Pischel und der Master of Fachgebiet

by

so die dzw: Man kann sich einiges schönreden

Kommentar von Chefredakteur Jürgen Pischel – Schönfärben gehört ganz einfach zum politischen Geschäft. Das gilt in besonderem Maße auch für die Berufspolitik auf allen Ebenen, bis hinein in die letzte Fachgesellschaft. Da schaffen sich Präsidenten und Vorstände, ja selbst wissenschaftliche Gesellschaften eigene Welten, um bei ihren (vielfach Zwangsmitgliedern) gut dazustehen.

Schönfärben gehört ganz einfach zum politischen Geschäft. Das gilt in besonderem Maße auch für die Berufspolitik auf allen Ebenen, bis hinein in die letzte Fachgesellschaft. Da schaffen sich Präsidenten und Vorstände, ja selbst wissenschaftliche Gesellschaften eigene Welten, um bei ihren (vielfach Zwangsmitgliedern) gut dazustehen. Um das eigene Weltbild hochhalten zu können, legen sich diese Kreise eine erstaunliche Beratungsresistenz zu, oft geboren aus einer tief wurzelnden Selbstüberschätzung. Kritiker, so auch aus den Medien, werden schnell abgekanzelt mit Fragen oder Kommentaren wie „Verstehen Sie eigentlich etwas von dem, was Sie da schreiben?“ Dies alles nur, um sich mit anderen Auffassungen nicht auseinandersetzen zu müssen, die das eigene Weltbild in Frage stellen könnten.

Sind ein paar Beispiele gewünscht? Gerne! Aus Feigheit vor der Zwangsklientel und um der vielleicht nicht verkaufen zu müssen, dass eine GOZ-neu, also die Novelle zur 88er-GOZ, die ja laut Statements der Berufspolitik betriebswirtschaftlich das schleichende Gift aller Praxisexistenzen ist, nicht allen zahnärztlichen Funktionärsblütenträumen genügen kann, wird das Gemeinschaftsnovellierungswerk von Bundesgesundheitsminister, PKV und Beihilfe in Grund und Boden verteufelt. Statt sich der Bereitschaft der Politik zur Nachbesserung in entscheidenden Punkten zu stellen, so bei der Öffnungsklausel für eine GOZ-Anbindung hin zur eigenen Honorarordnung für Zahnärzte (HOZ) der Zahnärzteschaft oder auch der Aufbesserung der Punktwertbemessung, lehnt man den GOZ-Referentenentwurf „einstimmig“ in Versammlungen und Stammtischresolutionen volltönend und rundweg ab.

Vor allem wegen der breiten Angleichung von Bema- und GOZ-Leistungsbeschreibungen wird die Ablehnung damit begründet, dass diese unwissenschaftlich seien – unter völliger Leugnung des Tatbestands, dass dafür die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) mit der sogenannten Bema-Neustrukturierung auf dem „State of the Art“ die Verantwortung trägt. Die Zahnärzte selbst sind hier die Verursacher des Schadens.

Man setzt ganz auf eine neue Regierung und die Einflüsterungen der FDP und verbreitet, die alte 88er-GOZ sei doch so schlecht nicht, warum sollte man nicht mit der gut weiterleben. Ein Widerspruch, der wirkliches Vertrauen in die zahnärztliche politische Argumentation aufs Spiel setzt.

Beispiel Festzuschüsse. Die werden von KZBV-Seiten als Segen und Rettungsanker der Therapiefreiheit für die Praxen gefeiert, obwohl sie sich als bürokratisches Monster und als Versorgungsbelastungsinstrument herausgestellt haben, durch das die Zahnärzte wirtschaftlich – die Zahntechniker sowieso – bisher nur verloren haben. Aber das macht nichts. Augen zu und durch zur nächsten Festzuschussforderung auf dem Weg in den stillen GKV-Ausstieg, den eine Mehrheit der Zahnärzte längst ablehnt. Aber die FDP spielt munter im Hoffnungskonzert der Zahnärzte mit, die Grundversorgung in der GKV sei der nächste Schritt, reduziert auf eine kleinste Basisversicherung.

Beispiel neue Approbationsordnung für das Zahnmedizinstudium. Bereits seit zehn Jahren basteln Wissenschaft, Fachgesellschaften und Kammern daran, zeigen sich völlig einig, dass es keinerlei Dissonanzen mehr mit der Politik gebe und die in Europa sich breit machende Bachelor-Master-Struktur in der Medizin und Zahnmedizin für Deutschland aufgehalten werden könne. Schon allein wegen des Knackpunkts auf dem Weg zur Verordnung der neuen Approbationsordnung, des schöden Geldes wegen – entweder mindestens 10 Prozent mehr Geld für die Universitäten oder 10 Prozent weniger Studenten –, wird die Politik die Beschlussfassung zur Approbationsordnung so lange hinziehen, bis man an der Bachelor-Master-Struktur nicht mehr vorbei kommt. Denn mit der kann man Zugangsschleusen öffnen, ohne zu Beginn mehr Geld in das Universitätssystem pumpen zu müssen. Auch da setzt man in der Standespolitik und Wissenschaft auf das Versprechen eines FDP-Landeswissenschaftsministers – „Ihr bekommt 10 Prozent mehr Geld“, – mit dem er im Bundesrat aber ganz alleine dasteht. Die Alternative „weniger Studienzulassungen“ ist angesichts der Gymnasialzeitverkürzung von 13 auf 12 Jahre mit mehr Studienbewerbern in der Folge völlig obsolet.

Beispiel Spezialisierung. Da versuchen Hochschullehrer eine neue Ideologie einer „zahnärztlichen Weiterqualifikation im System der Marktwirtschaft“ zu verbreiten. Es wird versucht, die postgraduale Weiterqualifikation zum „Master of Science Fachgebiet“ als durch reines Wirtschaftsstreben getrieben zu diffamieren, dafür aber den sogenannten Spezialisten, von Fachgesellschaften vergeben durch die angeblich absolvierte Spezialisierungsprogramme, als „anspruchsvoller als die Fachzahnarzt-Qualifikation“ zu verkaufen.

Dies unter Negieren zum Beispiel des Bundesverfassungsgerichtsurteils, wonach kaum einer der von Fachgesellschaften ohne wirkliche Qualifikationsdefinitionen vergebenen „Spezialisten“ diese Bezeichnung überhaupt führen darf. Denn Voraussetzung dafür ist, dass die zahnärztliche Tätigkeit ganz überwiegend, also zu mehr als 75 bis 80 Prozent „in der Spezialisierung“ auszuüben ist.
Zum wirklichen Wert des „Spezialisten“ noch etwas: Jeweils sieben Zahnärzte können eine Fachgesellschaft gründen und einen eigenen „Spezialisten“ kreieren. Das geschieht auch fleißig, allein aus den sonst angeprangerten kommerziellen Gründen.
Der universitär europaweit gesetzlich gesicherte „Master of Science Fachgebiet“ ist aus der Bologna-Struktur heraus die einzig akademische Weiterqualifikation mit Titel, die Bestand haben wird und sich längst durchgesetzt hat. Selbst Kammern haben das zu begreifen begonnen.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s


%d bloggers like this: