was anhaben. Seine Krankheit war jetzt der eine Stolperstein zu viel. Ein großer Stein, der ihn daran hinderte weiter zu kämpfen. Er hat sich quasi selbst besiegt. Ich trauere, denn ich habe ihn sehr geschätzt.
    Werner Brandenbusch hat sich Ende August das Leben genommen.

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