bye bye Jürgen Pischel

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eigentlich hatte man es schon zur IDS erwartet, dass der große Matador der deutschen Zahnmedizin von seinem Posten als Vordenker abtritt. Gewünscht haben es sich viele – zu unbequem war der DZW-Chef vielen, die in der Zahnmedizin gerne das Sagen gehabt hätten. Viel geschmäht wegen seiner Kommentare, die oft genug gegen die guten Sitten, des “dassagtmannicht” verstoßen haben. Ja warum “sagt man das nicht”? Warum darf man Dinge nicht beim Namen nennen, Ross und Reiter nennen? In welcher Demokratie leben wir denn, als dass sich alle nach den großen Totschweiger sehnen?

Noch nie hat es was gebracht, wenn man alles nur unter den Tisch kehrt, aussitzt. Deshalb Hut ab! Um seinen Ruhestand brauchen wir uns wohl keine Sorgen zu machen, er hat sich schon etwas neues ausgedacht, und sich dabei – wie man so hört, hat er sich schon eine neue Beschäftigung ausgesucht, und sich dabei in alter Tradition nicht nur Freunde geschaffen 🙂

Ich sage Dankeschön und trete leise ab

von Chefredakteur Jürgen Pischel –

Mehr als 1.000 Kommentare habe ich an dieser Stelle in den nun 22 Jahren des Bestehens der DZW zum Zeitgeschehen in der Zahnmedizin wie in der Berufs- und Gesundheitspolitik verfasst. Dabei war es immer leicht, Zustimmung zu finden, habe ich die Gesundheitspolitik – gleich welcher Regierung, schwarz oder rot oder gar schwarz-rot – an den Pranger gestellt und zu zerpflücken gesucht.

Ganz anders war das Echo bei meinen Kommentaren zur Berufspolitik, aus Verbänden und Körperschaften. Für vieles, was ich kritisch anmerkte, wurde ich aus dem „Berufsfunktionärstum“ angegriffen, sogar mit Hasstiraden belegt, der bewussten Fehldeutung bezichtigt oder einfach mit „ach der Pischel, der hat nie Recht“ abgewatscht. Einige der Anwürfe haben schon zu Verletzungen und Vernarbungen geführt, vor allem – insgesamt mehrere Dutzend Mal – wenn Drohungen kamen wie „im Dritten Reich hätte man Leute (Kommentatoren) wie Sie …“. Viele Funktionäre wollten die von mir geschaffene Wochenzeitung, die sie gerne als „Bild-Zeitung der Zahnärzte“ abzukanzeln versuchten, nie gelesen haben, kommentierten aber in Versammlungen munter meine Kommentare. Für mich war das alles nur ein Beweis dafür, dass wir im Lauf der Jahre in der zahnärztlichen Medienlandschaft die Meinungsbildungsführerschaft übernommen und bis heute nicht abgegeben haben.

Freier Journalismus hat immer zwei Seiten. Man kann sich nicht jede Woche nur mit den großen Entwicklungen, in unserem Fall den wichtigen Sphären der Gesundheitspolitik, oder den Fortschritten in der Zahnmedizin und mit der Verantwortung für eine bessere Versorgung beschäftigen, auch die journalistische Basisarbeit, viele meinen Kanalarbeit, will eben geleistet sein.

Ich war immer – und werde es auch bleiben – ein überzeugter Streiter für den freien, den selbstverantwortlichen Zahnarzt. Dabei galt und gilt es, nicht nur die politische Auseinandersetzung für die Rechte eines freien Zahnarztes zu führen, unabhängiger sein zu können, sich aus den Zwängen der Gesundheitspolitik und den Kassenrestriktionen zu befreien. Nein, es gilt vor allem, sich zu lösen von den Blockaden, die durch die Politik der Berufsfunktionäre entstehen. Die Berufspolitik ist bis heute über weite Strecken geprägt von einem Blockadedenken, nur nichts Neues, aber Pflege alter, längst überholter Dogmen. So wird zum Beispiel vielfach noch unermüdlich für den Einzelkämpfer und Allgemeinzahnarzt und gegen Kooperation und Spezialisierung gestritten. Vor allem aber frönt man über weite Strecken weiter der weitgehenden Verweigerung, in der Politik aktiv mitgestalten zu wollen, nur weil man nicht bereit ist, Verantwortung für Entwicklungen mittragen zu müssen.

Ein letztes Beispiel dafür war die Entwicklung um die „GOZ-neu“, die GOZ-Novellierung. Zuerst gab es die gebetsmühlenartig wiederholte Klage über mehr als 20 Jahre Stillstand, die betriebswirtschaftlich völlig untragbare Abwertung des Punktwerts durch Inflation und die Überrundung der GOZ-Leistungsbeschreibungen durch den medizinischen Fortschritt. Man entwickelte ein eigenes Werk, die HOZ, von der niemals jemand annahm, dass sie eins zu eins von der Politik übernommen werden kann.

Die Politik entschied sich mit den privaten Kassen zur Bema-Annäherung der GOZ, fußend auf Beschlüssen der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV) und der gesetzlichen Kassen zur Bema-Umstrukturierung. Schon war das Unwort von der „Bematisierung der GOZ“ im Raum, obwohl gerade aus Kammern und Freiem Verband parallel viele Listen kursierten, dass der Bema die GOZ längst an Attraktivität überholt habe. Man verweigerte die Mitarbeit in den GOZ-Beratungsgremien im Bundesgesundheitsministerium (BMG), setzte auf Verhinderung der Novellierung, bereitete aber parallel Seminarkampagnen zur möglichen GOZ-neu vor, wie man aus dieser für die Praxis das Beste – mehr als aus einer GOZ-alt – erwirtschaften könne, auch zum Vorteil der Verbandskassen.

Die Verzögerungspolitik hat dazu geführt, dass das BMG auf die GOZ-Novellierung in dieser Legislaturperiode verzichtete. Es hätte einiges, aber nicht alles von den Zahnärzten erreicht werden können. Die Verschiebung hat nur den Funktionären geholfen, keine Verantwortung für eine GOZ-Novellierung übernehmen zu müssen. So bejubelte man den Erfolg, die GOZ-neu verhindert zu haben, um direkt, sozusagen in einem Atemzug, wieder einzusteigen in ein lautes Lamento über die untragbare „Alt-GOZ“, verbunden mit der Ankündigung, vermehrt Seminare zur GOZ-alt-Optimierung anzukurbeln. Verweigern, verhindern, lamentieren.

Einiges glaube ich in der Zahnheilkunde-Landschaft mit dem klaren Votum für den freien Zahnarzt, auch frei von den durch die Berufspolitik geschaffenen Zwängen, mit der Meinungsführerschaft, die die DZW sich über weitere Bereiche in der Zahnärzteschaft erwerben konnte, erreicht zu haben. Dafür stehen vorrangig zwei Themen. Gegen das jahrzehntelang von den Funktionären gepflegte Dogma vom „Kassenaustritt“ der Zahnärzte stellte ich schon in den frühen Jahren der DZW die Formel der „200-Prozent-Praxis“: Nicht Austritt aus der Kasse, sondern auf der Grundlage der Kassenversorgung gemeinsam mit dem Versicherten, dem Patienten, eine bessere Zahnmedizin und optimale Versorgung privat vereinbaren und leisten.

Das klägliche Scheitern des Kollektiv-Ausstiegs im sogenannten Korb zeigte, dass die ganz überwältigende Mehrheit der Zahnärzte die Überwindung der Zwänge des Systems der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) im System und nicht durch Austritt anstrebte. Dies machte es einfach, die Praxen mit Hilfen und Anregungen aus der DZW, aber vor allem dadurch, ihnen Mut zu machen, dabei zu unterstützen, den Patienten und nicht den Bema-Katalog in den Mittelpunkt zu stellen. Für eine große Mehrzahl der Praxen ist heute die „200-Prozent-Praxis“ mehr als Realität, das heißt, sie erwirtschaften mit Kassenpatienten über die Kassenhonorare hinaus nochmals den gleichen Umsatzanteil privat.

Heute, gerade in der Zeit der großen Finanzkrise, ist das Verbleiben in der GKV, im Solidarsystem, auch die Existenzsicherung für die Zahnarztpraxis als Grundversorgung, auf der aufgebaut werden kann.

Das zweite große Thema war die Spezialisierung, die Kooperation in der Praxis und von Praxen, die unternehmerische Praxisorganisation. Spezialisierung aber nicht nach dem Prinzip, jeder ernennt sich selbst zum Spezialisten für XY oder Verbände bauen ein selbstpflegendes Vergabesystem auf, sondern auf der Grundlage einer gesicherten, wissenschaftlich-zahnmedizinischen Fort- und Weiterbildung und der Überprüfung von in der Praxis erbrachten Leistungen. Auch hier hat sich in der Zahnärzteschaft ein völliger Meinungswandel vollzogen, weg vom Alles-Könner-Anspruch des Allgemeinpraktikers hin zum „Fachzahnarzt“ besonderer Prägung in einer Zahnmedizin State of the Art.

Praxiskooperationen, Gemeinschaftspraxen bis hin zu Großpraxen, ja auch Ketten, werden die klassische Einzelpraxis nicht völlig verdrängen, aber in breitem Maße überwinden. Hier galt und gilt das Streben unserer Berichterstattung immer dem Anspruch: „Freier Zahnarzt“ heißt auch freie Entscheidung, in welcher Praxisform er wirken möchte, mit wem er in welcher Form zusammenarbeitet, örtlich oder überörtlich, und in welcher unternehmerischen Organisationsweise. Hier hat der Gesetzgeber bereits sehr viel weiter die Tore geöffnet, als es die KZBV und die Kassenzahnärztlichen Vereinigungen (KZVen) mitzugehen bereit sind. Aber auch hier wird der Zug des Fortschritts aus den Anforderungen des Marktes heraus die Blockade der Funktionäre überrollen.

Aber, auch das sei gesagt, es hat sich in den vergangenen Jahren ein breiter Meinungswandel in den Körperschaften, voran in einzelnen Kammern und in der Bundeszahnärztekammer (BZÄK), vollzogen. Man beginnt, die Welt der Gesundheitspolitik mit Realismus zu sehen und Chancen für die Zahnärzteschaft aus Entwicklungen auszuloten und neue Wege zu gehen. Das aus einem Anspruch der politischen Gesamtführung für die Zahnärzteschaft heraus und der Versetzung der vom Staat dominierten Vertragszahnärzteschaftsvertretung in die zweite Reihe. Die Kasse dominiert ja auch nicht mehr die Praxisbetriebswirtschaft.

Für eines bin ich besonders dankbar. Es ist mir nie schwer gefallen, immer an notwendige Informationen heranzukommen, um auch Hintergründe erklären zu können und unsere Leser besonders aktuell und umfassend zu unterrichten. Sicher, das wird mir von allen Seiten bestätigt, ich habe Vertraulichkeit gewahrt, wo sie erbeten worden war, so auf viele „News“ verzichtet, um ein gegebenes Wort nicht zu brechen. Aber die Informationen halfen mir, besser zu verstehen und gezielter zu kommentieren.

Ich sage Dankeschön meinem Partner als Herausgeber, Prof. Dr. Rolf Hinz, dass er mich redaktionell frei gestalten und walten hat lassen, wenn er dafür auch manche Funktionärsschelte einstecken musste.

Ich sage Dankeschön allen Mitarbeitern in unserer Redaktion, auf die ich mich in meinem vom „Journalisten-Kopf“ geprägten Management immer verlassen konnte, und so ist uns die große Panne nie passiert.

Besonders dankbar und auch etwas stolz bin ich, dass ich immer wissen konnte und mir das bei Vorträgen, in Anrufen, Briefen und vielfältigen Kontakten mit Zahnärzten bestätigt wurde, dass eine große Mehrheit der Leserschaft aus Zahnärzten und Zahntechnikern hinter uns stand und steht, wir sie auf unserer Seite hatten.

Ich habe nun zum Ende dieses Monats alle meine Rechte an der DZW an meinen Mitherausgeber Rolf Hinz und seinen Zahnärztlichen Fach-Verlag abgegeben und damit auch alle meine bisherigen Pflichten übertragen.

Ich trete ab, nicht weil ich müde oder gedrängt geworden bin, sondern weil ich meine, dass man auch aufhören können muss, wenn man es selbst für richtig hält. Vor allem aber auch, weil ich mir nun gemeinsam mit meiner Frau noch einmal ein großes Werk vorgenommen habe, den Aufbau einer privaten Universität mit Grundstudien in der Zahnmedizin zum Dr. med. dent. und in Medizinjournalismus und der Öffentlichkeitsarbeit. Wir haben, bestätigt von unabhängigen Wissenschaftlern, den Versuch in Angriff genommen, privatrechtlich ein Dental-Excellence-Studium neuer Prägung zu organisieren, und dafür die Akkreditierung des Österreichischen Akkreditierungsrates (ÖAR) erhalten. Hier Neues und Bestes zu schaffen, wird mich die nächsten Jahre vornehmlich beschäftigen.

Ich sage Dankeschön, nehme leise Abschied und melde mich sicher das eine oder andere Mal zu Wort. Wer mir seine Meinung noch einmal sagen möchte, bitteschön. Alles Gute und toi, toi, toi
Ihr J. Pischel

Jürgen Pischel
Pramaweg 90
A – 6353 Going am Wilden Kaiser
j.pischel@dzw.de
Fax: (0043/05358) 4301811

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One Response to “bye bye Jürgen Pischel”

  1. DZW-Leser Says:

    Als regelmäßiger DZW-Leser bin ich nicht immer einverstanden mit der Position gewesen, die Jürgen Pischel in seinen Kommentaren einnimmt. Auch die Form (vor allem die “journalistische”) war manchmal mehr als fragwürdig.
    Aber gerade deshalb brauchte man die “Bild-Zeitung” für Zahnärzte…
    Was seine neue Beschäftigung betrifft: Eine Privatuni (12 000 € pro Semester?) in Österreich aufmachen für postgraduale Studien sowie Medizinjournalismus und Öffentlichkeitsarbeit? Vielleicht sollte manch einer einfach den ruhigen Lebensabend genießen…

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