Zahnarzt als Sternentdecker – und -Täufer

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Blickrichtung Südost, Schlag 18 Uhr, 50 Grad überm Horizont, im Sternbild Fische zwischen Andromeda und Widder. Da steht er gerade. Man muss ihn erahnen, weil er mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist und auch keinen Kometenschweif trägt wie weiland der Stern von Bethlehem. Aber er ist da. Kreist auf seiner elliptischen Umlaufbahn zwischen Jupiter und Mars, 148 Millionen Kilometer von der Erde entfernt, der er gerade enteilt. Bis 2012 wird er 439 Millionen Kilometer Distanz zwischen sich und seinem Namensgeber geschaffen haben: der Stern von Bergen-Enkheim.

Gut, korrekt formuliert ist er kein Stern, sondern ein Asteroid und hieß bis vor kurzem noch so unsinnlich wie ein Kfz-Kennzeichen: 2006 PR4.”2006″, weil Uwe Süßenberger, Kieferorthopäde und Amateur-Astronom aus Bergen-Enkheim, den bis dato unbekannten Kleinplaneten in jenem Jahr entdeckt hat. Von seiner Sternwarte im Garten aus, in dem sein selbst zusammengebautes, einmetersechzig langes Newton-Spiegelteleskop mit 40 Zentimetern Spiegeldurchmesser und angeschlossener Kamera nebst Laptop aus dem umfunktionierten Gartenhaus mit aufklappbarem Dach in den Himmel ragt.

Am 13. August 2006 war es, erinnert sich der vierfache Familienvater. Da hat er plötzlich jenen winzigen Lichtpunkt wahrgenommen, dokumentiert auf seinen Computerbildern, die die Kamera am Teleskop im Minutenrhythmus aufnimmt. Uwe Süßenberger hat seinen Fund eine weitere Nacht lang dokumentiert, wie es das Minor Planet Center in Cambridge/USA verlangt, die weltweite Basis-Station, in der alle Kleinplaneten dokumentiert, beobachtet und vor allem die gefährlich erdnahen Asteroiden lückenlos verfolgt werden.

Auch dabei hilft Süßenberger, liefert wie die Profis weltweit und die geschätzten zehn semiprofessionellen Astronomen, die es in Deutschland gibt, alle Daten an das astrophysikalische Zentrum oder hält in deren Auftrag erdnahe Kleinplaneten im Fokus, um deren Umlaufbahn mit möglichst vielen Informationen zu präzisieren. “Mitunter taucht dann eben auch ein neuer Kleinplanet auf.” Uwe Süßenberger sagt es leichthin, als wäre Sternefinden so leicht wie Pilzesuchen. “Beim Minor Planet Center laufen pro Nacht manchmal zehn bis 15 Neufunde ein.” Süßenberger selbst hat auch schon zehn gemeldet.

Wobei Herkunft und Entstehung umstritten sind: Eine Theorie besagt, die Kleinplaneten sind Teile eines einstigen Planeten, der explodiert ist. Eine zweite, dass die Brocken wie alle Planeten durch die Gravitationskräfte ihrer Umlaufbahn aus Sternenstaub entstanden sind, der immer stärker verklumpt. “Dass es bei kleineren Brocken geblieben ist, könnte daran liegen, dass die Gravitationskräfte nicht stark genug sind.”

Viele Neuentdeckungen sind bereits registriert

Belege gibt es für beide Theorien, Süßenberger kann sie aus dem Effeff herunterbeten. Unumstritten ist dagegen, dass Neufund nicht gleich auch neuer Asteroid bedeutet. In Cambridge werden erst mal alle verfügbaren Daten dazu ausgewertet, sagt Süßenberger, “viele Neuentdeckungen entpuppen sich dabei als längst registriert”. Wenn nicht, muss der neue Lichtpunkt am Himmel mindestens zwei Nächte lang dokumentiert sein, und erst wenn er nachweislich fünfmal die Sonne umkreist hat, darf der Finder einen Namen auswählen. “Das kann manchmal viele Jahre dauern.”

Bei Bergen-Enkheim hat es aber relativ schnell geklappt – obwohl der Asteroid gleichfalls zweieinhalb Jahre braucht, um einmal die Sonne zu umkreisen.

Seit dem 2. Dezember heißt “2006 PR 4” jetzt wie sein Taufpate das wollte. Als Hommage an seine Heimat Bergen-Enkheim, sagt Süßenberger, der Basis-Station für “A74”, wie seine Vorgarten-Sternwarte in internationalen Astronomenkreisen codiert ist.

Die Ergebnisse, die sein Spiegelteleskop mit 1600 Millimeter Brennweite liefert, sprengt die Dimensionen eines Hobbys, das der Mediziner schon als Schüler entdeckt hat, fasziniert vom Weltraum, von dem Wissen, “dass da draußen noch was ist, was man hier nicht kennt”.

Sein erstes Teleskop hat er sich gebraucht beschafft und durchs Dachfenster seines Jugendzimmers den Sternenhimmel beobachtet. Jahre später, bereits ein Arzt, hat er seine alte Leidenschaft wiederentdeckt, sich immer größere Fernrohre gekauft und ist mit Frau und Kindern und Zelt zu Teleskop-Treffen Richtung Marburg, in den Vogelsberg, den Bayerischen Wald oder einfach nur mal schnell zur Wegscheide nach Bad Orb gefahren.

Dann kam das erste große Teleskop in den Garten, fest auf Betonfuß zementiert, mit umgestülpter Regentonne als Schutz, dann kam das erste Gartenhaus mit aufklappbarem Dach, und schließlich gab es alles noch eine Nummer größer.

Die Begeisterung, sich nachts auf die Lauer zu legen, den Andromedanebel zu betrachten, die Milchstraße oder das Farbenspiel von Mars und Jupiter hat nachgelassen, gibt er zu. “Wenn man alles schon gesehen hat, reicht es irgendwann, am nächsten Morgen die Bilder der Nacht am Computer zu sehen.”

Bei Bergen-Enkheim ist das Adrenalin dann doch gehörig ins Blut geschossen. Wie bei dem “Trojaner”, den Uwe Süßenberger gleichfalls entdeckt hat und benennen könnte. Er müsste einen Namen aus der Ilias aussuchen, sagt er, weil sein Asteroid in der Umlaufbahn des Jupiters kreist. Aber so tolle Namen wie Odysseus oder die der sonstigen Hauptdarsteller sind schon vergeben, sagt er “mir ist zu dumm, in die Tiefe der unteren Chargen der Ilias zu tauchen”. Jetzt heißt sein Trojaner lapidar “185396”.

Süßenberger zuckt mit den Schultern. Vielleicht, weil er überzeugt ist, dass er bald einen seiner weiteren acht Funde taufen darf – nach der fünften Sonnenumrundung, die auch von anderen Astronomen in der Wald per Daten und Bildern belegt werden kann. Der Name steht jedenfalls schon fest: Urda wird er heißen. Wie seine Frau, die den ungewöhnlichen nordgermanischen Namen trägt. Süßenberger lacht. Ist eh viel besser als irgendein drittklassiger trojanischer Sagenheld.

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