Ist Ethik für den praktizierenden Zahnarzt eine entbehrliche Disziplin? fragt di dzw

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die über diesem Kommentar stehende Frage war im Jahr 2008 das Thema der Master-Thesis von Dr. med. dent. Peter Weißhaupt (jetzt stellvertretender Vorsitzender des kürzlich gegründeten DGZMK-Arbeitskreises Ethik). Zu diesem Zeitpunkt war die Ethik im zahnmedizinischen Bereich so gut wie gar nicht Gegenstand der Diskussion in Deutschland, sieht man von den Publikationen von ein paar Medizinhistorikern ab, die sich vor allem mit den wissenschaftlichen Grundlagen dieser Disziplin beschäftigten, aber auch die Notwendigkeit ethischen Denkens und Handelns in der Praxis für eine wichtige Grundlage der zahnärztlichen Berufsausübung gehalten haben. so die dzw

Unser Kollege kam – nach intensiver internationaler Literaturrecherche und eigenen Erkenntnissen – zu dem Schluss, dass eine ethische Diskussion für den praktizierenden Zahnarzt von besonderer Bedeutung ist. Gerade in der Praxis ist der Zahnarzt immer wieder fachlichen, ökonomischen und damit verknüpften Konfliktsituationen ausgesetzt, die nur auf der Basis ethischer Grundprinzipien gemeistert werden können. Fast täglich wird er mit den verschiedenen Perspektiven von Krankheit konfrontiert, was mit der verstärkten Aufmerksamkeit für medizinische Gegebenheiten über die Zahnmedizin hinaus mehr und mehr der Fall sein wird.

In besonderem Maße ist der Zahnarzt auf das Eingehen des Patienten auf seine Ratschläge in puncto Prävention und Nachsorge angewiesen. Hier besteht – je nach Einstellung – ein Konflikt zwischen dem sogenannten Verursacherprinzip („Der Patient ist doch Schuld an seiner schlechten Mundhygiene und damit an dem höheren Kariesrisiko“) und dem Verständnis für menschliche Schwächen.

Ein erhebliches Problem ist eine sinnvolle Abgrenzung zwischen Ästhetik und Kosmetik, wo es mitunter zu einer Vernachlässigung medizinisch-ethischer Grundregeln kommt und der Patient zum reinen „Kunden“ mutiert. In meinem im Jahr 2005 erschienenen Buch Die zahnmedizinische Versorgung – System, Qualitätssicherung, Ganzheitsbetrachtung habe ich im Kapitel über die Ethik einen besonders extremen Fall kritisiert und dies in einem 2010 veröffentlichten Beitrag* wiederholt, weil auch in einer neuen Auflage eines Buchs über die sogenannte ästhetische Zahnheilkunde das Verkaufen von kosmetischen Leistungen in der Praxis zur Maxime erhoben wurde.

Es ist gerade hier eine Frage der Berufswahl und danach, aus welchen Gründen man Zahnmedizin studiert und Zahnarzt geworden ist. In Zeiten (vor 1965), als der Zahnarzt noch eine geringe Pauschale für die Behandlung eines Kassenpatienten während eines Quartals bekam, Keramikkronen die große Ausnahme waren und Verblendkronen noch gar nicht möglich, gab es natürlich noch keine Versuchungen, mit bestimmten Leistungen „das große Geld“ zu machen. Gar nicht zu reden von der Versorgung mit Implantaten, wo es leider auch ethisch bedenkliche Missstände verschiedener Art gibt. Da spielt der Kommerz manchmal insofern eine Rolle, weil an der unabdingbaren hygienischen Infrastruktur gespart wird.

Wie man sieht, geht es bei dem Wirkzusammenhang zwischen Zahnmedizin und Ethik in erster Linie um die Implikationen in der Praxis und nicht um Wissenschaftstheorien, die zwar bei der Gesamtbehandlung dieses Themas unerlässlich sind und so auch zur universitären Ausbildung gehören. Aber erst recht ist es angebracht, auch die Fortbildung in Richtung Ethik zu ergänzen, um die es bisher – bis auf wenige Veranstaltungen des DAZ, der Karlsruher Akademie für zahnärztliche Fortbildung etc. – hierzulande schlecht bestellt war. Unser Berufsstand wurde da – was die alltägliche Praxis betrifft – weitgehend alleine gelassen.

Wenn ich im Schlussabschnitt meines zuvor erwähnten Beitrags davon ausging, dass BZÄK und DGZMK in puncto Ethik wohl aktiv werden, war die Entscheidung für die Etablierung des DGZMK-Arbeitskreises Ethik noch längst nicht gefallen. Dem Schlusssatz in meinem DZK-Artikel ist aber nichts hinzuzufügen: „Die generelle ethische Grundhaltung des zahnärztlichen Berufsstandes, die nicht zuletzt auch durch die Standespolitik entscheidend geprägt werden kann, ist ebenso wie die individuelle berufs- und sozialethische Einstellung der einzelnen Zahnärztinnen und Zahnärzte in Wissenschaft und Praxis ein wichtiges Kriterium für die Professionalität und das Ansehen der Zahnärzteschaft als Ganzem.

Es ist zu erwarten, dass sich die Bundeszahnärztekammer und die DGZMK als nationale Dachorganisationen in zunehmendem Maße auch um die ethischen Perspektiven kümmern werden, um die vorhandenen Defizite zu beseitigen. Es kommt aber letztlich auf jeden von uns an, eine positive ethische Grundhaltung einzunehmen.“

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