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Tierbilder an der Seilbahn

July 13, 2010

Mainzer Beratungszentrum behandelt den neunjährigen Talha mit neuem pädagogisch-therapeutischem Konzept

Wer geht schon gerne zum Zahnarzt? Auch Talha ist gar nicht begeistert davon. Um ihm verständlich zu machen, wie ein Zahnarztbesuch abläuft, erklärt ihm seine Mutter die einzelnen Schritte anhand von anschaulichen Bildtafeln. Der Junge mit den großen, dunkelbraunen Augen sieht sich die stabilen Karten an, dann schaut er gedankenversunken aus dem Fenster. Der neunjährige Junge, der den Namen eines islamischen Gelehrten trägt, ist Autist.

Eine tiefgreifende Entwicklungsstörung

Zunächst stand nur eine Vermutung im Raum, die dann zur Gewissheit wurde. Vor vier Jahren bekam Talhas Familie die Diagnose mitgeteilt: frühkindlicher Autismus. „Was das genau heißt, wusste ich damals auch noch nicht“, erinnert sich Fatma Erdemir, „deshalb habe ich verschiedene Ärzte gefragt und bin in Bibliotheken gegangen, um mich zu informieren.“ Der Begriff kommt vom griechischen autos und bedeutet Selbstbezogenheit. Autismus in seinen verschiedenen Ausprägungen ist eine Mehrfachbehinderung, die biologische oder genetisch bedingte Ursachen hat und zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen gehört.

Frühkindlicher Autismus setzt vor dem dritten Lebensjahr ein, Schätzungen zufolge ist jedes 150. Kind betroffen. Wie bei Talha, der zwar Deutsch und Türkisch versteht, ist häufig die Sprachentwicklung verzögert. Kinder mit dieser Beeinträchtigung nehmen nur wenig Kontakt mit anderen auf und haben Schwierigkeiten, sich in die Gedanken und Gefühle ihrer Mitmenschen hineinzuversetzen.

Autistischen Kindern fällt es schwer, die vielen Informationen, die auf sie einströmen, zu verarbeiten, so dass ihre Umwelt ihnen oft unverständlich und bedrohlich erscheint. Oft reagieren sie mit eingeschränkten Verhaltensweisen und Widerstand gegen Veränderungen, mitunter auch mit Ängsten und Aggressionen. Entsprechend ratlos sind viele betroffene Familien, was Behandlungsmöglichkeiten und Unterstützungsangebote anbetrifft.

Im vergangenen Jahr wurde in Mainz ein neues Therapie- und Beratungszentrum eröffnet: Team Autismus GbR bietet Hilfen für Menschen mit Autismus und deren Familien an. Die kontinuierliche Begleitung basiert auf intensivem Kennenlernen und einer umfassenden Förderdiagnostik: Nach Gesprächen mit den Eltern versuchen die Therapeuten auf spielerische Weise, das Vertrauen des Kindes zu gewinnen.

Dabei wird ein Profil seiner Fähigkeiten und Interessen erstellt. „Dabei schaue ich nicht auf die Defizite, sondern sehe, was das Kind mitbringt und setze an seinen Stärken an“, betont Dr. Anne Häußler. Die Gesellschafterin der Mainzer Beratungsstelle hat viele kreative Ideen und Materialien aus Amerika mitgebracht, wo sie sich wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigt hat. Aus den USA stammt auch der ganzheitlich pädagogisch-therapeutische Ansatz „Teacch“, der die Besonderheiten von Menschen mit Autismus respektiert. Im Mittelpunkt stehen dabei individuelle Hilfen zur Unterstützung des Lernens, damit die Betroffenen ihren Alltag so selbständig wie möglich bewältigen können – denn das bedeutet mehr Lebensqualität für die gesamte Familie.