Zahnarzt verursacht Ohrenschmerzen

by

Wer sich Anfang der 90er nicht für Grunge oder Trip Hop – das einzig Bedeutende, was dieses Jahrzehnt musikalisch hervorgebracht hat – interessierte, und wem Techno zu hart war, der tanzte vor allem in Großraumdiscos zu einer Musikrichtung, deren Coolness-Faktor auf der Höhe eines Opel Astras lag: Eurodance. In der Reihe “Back to the 90s” holt das “Forum” die Stars von einst dorthin, wo sie nicht hingehören: auf die Bühne. Am vergangenen Freitag kam Dr. Alban zu einer kurzen Visite – so 16vor.

Wenn Musiker oder andere Künstler vor ihrer Karriere einen bürgerlichen Beruf gelernt haben, wird das gern und häufig im Zusammenhang mit ihnen erwähnt. So kann man heute kaum noch jemanden mit der Information beeindrucken, dass DJ Bobo gelernter Bäcker, Stefan Raab Metzger und Sting Englischlehrer ist.

Welchen Beruf Dr. Alban ausgeübt hatte, bevor er in der ersten Hälfte der 90er Jahre mit “Hello Africa”, “It’s my Life” und “Sing Hallelujah” Millionen Platten verkaufte, lässt schon der Name erahnen. Allerdings kam auch kein DJ oder Video Jockey bei der Ankündigung eines seiner Stücke umhin, darauf hinzuweisen, dass der gebürtige Nigerianer Zahnarzt sei.

Zahnarzt ist im Allgemeinen ein Beruf, der Würde ausstrahlt. Dr. Alban vermittelt auf der Bühne genau das Gegenteil. Nachdem das Publikum über drei Stunden lang mit Ace of Base, Mr. President, Haddaway, den Backstreet Boys, den Spice Girls und schließlich mit den Kirmestechnostücken von Technotronic (”Pump up the Jam”), Corona (”Rhythm of the Night”) und Culture Beat (”Mr. Vain”) in Tanzlaune gebracht wurde, betritt der Herr Doktor um 1.15 Uhr den Saal.

Der 51-Jährige, der in Schweden lebt, hat etwas zugenommen und seine Brusthaare sind weiß geworden. Von der Lässigkeit wie im Clip zu “It’s my Life” oder der Lebensfreude im Video zu “Sing Hallelujah” ist nichts mehr zu spüren. Sein ganzes Auftreten drückt aus: “Bringen wir es schnell hinter uns”, sein Sprechgesang klingt furchtbar, und zum Anpeitschen röhrt er zwischendurch “Deutschlaaand” oder “Triiier”. Man empfindet noch größeres Mitleid für ihn als für die ganzen One-Hit-Wonder und alten Ex-Stars, die für ein paar Kröten in Musik-Motto-Shows mit Hugo Egon Balder oder Oliver Geissen auftreten müssen.

Den weiblichen Gesangsteil (beim europäischen Dancefloor, der außer in Deutschland fast nur in musikalischen Entwicklungsländern erfolgreich war, singen meist ein oder zwei Frauen und ein Schwarzer rappt) übernimmt eine ungenannte, stimmlich ansprechende Blondine in schwarzen, glänzenden Leggins und Baby Doll. Talentiert sind auch die beiden Breakdancer im Hintergrund. Doch insgesamt wird deutlich, dass – wenn man die Show nicht so bombastisch aufzieht wie DJ Bobo – Eurodance nur in Studioversionen oder in aufwändigen Musikvideos funktioniert.

Dr. Alban grölt sein halbes Dutzend Hits runter und eilt nach 30 Minuten von der Bühne. Er ist schon fast weg, als er noch “Goodbye, thank you” ruft. Der Stimmung im Publikum tut dieser wenig glanzvolle Auftritt keinen Abbruch. Keiner protestiert, als sofort nach dem Kurzkonzert Reel 2 Reals Po-Wackel-Nummer “I Like to Move it” gespielt wird. Ganz im Gegenteil: Der Titel wird euphorisch in die Tat umgesetzt. Die Generation derer, die Anfang der 80er geboren wurden, feiert den musikalischen Mainstream ihrer Jugend.

Advertisements

Tags:

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s


%d bloggers like this: