Zähne ziehen im tiefen Tal der Anden

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Zähne ziehen im tiefen Tal der Anden

Im hinteren Bereich der Halle warten die Patienten auf Behandlung.Fotos: privat

Öhringen – “In diesem Andental kannst du deinen Beruf neu erfahren. Du darfst einfach nur Zahnarzt sein. Nur dein Patient und du.” Geht da ein Zahnarzt auf Sinnsuche, weit weg von Gesundheitsreformen und Bürokratie? Das ist allenfalls ein ganz kleiner Teil der Geschichte. Der weitaus größere Teil ist der freiwillige Einsatz für Menschen, die nur in einer Währung zahlen können: mit Dankbarkeit.

Seit Sommer 2008 hat der Öhringer Zahnarzt Holger Gerlach drei Mal in einer Klinik im Süden von Ecuador gearbeitet, insgesamt waren es zehn Wochen. Der nächste, dreiwöchige Einsatz ist für den kommenden Herbst geplant. Am Donnerstag kommender Woche berichtet Gerlach im evangelischen Rosenberg-Gemeindehaus im Öhringer Süden von seinen Erfahrungen.

Erster Eindruck

Durch seine Tochter Lisa lernte Gerlach das Land im Nordwesten Südamerikas kennen. Sie verbrachte dort ihr elftes Schuljahr und reiste anschließend 2007 mit ihrem Vater durch das Land. Aus Fachzeitschriften hatte Gerlach vom dem Klinik-Projekt erfahren, sich im Internet informiert, war vor Ort: “Das machte auf mich einen sehr seriösen Eindruck.”

Die Klinik ist an eine mehr als hundert Jahre alte katholische Missionsstation angeschlossen und wird von einem österreichischen Pater geleitet. Die Ärzte und Zahnärzte kommen aus Europa und Nordamerika zu ihren Einsätzen in der Clinica Nuestra Senora de Guadalupe. Die zahnärztliche Abteilung wird von einem baden-württembergischen Förderverein unterstützt.

Was aber macht ein deutscher Zahnarzt in den Anden? Antwort: Zähne ziehen, rund 50 Stück pro Tag. “Die sichere Behandlung ist die Zahnentfernung”, sagt Holger Gerlach. Sicher muss die Behandlung sein − und schnell.

Zähne ziehen im tiefen Tal der Anden

Eine Gemeindehalle dient als Praxis für das mobile Zahnarzt-Team. Umgelegte Plastikstühle bilden die Barriere zum Wartebereich. Holger Gerlach (links) zieht Zähne.

Denn die Patienten reisen mit dem Bus aus dem 40 Kilometer langen Andental an, nehmen lange Wartezeiten in Kauf und wollen oft noch am selben Tag wieder nach Hause. Aufwendige Kronen oder Brücken sind da nicht machbar. Gerlach: “Wir bieten keine Luxusbehandlung, sondern Grundversorgung auf hohem Niveau.”

Mittlerweile fahren die Zahnärzte auch hinauf ins Tal. Gemeindehallen werden zur Praxis umfunktioniert, die Patienten sitzen auf einfachen Plastikstühlen. “Jornadas” heißen diese abenteuerlichen Touren über die Dörfer. Die Behandlung gibt es nicht umsonst, doch der Preis ist eher symbolisch: “Für einen Dollar ist alles inklusive.”

Vorbeugen

Nun wollen die Zahnärzte ein Vorbeuge-System aufbauen. Denn noch ist vielen Patienten tatsächlich nur mit der Zange zu helfen. Schon achtjährige Kinder verlieren ihre zweiten Zähne, werden ihr Leben lang Lücken im Gebiss haben. Die Ursache ist für Holger Gerlach klar: die Ernährung. “Ganz schlimm ist das Zuckerrohr. Es ist in Massen vorhanden und stillt zumindest kurzfristig den Hunger.” Gerlach rechnet nicht mit schnellen Erfolgen: “Da braucht man einen unheimlich langen Atem.”

Vortrag und Internet

Holger Gerlach hält seinen Powerpoint-Vortrag „Als Zahnarzt in Ecuador“ am Donnerstag, 18. März, 19.30 Uhr im Rosenberg-Gemeindehaus an der Hungerfeldstraße in Öhringen. Der Eintritt ist frei, Spendenmöglichkeit für das Projekt besteht. Infos im Internet: http://www.fcsm.org, http://www.guadalupe-ec.org.

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