Kreationismus durch die Hintertür

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Zunächst sah es nach einem Sieg für die Wissenschaft aus. Der Bildungsausschuss von Texas votierte unlängst dafür, dass nicht länger die „Stärken und Schwächen“ naturwissenschaftlicher Theorien im Schulunterricht analysiert werden müssten. Die kontroverse Klausel „strengths and weaknesses“ gehört zum Instrumentarium amerikanischer Kreationisten. Unter dem Deckmantel wissenschaftlichen Diskurses sollen die Ergebnisse der Evolutionsbiologie, Geologie und Kosmologie revidiert und durch eine vorgebliche „Wissenschaft“ ersetzt werden, „die mit christlichen und theistischen Überzeugungen übereinstimmt“, so die Vision des Discovery Institute in Seattle, des Flaggschiffs der Anti-Darwinisten.

Den Hebel dafür setzen die Gegner der Evolutionslehre seit langem an den staatlichen Schulen an. Im texanischen Lehrplan tauchte das Erfordernis, angebliche Schwächen von Erkenntnissen zu beleuchten, an denen in der Wissenschaftsgemeinde keine Zweifel bestehen, in den späten achtziger Jahren auf. Damals schrieben die texanischen Schulbehörden erstmals vor, dass die Evolutionslehre an staatlichen Schulen zu unterrichten sei. Anhänger des biblischen Schöpfungsglaubens wurden durch die Zusicherung besänftigt, dass zugleich die „Stärken und Schwächen“ der Evolutionstheorie im Unterricht zu behandeln seien.

Ein bekennender Kreationist führt den Bildungsausschuss

Die praktische Bedeutung dieser Vorgabe war gering, solange Gegner der Evolutionslehre kaum Einfluss in Schulgremien hatten. Doch mittlerweile wird der Vorsitz des einflussreichen Bildungsausschusses, der bestimmt, was texanische Schüler lernen, von dem bekennenden Kreationisten Don McLeroy geführt. Der zweiundsechzig Jahre alte Zahnarzt stilisiert sich unter dem Banner akademischer Freiheit als David im Kampf gegen die Wissenschaftsgemeinde. Vor der entscheidenden Abstimmung seines Gremiums über die neuen Vorgaben für den naturwissenschaftlichen Unterricht wetterte McLeroy in einem Kommentar für die Zeitung „Austin American Statesman“, dass „Akademiker vom äußeren linken Rand zusammen mit der säkularen Elite der Meinungsmacher“ eine kritische Betrachtung der Evolutionstheorie verhindern wollten.

Auch wenn McLeroy und seine Berater vom Discovery Institute nicht verhindern konnten, dass die Anweisung, „Stärken und Schwächen“ der Evolutionstheorie aufzuzeigen, gestrichen wurde, haben die Kreationisten über Umwege dennoch erreicht, was sie wollten. So hat der Bildungsausschuss auf McLeroys Drängen hin die Vorgaben zum naturwissenschaftlichen Unterricht um andere Formulierungen ergänzt, die Kreationisten die Option geben, gesicherte Erkenntnisse über die Entstehung des Lebens zu relativieren.

„Ein Triumph von Ideologie über die Wissenschaft“

„Texas hat eine klare Botschaft gesandt, dass Evolution als wissenschaftliche Theorie unterrichtet werden soll, die sich kritischer Überprüfung stellen muss, nicht als heiliges Dogma, das nicht in Frage gestellt werden darf“, frohlockte John West, einer der maßgeblichen Forscher am Discovery Institute. Entsprechend alarmiert reagierten jene, die Kreationismus aus dem naturwissenschaftlichen Unterricht fernhalten wollen. „Ein Triumph von Ideologie über die Wissenschaft“, beklagte die Anthropologin Eugenie Scott, Exekutivdirektorin des „National Center for Science Education“ (NCSE). Angeführt vom NCSE, hatten Dutzende von Wissenschafts- und Bildungsorganisationen an die zehn Republikaner und fünf Demokraten im Bildungsausschuss appelliert, Unterrichtsvorgaben abzuwehren, die eine Schwächung oder Relativierung gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse befürchten lassen. Auch in der Obama-Administration zeigt man sich besorgt. Von einem „Rückschritt“ sprach John Holdren, Leiter des Büros für Wissenschaft und Technologie im Weißen Haus. Doch sei Washington machtlos, da über die Curricula in den einzelnen Bundesstaaten entschieden werde.

Zum Einfallstor für antidarwinsche Unterrichtsinhalte könnte die neue Vorgabe werden, dass wissenschaftliche Erklärungen zum „plötzlichen Auftauchen“ („sudden appearance“) neuer Arten auf ihre Zulässigkeit hin analysiert und überprüft werden sollen. Denn eines der zentralen Argumente der Kreationisten lautet, dass die Sprünge im Laufe der Erdgeschichte Beweis für die Existenz eines Schöpfergottes oder einer höheren Intelligenz („Intelligent Design“) seien. Ferner setzte McLeroy durch, dass Schüler anzuleiten seien, die wissenschaftlichen Erklärungen zur „Komplexität der Zelle“ zu bewerten. Diese Vorgabe ist gleichsam Türöffner für die Behauptung des Biochemikers und Verfechters von Intelligent Design, Michael J. Behes, gewisse biochemische Strukturen seien zu komplex, als dass sie sich schrittweise entwickelt haben könnten (Konzept der nichtreduzierbaren Komplexität).

Auch Schulen in anderen Bundesstaaten könnten betroffen sein

Der jüngste Sieg der Kreationisten in Texas könnte sich auch auf Schulen in anderen Bundesstaaten auswirken, befürchten Kritiker der neuen texanischen Standards. Sie denken dabei an die Bedeutung von Texas für den amerikanischen Schulbuchmarkt. Neben Kalifornien ist der „Lone Star State“ der größte Abnehmer von Schulbüchern. Deshalb sind die Schulbuchverlage darauf bedacht, Neuauflagen den texanischen Standards anzupassen. Aus Kostengründen werden die für Texas konzipierten Bücher auch in vielen anderen Bundesstaaten verwendet. Welche Bücher in texanischen Schulen verwendet werden dürfen, bestimmt wiederum McLeroys Bildungsausschuss. Und der Vorsitzende hat den Schulbuchverlagen bereits signalisiert, dass er eine kritische Darstellung der Evolutionstheorie erwarte, wenn sein Gremium 2011 über neue Biologiebücher entscheidet.

Allerdings ist der Bildungsausschuss seinerseits ins Visier des texanischen Parlaments geraten, wo man die Aktivitäten des Gremiums schon seit längerem aus verschiedenen Gründen mit Argwohn verfolgt. Manche Parlamentarier sind derart aufgebracht, dass sie dem Gremium die Entscheidungsbefugnis über Unterrichtsstandards und die Einführung neuer Schulbücher entziehen wollen. Zu den Initiatoren eines entsprechenden Gesetzentwurfs gehören auch republikanische Gesetzgeber. Ferner werden juristische Schritte gegen die kreationistischen Vorgaben des Bildungsausschusses erwogen. In dem Grundsatzurteil „Kitzmiller v. Dover Area School District“ wurde 2005 nicht nur die Unterrichtung von Intelligent Design im Biologieunterricht als verkappte religiöse Einflussnahme verboten, das Gericht in Pennsylvania rügte auch die Vorgabe, es seien „Lücken und Probleme der Evolutionstheorie aufzuzeigen“. Man darf gespannt sein, was die Gerichte in Texas aus „Kitzmiller“ für die Rechtmäßigkeit der neuen Unterrichtsvorgaben folgern. (faz)

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