Zurück zur Zahn-„Heilkunde”

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Oft haben Krisen – dem griechischen Wortursprung „Entscheidung“ folgend –, also Zeiten, in denen es um Wandlungen für die Zukunft geht, auch etwas Gutes an sich. Die globale Finanzkrise und die entsprechende Wirtschaftskrise im Gefolge mit steigender Arbeitslosigkeit geht auch an der Profession des Zahnarztes nicht spurlos vorbei. In den USA haben die privaten Praxen mit einem seit einem Vierteljahrhundert unbekannten Einbruch der Patientenzahlen von 30 Prozent und mehr zu kämpfen. Immer mehr Patienten selbst aus der Mittelschicht schieben Behandlungen auf, Eltern schicken ihre Kinder nicht mehr zur Präventiv-Betreuung. Dagegen ist der Ansturm auf die „Clinics“ (Zahnstationen), die staatlich versicherte Patienten oder auch Nichtversicherte über Stiftungen und Spenden behandeln, überwältigend, die Wartezeiten „boomen“.
Eine Entwicklung, von der deutsche Zahnärzte aufgrund unseres GKV-Systems verschont bleiben, und so haben selbst alte Hardliner eines strikten GKV-Ausstiegskurses unter den Zahnärztefunktionären diesem nun abgeschworen. Auch sie erkennen, dass die – wenn auch schlecht honorierte und mit Budget- und Wirtschaftlichkeitskautelen belastete – Bema-Versorgung dennoch für jede Zahnarztpraxis die wirtschaftliche Grundlage bietet. Sie stellt nicht nur eine breite Grundversorgung „auf Kasse“ sicher, sondern sorgt vor allem dafür, dass die Patienten weiterhin – auch und erst recht in der Krise – in die Praxen kommen und so die Voraussetzung schaffen, mit einigen Patienten über bessere Leistungen sprechen und sie erbringen zu können.

Das ist die eine Erkenntnis. Die zweite ergibt sich auch wieder aus dem Blick nach Amerika. Dort zeigen Umfragen von Zahnärzte-Vereinigungen zur Marktentwicklung, dass die Nachfrage nach „kosmetischen“ Leistungen völlig – um mehr als 60 Prozent – eingebrochen ist, ja dass Veneers kaum noch gefragt sind und sich viele Patienten Implantate nicht mehr leisten wollen oder können. Die eingebrochenen Börsenkurse der Implantat-Multis sprechen davon ein beredtes Zeugnis. Die „Grundversorgung“ – bei uns solidarisch gesichert – mit Füllungen, Paro, Endo und Prothesen, wird wieder mehr nachgefragt, wenn sie denn privat finanzierbar ist.

Zahlen aus den USA, die eine klare Trendumkehr erkennen lassen: Sich von einem Weg zu verabschieden, der vom zahnmedizinischen Paradigma der Heilbehandlung hin zur Dienstleistung auf Wunsch führte, und nun die eigene Identität wieder verstärkt in der Zahn-„Heilkunde“ zu suchen. Dies ist kein Plädoyer gegen „Ästhetik“ in der Zahnheilkunde, denn eine Restauration oder Rekonstruktion ohne Beachtung der Ästhetik zu leisten heißt, die Arbeit nicht gut zu machen.

flichtet. Wenn für die „ausreichende“, „wirtschaftliche“ und medizinisch notwendige zweckmäßige Lösung bereits die Kasse geradesteht, muss und darf sich der Zahnarzt in seiner Beratung nicht beschränken. Hier aber in die Kiste des „schönen Lächelns“, des rein kosmetischen Zahnversorgungsangebots zu greifen, ist für den ZahnArzt kontraproduktiv. Ganz vorrangig erfüllt ZahnMedizin einen medizinischen Bedarf zur Wiederherstellung der oralen Gesundheit und Funktion. Auf diesem Weg führt die globale Wirtschaftskrise mit ihren Folgen für die Nachfrage nach zahnärztlicher Versorgung den Zahnarzt wieder hin zur Zahn-„Heilkunde“, weg von kosmetisch bestimmten Interventionen, die mehr Handwerk als Medizin und oft ein Zeichen der Übertherapie sind.

Bleibt eine dritte Erkenntnis zu verzeichnen. Immer mehr Ärzte und Zahnärzte erkennen nicht nur, dass bei vielen Erkrankungen, zum Beispiel Diabetes, hämatologischen Erkrankungen und Infektionskrankheiten eine enge Kooperation mit Ärzten bis hin zur „Vernetzung“ sinnvoll ist. Einmal, um die Patienten gemeinsam in einer interdisziplinären Betreuung besser versorgen zu können, aber auch, um wirtschaftliche Vorteile aus der Kooperation generieren zu können. Dies, und das ist in Zeiten wirtschaftlichen Drucks nicht zu übersehen, durch Nutzung von Rationalisierungspotenzial durch gemeinsamen Personaleinsatz, gemeinsame Nutzung von Geräten oder Räumen oder eben auch dadurch, gemeinsam gegenüber Kostenträgern aufzutreten. Die Krise als Chance.

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