Medizin am langen Arm der Krankheitsindustrie

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Neue Indizien, wie Pharma bei klinischen Studien mitmischt

Es gibt inzwischen zahlreiche und unzweifelhafte Belege, dass die pharmazeutische Industrie als Geldgeber erheblichen Einfluss nimmt, wenn Wirksamkeit und Nebenwirkungen von Medikamenten in angeblich wissenschaftlich-objektiven Studien überprüft werden. Dazu zählt beispielsweise der Umstand, dass missliebige Ergebnisse erst gar nicht veröffentlicht werden. Das Verschweigen betrifft teilweise mehr als die Hälfte der von Arzneimittelherstellern finanzierten Studien. Zudem fällen Studien, die von der Industrie gesponsert sind, häufiger ein günstiges Urteil über das zu testende Arzneimittel als unabhängig finanzierte Untersuchungen. Das gilt auch dann, wenn die beteiligten Wissenschaftler zwar nicht Angestellte des Unternehmens sind, aber anderweitige Abhängigkeiten bestehen. Eine der wenigen deutschen Untersuchungen, die derartig unrühmliche Zusammenhänge unter die Lupe nehmen, wurde soeben in zwei Teilen im “Deutschen Ärzteblatt” von Gisela Schott und weiteren Mitgliedern der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft sowie Klaus Lieb, dem Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Mainz, veröffentlicht (Bd. 107, S. 279).

Bemerkenswert an ihrer Zusammenschau ist weniger, dass sie die Manipulationen der Geldgeber bestätigen, als vielmehr die Erkenntnis, dass sich daran selbst in jüngster Zeit kaum etwas geändert hat. Denn die aktuelle Analyse widmet sich Studien, die in der Zeitspanne von Ende 2002 bis Ende 2009 erschienen sind. Die Einflussnahme der Pharmaindustrie auf Studienergebnisse wird indes schon seit mehr als zehn Jahren immer wieder nachgewiesen und gerügt. Auch eine umfangreiche Bestandsaufnahme zur gleichen Thematik vom April dieses Jahres stellt insbesondere die Äußerungen der forschenden Arzneimittelhersteller in Deutschland in Frage, dass die Verzerrung von Studienergebnissen durch die Sponsoren inzwischen ein “historisches” Problem und daher nicht mehr von Bedeutung sei (“Trials”, doi: 10.1186/1745-6215-11-37).

In einem Kommentar in der gleichen Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts (S. 277) rügt deshalb David Klemperer von der Fakultät für Sozialwesen der Hochschule Regensburg, in der Arzneimittelforschung rangierten Marketing und Umsatz noch immer vor wissenschaftlicher Nachprüfbarkeit und nicht zuletzt vor der Sicherheit für den Patienten. Er nennt als prominentes Beispiel das Medikament Rosiglitazon. Der Hersteller wusste früh, dass dieses Arzneimittel bei Diabetikern das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko erhöht. Nach Erkenntnissen des amerikanischen Senats wurde dieses Wissen indes zurückgehalten und verschleiert. Sicherheitsmängel, die früh verschwiegen werden, wirken zudem lange nach. So fehlen noch heute Hinweise auf bekannte Nebenwirkungen wie Empfindungsstörungen in der Fachinformation über das Antidepressivum Paroxetin.

Bedrückend sind überdies die Hinweise, dass derartige Manipulationen nur funktionieren, wenn es ein Netz von kenntnisreichen Helfern unter den Experten gibt. Dazu zählen Statistiker, welche die Daten rechnerisch beschönigen und als Ghostwriter fungieren, ebenso wie Ärzte, die derart retouchierte Ergebnisse unter ihrem Namen veröffentlichen. Wer hier allein finanzielle Anreize unterstellt, irrt sich. Es gibt auch andere Motive. Die Autoren weisen im Ärzteblatt zum Beispiel darauf hin, dass etwa Studien zu Herz-Kreislauf-Medikamenten häufiger von anderen Experten zitiert wurden, wenn sie mit Hilfe von Industriegeldern zustande kamen. Von Herstellern gesponserte Studien zur Wirksamkeit von Grippeimpfstoffen kamen in qualitativ höherrangigen Fachzeitschriften unter, als wenn sie unabhängig finanziert waren. Wenn man weiß, dass Mediziner, die in renommierten Journalen veröffentlichen und öfter zitiert werden als andere, bessere Chancen auf leitende, einflussreiche Positionen haben, erkennt man die Langlebigkeit der Effekte. So lassen sich die Experten und Meinungsbildner von morgen rekrutieren, welche die von ihnen früher untersuchten Medikamente und deren Nachfolgeprodukte selbst dann machtvoll verteidigen können, wenn sie unter Beschuss geraten.

Die Autoren ermahnen nicht zuletzt auch die Zunft derjenigen, die für die Veröffentlichung von manipulierten Studien verantwortlich sind. Das sind Fachzeitschriften, von denen die besseren ihrerseits über eine Expertenschar verfügen, die die eingereichten Manuskripte kritisch begutachten können sollte. Allerdings erzielen zahlreiche wissenschaftliche Zeitschriften einen erheblichen Teil ihres Einkommens durch Werbung der pharmazeutischen Industrie. Zudem finanzieren die Pharmahersteller einträgliche Sonderdrucke ebenjener Studien, in denen sich ihre Medikamente im Vergleich zu anderen Substanzen als überlegen erwiesen. Richard Smith kann es sich als langjähriger Herausgeber des unverdächtigen “British Medical Journal” leisten, auf diese Verquickung hinzuweisen. Es bezeichnete manche Fachzeitschriften gar als verlängerten Arm der Marketingabteilungen pharmazeutischer Unternehmen. Daher stammt die Forderung, dass nicht nur Mediziner ihre Beziehungen zur Industrie offenlegen müssten, sondern auch die Organe, die ihre Studien abdrucken. Martina Lenzen-Schulte

Text: F.A.Z., 05.05.2010, Nr. 103 / Seite N1

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