Teeth – Wer zuletzt beißt, beißt am besten

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Dawn ist überzeugte Jungfrau, und im Rahmen ultrachristlicher Jugendtage hält sie Vorträge über den Wert von Keuschheit und die Sünde von Sex vor der Ehe. Bis sie sich in einen anderen Jungen verliebt… Der sie in einer idyllischen Waldhöhle inkl. Wasserfall vergewaltigen will. Wobei Dawn ihm mit ihrer Vagina den Schwanz abbeißt… Dawn ist entsetzt und muss allmählich feststellen, dass ihre Vagina bezahnt ist, dass sie der fleischgewordene Mythos männlicher Sexualängste geworden ist. Und sie erkennt, dass das nicht nur ein Fluch ist.

FILMKRITIK

Die schlimmsten Sexualängste werden wahr in diesem Film. Die Vagina Dentata, die bezahnte Vagina ist los, ein Urbild männlicher Furcht vor Impotenz, Kastration, dem Mysterium Frau überhaupt. Ein Symbol, das in der Mythologie in vielerlei Weise auftaucht – und das der Film genüsslich in allerlei Bildlichkeiten durchkaut: Medusa und Filmmonster der 50er Jahre, Schnappschildkröten und Schlangen (Zähne in Verbindung mit phallischer Form!)…

Zwei Kinder, Stiefgeschwister, im aufblasbaren Pool im Garten, er zeigt sein Dingelchen, will auch ihres anfassen – und seine Fingerkuppe wird abgebissen. Jahre später sind sie Teenager, er ein rücksichtsloser, gefühlloser Rüpel, der seine Freundinnen nur in den Arsch ficken will, sie, sehr hübsch, hat ein Keuschheitsgelübde abgelegt, ist fanatisch, was sexuelle Reinheit angeht, missioniert schon die Kleinsten, um jeden Gedanken an Sex vor der Ehe gar nicht erst aufkommen zu lassen. Denn: Was in Mythen nur metaphorisch dargestellt ist, ist in ihr lebendig geworden, ein lebendes Symbol männlicher Angst. Mit dem auch sie nicht zurechtkommt, ihre Entdeckung von Liebe und Sexualität in der Pubertät führt zu einigen (für andere) schmerzhaften Erlebnissen…

Von diesem Ansatz aus entwickelt sich der Film, fließend, ruhig, konsequent – ohne feministisches Manifest zu sein, ohne in seinem Ausgangspunkt zu schwelgen. Das „what if“ wird ausgebreitet zu einer Coming of Age-Geschichte von der Entdeckung und Akzeptanz der eigenen Sexualität – wenn Dawn gierig bedrängt wird, vom Freund, der sie vergewaltigt, vom Frauenarzt, der lüstern seine Finger in sie einführt („Sie sind soooo eng…“), dann muss sie feststellen, dass sie anders ist als die anderen…

Dabei macht der Film nie einen Hehl daraus, mehr erzählen zu wollen als die vordergründige Geschichte eines männermordenden Mädchens. Subtil zieht er Verbindungen zum aktuellen Diskurs in den USA über Werte von Reinheit und Keuschheit, vom Druck ultrachristlicher Gruppen, die in Keuschheitspartys die amerikanische Jugend indoktrinieren, bis hin dazu, dass die Zeichnung einer Vulva im Schulbuch mit einem großen goldenen Sticker überklebt wurde aus Sittlichkeitsgründen, oder dass zur Evolutionstheorie noch die Schöpfung miterzählt werden muss. Bezeichnend: Die verstörte Dawn will das Geheimnis ihrer Vagina ergründen, doch anstatt einen Spiegel zu benutzen, löst sie aufwändig den Kleber von ihrem Schulheft, um zu sehen, wie’s „da unten“ aussieht… eine eminente Angst vor dem eigenen Körper beschreibt der Film.

Doch eigentlich natürlich muss sich schlicht ein Mädchen selbst finden – nach dem Mythos muss der Held die bezahnte Frau erobern und überwinden, um sie zu zähmen; doch leider, leider gibt es heute ja keine Helden mehr.

Höchst vergnügliche Komödie, die ihren Ausgangspunkt der bezahnten Vagina konsequent ausbaut zu einem Film über männliche Sexualängste und sexuelle Gewalt, über christliche Körperfeindlichkeit, die Entdeckung eigener Sexualität und die Akzeptanz des Anderssein.

BEWERTUNG

Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 – 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung

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