Suchtklinik für Ärzte

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gestern beschäftigte sich der SWR mit der Oberbergklinik im Schwarzwald, die sich auf die Behandlung von alkoholsüchtigen Ärzten spezialisiert hat. Leider findet sich der Beitrag nicht Online. Dafür gibt es einen schon etwas älteren Beitrag dazu in Fakt:

Hans Raderschatt ehemals trinkender Arzt /trockener Alkoholiker:
“So im nachhinein weiß ich, dass ich den Alkohol gebraucht habe, um überhaupt stehen zu können, gehen zu können, arbeiten zu können, auch zum Teil operieren zu können. Schriftstücke, sprechen – alles das nur mit Alkohol.”

Nur ganz wenige Mediziner wagen es, wie Hans Raderschatt offen über ihre Sucht zu sprechen. Als junger Facharzt trank er drei bis vier Flaschen Schnaps pro Tag. Seit 20 Jahren ist er trocken, arbeitet als Allgemeinmediziner, berät auch Süchtige. Sein Einstieg in die Abhängigkeit war symptomatisch.

Hans Raderschatt
“Es war einfach dieses Gefühl der Unfähigkeit, Fehler zu machen oder etwas nicht zu können. Das Gefühl der Minderwertigkeit war mehr oder weniger präsent in allen Dingen, die ich da gemacht habe. Ich fühlte mich immer nicht gut genug.”

Ärzte sind stärker suchtgefährdet als die Normalbevölkerung. Amerikanische Studien belegen das. Für Deutschland gibt es keine Zahlen. Angenommen, daß nur rund 5 Prozent der Ärzte süchtig sind, hieße das: über 17.000 süchtige Ärzte praktizieren in Deutschland. Jeder von ihnen ist eine potentielle Gefahr für seine Patienten. Die Kunstfehlerquote dieser Ärzte liegt 10 – 100 mal höher, so Schätzungen. Die übliche Reaktion der Kollegen: Wegschauen.

Hans Raderschatt
“Es wagte kaum jemand, mich anzusprechen. Weil immer so dahinter stand: Dem tun wir unrecht. Oder aber: Na ja, da war gerade was passiert und da hat er eben mal getrunken. Aber mich darauf angesprochen, dass ich wohl alkoholkrank sein könnte, hat mich keiner.”

Die Oberbergkliniken in Wendisch-Rietz. In dieser Suchtklinik ist man auf die Therapie abhängiger Ärzte spezialisiert. Das besondere Problem: Die Halbgötter in Weiß dürfen eigentlich nicht versagen. Aber sie sind auch nur Menschen. Viele nennen als Hauptmotiv ihrer Sucht Berufsstreß. Die Abhängigkeit kommt schleichend.

Lothar Schlüter-Dupont
Leitender Arzt
“Motiv ist oft eine unerträgliche innere Spannung, Überlastung. Ich seh bei Ärzten zunehmend auch Angststörungen. Und das wird, weil der Arzt eine größere Griffnähe hat, langsam über eine Selbstbehandlung schleichend behandelt mit dem Ergebnis, dass sich eine manifeste Sucht entwickelt.”

Suchtstoff Nummer eins: der Alkohol. Ein Drittel der Abhängigen schluckt dazu noch Tabletten. Nach Erhebungen der Klinik sind 20 Prozent der Betroffenen sind. Ärzte sind rund doppelt so häufig arzneimittelsüchtig wie die Normalbevölkerung. Die Gründe: der einfache Zugriff und ein tiefer Glauben an die kontrollierbare Handhabung von Pillen und Spritzen.

Auch dieser junge Anästhestist aus Köln glaubte, er habe den Stoff im Griff. Er will nicht erkannt werden, weil er berufliche Nachteile befürchtet. Neun Monate lang spritzte er sich in jeder Tag- und Nachtschicht Opiate, stärkste Schmerzmittel.

Dr. K.
ehem. opiatabhängiger Anästhesist:
“Ich war persönlich damals in einer Situation, in der ich sehr viel mehr Zeit für mich selbst haben wollte. Es war ein Zeitpunkt in dem ich Probleme mit dem Älterwerden hatte, in dem ich Probleme mit einer Beziehung hatte. Und das war ein Zeitpunkt, in dem beruflich sehr stark eingespannt war. Und die Injektion von Opiaten war ein Mittel für mich, diese Belastungen durchhalten zu können. Das funktionierte am Anfang sehr gut. Und es war überhaupt niemandem aufgefallen. Im Gegenteil. Dadurch das Opiate eine euphorisierende Wirkung haben, war ich am Anfang, waren sehr viele durchaus begeistert von der Art wie ich gearbeitet habe.”

Die Dosen wurden immer höher, die Stimmungsschwankungen auffälliger. Als der junge Arzt von Kollegen direkt auf die Sucht angesprochen wurde, glaubte er selbst noch immer, nicht abhängig zu sein.

Lothar Schlüter-Dupont
Leitender Arzt Oberbergkliniken:
“Das Problem ist, dass Ärzte in ihrem Rollenverständnis die Macher sind. Diejenigen, die beruflich sich und anderen helfen müssen. Und dieses überhöhte Ideal führt dazu, dass viele ihre Probleme selbst mit sich abmachen wollen, Ärzte nehmen gegenüber der Durchschnittsbevölkerung zu spät Hilfe an.”

Der halbherzige Versuch, das Problem mit einigen Sitzungen beim Psychiater in den Griff zu bekommen, schlug fehl. Erst ein stationärer Aufenthalt zeigte Wirkung. Die Nachbehandlung und Überwachung des jungen Arztes dauert immer noch an.

Eine derart intensive Betreuung fördert die Ärztekammer Hamburg schon seit Jahren. Sie hilft betroffenen Ärzten, eine passende Suchtklinik und therapeutische Nachbehandlung zu finden, übt in der Folgezeit eine Kontrollfunktion aus. Der Erfolg des Programmes: nicht eine Approbation wurde in den letzten acht Jahren entzogen. Aber nicht alle Ärztekammern handeln so.

Klaus-H. Damm
Ärztekammer Hamburg
“Der Unterschied ist der, dass alle anderen Kammern bis jetzt nicht entdeckt haben, dass man als Kammer nicht nur strafen kann, sondern auch Hilfe anbieten kann für abhängige Kammermitglieder. In der Regel ist es so, dass wenn ein abhängiges Kammermitglied entdeckt wird, die Kammer dann eine Meldung macht an die entsprechenden Behörden, die dann mehr oder weniger automatisch die Approbation entziehen.”

Langsam greift die zähe Überzeugungsarbeit der Hamburger, und andere Ärztekammern wollen nachziehen.

Aber die Arbeitsbedingungen in den Kliniken werden immer schlechter – ein Problem besonders für suchtgefährdete Ärzte. Der Klinikbetrieb funktioniert nur noch mit Millionen von größtenteils unbezahlten Überstunden. Der Druck nimmt durch schlechte wirtschaftliche Rahmenbedingungen dramatisch zu. Dabei wäre eine Lösung eigentlich ganz einfach.

Rudolf Henke
Ärztegewerkschaft Marburger Bund
“Es würde völlig ausreichen, wenn wir in den Krankenhäusern die Arbeitsbedingungen hätten, die gesetzlich vorgeschrieben und tariflich vereinbart und für den Gesundheitsschutz Gesunder geboten sind. Aber in Wirklichkeit haben wir Bedingungen, unter denen schon die Menschen, die gesund sind, krank werden. Unter denen schon bei Gesunden ein Burn-Out-Syndrom provoziert wird. Und unter solchen den Bedingungen ist es natürlich auch schwierig, den Erfolg einer Suchttherapie zu halten.”

Lothar Schlüter-Dupont
Leiter Oberbergkliniken
“Wenn die permanente Überlastung der Ärzte und die im manchen maßlose Beanspruchung so fortgeht, könnte ich mir vorstellen, dass die Abhängigkeit bei Ärzten zunehmen wird und wir werden zunehmend süchtige Ärzte bekommen.”

Hans Raderschatt hatte Glück. Er konnte aus dem Klinik-Alltag aussteigen, eine kleine eigene Praxis eröffnen. Den weißen Kittel als Statussymbol hat er ausgezogen, er setzt auf ein partnerschaftliches Verhältnis zum Patienten. In einer Selbsthilfegruppe hat er es geschafft, vom Alkohol loszukommen. Aber trotzdem bezeichnet er sich noch immer als Alkoholiker.
Hans Raderschatt
ehemals alkoholsüchtiger Arzt
“Ich fühle mich heute so stabil, dass ich sagen kann, mir kann nichts passieren. Auf der anderen Seite möchte ich gerne mitteilen, dass es geht, Arzt und Alkoholiker zu sein und sogar dazu zu stehen und zu sagen: hier steh ich, so bin ich und ich kann meinen Beruf trotzdem weiter ausführen.”

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One Response to “Suchtklinik für Ärzte”

  1. Uwe Says:

    Auch ich habe in meiner Alkoholiker-Karriere in einigen klinischen Einrichtungen einige trinkende Ärzte kennen gelernt.
    Alkoholismus ist weder ein Unterschichten-Problem noch macht es vor bestimmten Berufsgruppen halt. Es kann jeden treffen.
    Mittlerweile bin ich trocken (2,5 Jahre) und führe unter http://www.alkoholiker-online.de meinen Blog für Alkoholiker wie mich und alle anderen.

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