Wer reitet nach Kentucky: ein Zahnarzt?

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Die deutschen Starter beim Vielseitigkeitsturnier in Luhmühlen müssen sich anstrengen: Wer gut abschneidet, erhöht seine Chancen für die WM-Teilnahme

Kentucky rückt näher – die internationale Elite der Pferdesportler ist in diesem Jahr auf die Weltreiterspiele gepolt, die Ende September in Lexington beginnen werden. In jener Stadt also, die sich gern als “Pferde-Hauptstadt der Welt” bezeichnet. Mit erstklassigen Aussichten auf Medaillen werden die deutschen Vielseitigkeitsreiter dort hinfliegen. Aber wer das im Einzelnen sein wird, ist offen. Bundestrainer Hans Melzer kann aus einer großen Schar von geeigneten Paaren auswählen – ein echtes Luxusproblem. 

Das CCI-Turnier der Vielseitigkeitsreiter von Donnerstag bis Sonntag im Heideort Luhmühlen bei Salzhausen wird schon einige Vorentscheidungen bringen. Denn die Resultate dieses Wochenendes besitzen allererste Priorität in der Sichtungsphase. Melzer hat angekündigt, unmittelbar nach Abschluss der Wettbewerbe noch vor Ort die zehn Namen umfassende “Longlist” für die Weltmeisterschaft zu verkünden. Aus diesem vorläufigen Kader wiederum will der Bundestrainer nach den Deutschen Meisterschaften in Schenefeld im August das endgültige Team benennen, das dann wiederum bei der Weltmeisterschaft die deutschen Farben vertritt.

Gesetzt wäre normalerweise Doppel-Olympiasieger Hinrich Romeike aus dem schleswig-holsteinischen Nübbel. Doch sein Superpferd Marius ist in der vorigen Saison verletzungsbedingt überhaupt nicht gestartet und konnte im strengen Winter nur unzureichend gearbeitet werden. Deshalb erging der Beschluss, das Goldpferd, so lange es irgendwie vertretbar ist, zu schonen. Die beiden werden folglich erst eine Woche nach Luhmühlen im polnischen Strzegom auf Drei-Sterne-Niveau einen ersten Kompletttest absolvieren.

Die norddeutschen Fans bekommen das Traumpaar dennoch zu Gesicht. Romeike wird seinen Schimmel als Vorreiter im Dressurviereck zeigen. Der Auftritt soll dazu dienen, Marius nach der langen Wettkampfpause psychologisch zu stabilisieren und ihn wieder an Publikum zu gewöhnen. “Ich bin zuversichtlich, er macht auf mich trotz seiner 16 Jahre einen ausgesprochen frischen Eindruck”, sagt Romeike.

Im Übrigen sei er an den Stress gewöhnt, immer auf den Punkt fit sein zu müssen: “Ich arbeite ja im Hauptberuf als Zahnarzt, kann also nicht beliebig viel Zeit für das Training opfern und habe auch kein nur annähernd so gutes zweites Pferd im Stall. Für mich gilt immer: Ich habe einen Schuss in der Flinte, und der muss sitzen.”

In Bestform präsentiert sich momentan der Lokalmatador, der gebürtige Hamburger Andreas Dibowski. Er belegte im Military-Mekka Badminton Anfang Mai mit Butts Leon den zweiten Rang und ärgerte sich dennoch: “Ich bin zu langsam losgeritten und habe dabei einige Zeit verloren. Sonst wäre mehr drin gewesen.” In Luhmühlen wird er sein kaum schwächeres Zweitpferd Fantasia satteln. Im Hinblick auf das Großereignis im Spätsommer könne es nicht schaden, so “Dibo”, zwei Eisen im Feuer zu haben.

Die Einheimischen müssen sich freilich wappnen. Denn allein für die Vier-Sterne-Prüfung haben sich 49 ausländische Reiter gemeldet, so viele wie lange nicht. Darunter befindet sich neben Militarylegende Mary King mit Oliver Townend auch der überragende Akteur der vergangenen Saison. Sogar die Franzosen schicken sieben Teilnehmer. In den vergangenen Jahren kamen nur sehr vereinzelt Reiter aus dem Nachbarland. Die Chemie hatte unter dem erfolgreichen Protest gegen die an sich siegreiche deutsche Mannschaft bei den Olympischen Spielen 2004 gelitten. Doch so langsam scheinen die Wunden vernarbt zu sein.

Nachdem es im vorigen Jahr Unmut über die Linienführung im Gelände gegeben hatte, hat der zuständige Captain Mark Phillips versprochen, den Parcours rhythmischer und rittiger zu gestalten. Zuletzt hatte der Ex-Gatte von Prinzessin Anne den Pferden Wendungen abverlangt, die sie kaum nachvollziehen konnten. Zahlreiche Reiter beschwerten sich darauf-hin und forderten, den Vierbeinern doch lieber Erfolgserlebnisse bei der Überwindung mächtiger Hürden zu ermöglichen, als sie trickreich zu verwirren.

Ein britisches Spezialunternehmen ist zudem beauftragt worden, Hindernisse zu ersinnen und zu errichten, die sich attraktiv in die Landschaft einpassen. Es wird also für die Besucher bauliche Neuerungen zu entdecken geben. Auch der E.on-Teich wurde umgestaltet, sodass der Einsprung ins Wasser ebenso wie der Aussprung für die Pferde nun flüssiger zu bewältigen sein soll.

Den erwarteten gut 25 000 Zuschauern an den vier Veranstaltungstagen werden neben dem Sport allerlei weitere Unterhaltungsmöglichkeiten geboten, beispielsweise eine Falkner-Show am Sonnabendnachmittag, bei der Greifvögel aus dem nahe gelegenen Wildpark Lüneburger Heide über den Turnierplatz segeln. Im Kinderland gibt es unter anderem eine Hüpfburg und einen Mitmachzirkus. Heide-Prinzessinnen fungieren bei einer Tombola als Glücksfeen. Hinzu kommt ein abermals gewachsener Ausstellungsbereich. Die Preise für Tageskarten liegen zwischen 7 und 25 Euro, eine Sitzplatz-Dauerkarte für Erwachsene kostet 50 Euro, eine Stehplatzkarte für Jugendliche für alle Tage 15 Euro.

Weltklassesport ist jedenfalls garantiert. Das CCI von Luhmühlen zählt zu den “FEI-Classics”. Diese 2008 vom Reiter-Weltverband ins Leben gerufene Serie umfasst die fünf wichtigsten und anspruchvollsten Turniere weltweit. Es kommt nur einmal im Jahr vor, dass in der Beschaulichkeit der Lüneburger Heide solch ein internationales Flair herrscht.

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