«Happy Erwin»: “Er schliff ihr im Mund herum”

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Erwin Kreit hat Ärger mit Patienten und Zahnärzten. Der Zahntechniker agiert in seinem «Zahnhaus» in Emmenbrücke LU illegal als Zahnarzt – und der Kanton unternimmt nichts dagegen.

Wenn Veronica Wegerer bei Erwin Kreit im «Zahnhaus» in Emmenbrücke LU sass, war ihr Ehemann stets dabei. «Mehrfach schliff Kreit im Mund meiner Frau herum. Mittlerweile sind mehrere Zähne aus der eingesetzten Brücke herausgefallen», sagt Richard Wegerer. Ein Zahnarzt konstatiert später unsachgemässe Arbeit. Wegerers sind mit ihrer Unzufriedenheit nicht allein: Gegen das «Zahnhaus» laufen mehrere Haftpflichtansprüche. So reklamiert etwa ein Handwerker allein wegen Arbeitsausfall und Zahnreparaturen rund 80’000 Franken Schaden.

Dass Zahnärzte pfuschen, kommt vor. Doch Erwin Kreit, Chef und Inhaber des «Zahnhauses», ist gar kein Zahnarzt, sondern Zahntechniker. Was ihn nicht hindert, allerlei zahnärztliche Tätigkeiten auszuführen – wie «provisorische Unterfütterung», «Beratung», «ortho. Kontrolle» oder «Reparatur neuer Zahn». Dem Beobachter liegen Kopien von Kreits Agenda vor, wo neben den Patientennamen diese ärztlichen Tätigkeiten aufgeführt sind. Ebenso ein Patientenblatt, auf dem Kreit explizit als «Zahnarzt» figuriert.

Dabei hat ein Zahntechniker «im Mund des Patienten nichts zu suchen», so Felix Adank von der Schweizerischen Zahnärztegesellschaft SSO. Tue er es trotzdem, sei das illegal. Die Aufgabenteilung ist klar: Der Zahntechniker fertigt oder repariert Ersatzteile wie Kronen oder Brücken; er ist Zulieferer, und die Verantwortung dem Patienten gegenüber liegt beim Zahnarzt.

Erwin Kreit sagt, er habe sich «immer gesetzes- und verordnungskonform verhalten und nie Patienten widerrechtlich behandelt». Es sei aber gängige Praxis, dass in einem Zahnarztbetrieb mit angeschlossenem zahntechnischem Labor kooperativ und im Team über Behandlungsmöglichkeiten gesprochen werde.

Das haben die Zahnärzte Hans-Peter Flückiger, Georg Bauer und Walter Klenner ganz anders erlebt. Alle drei haben für Kreit gearbeitet, chirurgische Eingriffe durchgeführt – und sind in Unfrieden ausgeschieden. «Kreit macht die Triage, teilt die Arbeiten zu und agiert auch selber als Zahnarzt», sagt Klenner. Er hat bei der zuständigen Staatsanwaltschaft Strafanzeige wegen Betrug und Fälschung eingereicht: Erwin Kreit habe ihn um mehrere tausend Franken Honorar betrogen und diverse Positionen missbräuchlich unter «Klenner» abgerechnet. «Wir Zahnärzte sind sein Feigenblatt.» Aktuell ist ein griechischer Zahnarzt im «Zahnhaus» tätig.

Doktortitel für eine blinkende Zahnbürste

Kreit schmückt sich mit dem Titel «Dr. h.c.». Den Ehrendoktor hat ihm nach eigenen Angaben die wenig bekannte Constantinian University aus Rhode Island (USA) verliehen – für eine «lernpädagogische Kinderzahnbürste, die auf dem Quadrantenprinzip aufbaut». Kreit hat seine dudelnde und im Ampelsystem blinkende Zahnbürste vor 20 Jahren unter dem Namen «Happy Erwin» vertrieben.

Der «Zahnhaus»-Chef wird auch wegen seiner Preispolitik kritisiert: Er operiere mit sogenannten Mondpreisen, sagen früher von ihm beschäftigte Zahnärzte. Erst würde ein überrissener Kostenvoranschlag gemacht, den Kreit dann «grosszügig» senke, so dass der Patient das Gefühl habe, er komme günstig davon – dabei sei der Tarif immer noch stolz. Rechnungen, die dem Beobachter vorliegen, weisen denn auch hohe Rabatte aus. Erwin Kreit bezeichnet alle Vorwürfe als «Verunglimpfungen und Unterstellungen». Er gewähre zwar «in bestimmten Fällen» Rabatte, doch von Mondpreisen könne keine Rede sein. Kreit hat ebenfalls geklagt: Für die aktuellen Haftpflichtansprüche gegen sein «Zahnhaus» macht er einen seiner ehemaligen Zahnärzte «wegen offensichtlich unsachgemässer Behandlung» verantwortlich.

Während rund ums «Zahnhaus» also die Fetzen fliegen, verhält sich das kantonale Gesundheits- und Sozialdepartement seltsam passiv. Obwohl das Ehepaar Wegerer sowie die Zahnärzte Bauer und Klenner mehrere konkrete Hinweise für Ungereimtheiten lieferten, untersucht die Aufsichtsinstanz den Fall nicht.

Alexander Duss vom Rechtsdienst des Departements: «Aufgrund früherer Erfahrungen in ähnlich gelagerten Fällen ist davon auszugehen, dass die Beweiskraft der eingereichten Unterlagen leider nicht ausreicht, um eine Disziplinarmassnahme gegen Dr. h. c. Erwin Kreit auszusprechen.» Die Schwelle für einen Verweis oder gar ein Berufsverbot liege in Luzern sehr hoch. Klar ist: Wer gar nicht erst nachforscht, wird auch nichts finden.

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