Als würde einem das Genick gebrochen

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Die Wissenschaft mit dem Korkenzieher: Eine Berliner Ausstellung zur Zahnheilkunde

Professoren und Zahnärzte müssen von Berufs wegen nicht nur gelegentlich quälen, sie brauchen dafür auch noch eine Lizenz. Das war nicht immer so, jedenfalls was die Zähne angeht. Davon kann man sich jetzt in der Ausstellung “goldgefüllt und perlengleich. 300 Jahre Zahnheilkunde in Berlin” überzeugen.”Zahnreißer”, wie hier auf einem martialischen Bild von Theodor Rombouts aus dem frühen siebzehnten Jahrhundert zu sehen, waren herumreisende Chirurgen und Barbiere, die im Gegensatz zu Ärzten für die handwerkliche Seite der medizinischen Versorgung zuständig waren. So zog um 1700 etwa Johann Andreas Eisenbarth mit Musikern und Schauspielern umher, um am Rande von Rummelplätzen Brüche und Blasensteine zu operieren, Zähne zu ziehen oder den Star zu stechen. Wie geschickt solche Wanderchirurgen zuweilen waren, zeigt ein Schädel aus dem frühen achtzehnten Jahrhundert, der einen gleich am Eingang zur Ausstellung begrüßt: ein Segment seiner Schneidezähne erweist sich als Prothese.

Dieser Kopf fand sich nicht zufällig bei Grabungen in Berlin, das für die Zahnheilkunde berühmt ist. Philipp Pfaff, Hofzahnarzt Friedrichs des Großen, gilt neben dem Franzosen Pierre Fauchard als Begründer der neuen Fachrichtung. Seine hier gezeigte wegweisende “Abhandlung von den Zähnen” (1756) beschreibt erstmals eine Goldkrone, während “Zahnpflanzungen” mit Transplantaten von Verstorbenen schon im Mittelalter versucht wurden. Voraussetzung für die Etablierung der neuen medizinischen Disziplin, für die in Berlin auch die erste Professur überhaupt eingerichtet wurde, war die Abgrenzung von den Zahnreißern. Im preußischen “Medicinal Edict” von 1725 heißt es: “Uebrigens soll denen auf Jahrmärkten herumziehenden Bruchschneidern und Zahn-Aerzten, auch Wurzel-Krähmern gar nicht erlaubt sein, in unseren Städten öffentlich auszustehen, und feil zu haben, wenn sie nicht von Uns besonders privilegiret sind.”

Ob nun mit oder ohne Privileg gebohrt, gerissen oder implantiert wurde, weh getan hat es allemal. Barthold Heinrich Brockes lässt in seinem Gedicht “Der Zahn” von 1727 an dieser “wilden Pein” keinen Zweifel aufkommen, nachdem der Doktor gerade seinen “Pelican” angesetzt hat: “Wir hielten uns im Anfang beyde gut: / Er brach; ich hielte fest, noch fester doch der Zahn. / Er knackt’, ich wiche nicht. Doch endlich war mein Muth / Noch eher als der Zahn gebrochen. / Er riß ein gräßliches Gekrach, / Wodurch des ganzen Hauptes Knochen / Zu spalten schien, ein kurz doch kläglich Ach / Mir aus der Brust.” Wie so ein Pelikan aussieht und angewendet wird, kann man in der Berliner Schau betrachten: Es handelt sich um ein zweiteiliges, modischen Korkenziehern nicht unähnliches Instrument, das, abgestützt gegen die gesunde Zahnreihe, einen beweglichen Hebel zur Extraktion anlegt.

Zahnbehandlungen in der Literatur müssen dramatisch sein, gehen also gerne auch schief. Bei einigen der ausgestellten blinkenden Zangen und ledergepolsterten Behandlungsstühle mit fußbetriebener Bohrmaschine aus der Zeit um 1900 denkt man unwillkürlich an die schwere Stunde des Senators Thomas Buddenbrook im “Operationszimmer” von Herrn Brecht. Die bakteriologischen Ursachen für Karies sind da bereits entdeckt, und auch Betäubungsmittel stünden eigentlich bereit. Aber was hilft das schon bei einem fürchterlichen Eingriff? “Es dauerte drei oder vier Sekunden. Herrn Brechts bebende Kraftanstrengung teilte sich Thomas Buddenbrooks ganzem Körper mit, er wurde ein wenig auf seinem Sitze emporgezogen und hörte ein leises piependes Geräusch in der Kehle des Zahnarztes . . . Plötzlich gab es einen furchtbaren Stoß, eine Erschütterung, als würde ihm das Genick gebrochen, begleitet von einem kurzen Knacken und Krachen. Er öffnete hastig die Augen.” Traumatische Situationen wie diese lässt die Ausstellung unwillkürlich lebendig werden. Vor den Vitrinen hören wir einige Besucherinnen in heller Aufregung darüber tuscheln. Alexander Kosenina

Die Ausstellung ist noch bis zum 28. Februar 2010 im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité zu sehen. Einen Katalog gibt es nicht.

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