Börsenaufsicht bei Nobel Biocare: Insider-Deal, Putschversuch – oder sogar beides?

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Offensichtlich geht es derzeit “heiß” her bei Nobel Biocare. Gezielte Indiskretionen, Kulissenschieberreiben und ein endloser Machtkam Unter der Überschrift “Machtkampf bei Nobel Biocare: Ein VR-Mitglied gibt Informationen weiter” sind diese Infos in die Medien gelangt.

Der Verwaltungsratspräsident von Nobel Biocare, Heino von Prondzynski, nimmt kein Blatt vor den Mund: «Ich bin stinksauer.» Letzten Mittwoch musste von Prondzynski in einer Notaktion frühmorgens vor Börseneröffnung eine Unternehmensmitteilung verschicken: Konzernchef Domenico Scala verlässt Nobel Biocare. Nachfolger wird der Nestlé-Mann Richard Laube. Die Börse nahm die Nachricht positiv auf. Der Aktienkurs des Zahnimplantate-Herstellers schoss bei Handelseröffnung um 6% nach oben.

Medien und breite Öffentlichkeit bekamen dabei nicht richtig mit, dass die Nachricht eigentlich erst am Folgetag zusammen mit den Jahresergebnissen hätte veröffentlicht werden sollen. Doch Nobel Biocare musste die börsenrelevante Nachricht vom Abgang des CEO vorziehen, weil der «Tages-Anzeiger» am Mittwochmorgen detailliert über den Wechsel berichtete. Ohne Medienmitteilung vor Börseneröffnung hätte Nobel Biocare das Börsengesetz verletzt.

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Vertrauensmissbrauch

Der Verwaltungsratspräsident von Nobel Biocare ortet die Quelle des schweren Informationslecks «bei einem Mitglied des Verwaltungsrates oder im direkten Umfeld eines Mitglieds des Verwaltungsrates». Den Vertrauensmissbrauch will der VR-Präsident des Zahnersatz-Anbieters nicht auf sich beruhen lassen. «Wir haben die Aufsicht der Schweizer Börse informiert über die Vorkommnisse», sagt von Prondzynski. Auf die Frage, ob er ausschliessen könne, dass die ungeplant frühe Veröffentlichung des Abgangs von Domenico Scala für Insidergeschäfte genutzt worden ist, sagt er: «Das kann ich nicht ausschliessen.»

Die Frage stellt sich natürlich, warum ein Mitglied des Verwaltungsrates eine Information einen Tag vor dem verabredeten Datum in die Welt hinausposaunen sollte.

Franz Gyger hat sich als Vermögensverwalter auf klein kapitalisierte Aktien spezialisiert. Er hatte sich über den zeitlichen Ablauf der Ereignisse gewundert. «Erst kommt die Bekanntgabe des Rücktritts des Unternehmenschefs und dann am folgenden Tag die enttäuschenden Jahresergebnisse? Hätte Nobel Biocare regulär Ergebnisse und CEO-Wechsel am gleichen Tag präsentiert, hätte sich der Kurs vermutlich kaum bewegt oder wäre eher abgerutscht», urteilt Gyger.

Mit anderen Worten, die Nachricht über den Abgang von Scala war allein mehr wert als im Verbund mit den Jahresergebnissen. Die am letzten Dienstag und Mittwoch an den Derivatebörsen Eurex und Scoach gehandelten Volumen lassen jedenfalls für Spekulationen Raum. Statt der üblichen 1 bis 2 Mio. € wurden an der Eurex mit Nobel-Biocare-Derivaten am Dienstag 4 Mio. € und am Mittwoch 11 Mio. € umgesetzt.

Der Call Warrant NOBJW (siehe Grafik) stieg am Mittwoch bei Handelseröffnung um 40% im Preis. Das Volumen verfünffachte sich kurz nach Handelsbeginn auf über 2,5 Mio. Stück. Wer da zum Verkauf bereit stand, konnte Geld verdienen. Kommentar von Franz Gyger: «Wenn an der Eurex im Vorfeld zu einer Nachricht plötzlich die gehandelten Volumen für Optionen anschwellen, steckt in der Regel Insiderhandel dahinter.» Ein Sprecher der Schweizer Börse SIX sagte gestern der «NZZ am Sonntag»: «Auffälligkeiten gehen wir im Rahmen unserer normalen Überwachungstätigkeit nach.»

Ein nahe am Geschehen sitzender Beobachter der Vorgänge bei Nobel Biocare glaubt allerdings nicht, dass das Hauptziel der Informations-Weitergabe ein Insiderhandel war. Das Ziel sei vielmehr, Turbulenzen innerhalb des Verwaltungsrats zu verschärfen, um wenn möglich im obersten Gremium die Macht zu übernehmen. Es gebe nebst den zu von Prondzynski stehenden Mitgliedern Raymond Breu, Rolf Watter und Edgar Fluri eine «schwedische» Fraktion. Der Machtkampf sei mit der Ablösung von Domenico Scala vielleicht noch nicht zu Ende, sagt dieser Informant.

Lackmustest an der GV

Die These stützt eine Information von einem Headhunter mit guten Verbindungen nach Schweden. Diese Quelle erklärt, um den Posten als Nachfolger von Scala habe sich auch ein Mitglied des Verwaltungsrates beworben. Heino von Prondzynski, angesprochen auf die kursierenden Gerüchte über eine «Spaltung» des Verwaltungsrates, wiegelt ab. Es habe intensive Diskussionen um die Nachfolge Scalas gegeben, hinter dem neuen Mann stehe der VR geschlossen. Mehr sei da nicht. Zum Thema «Bewerber aus dem VR für den CEO-Posten» will sich von Prondzynski nicht äussern.

Wenn Ende März die Generalversammlung von Nobel Biocare die jährlich zu bestätigenden Verwaltungsräte wiederwählt, steht der Lackmus-Test an. Die Verwaltungsräte müssen sich nämlich am gleichen Tag konstituieren und aus ihrer Mitte heraus einen Präsidenten wählen. Man darf gespannt sein, wer die erste Sitzung leitet.

Vom Kavaliersdelikt zur Straftat

Vom Kavaliersdelikt zur Straftat

Insiderhandel

Wer dank einer Vertrauensposition kursrelevante Unternehmensinformationen erhält, darf dieses Insiderwissen nicht verwenden. Bis vor ein paar Jahren galt das Gegenteil noch als Kavaliersdelikt. Der häufig vorkommende Insiderhandel konnte kaum geahndet werden. 2008 wurde die Gesetzgebung verschärft. Börsendelikte aufzudecken, bleibt aber schwierig. Zu oft gibt es lediglich Indizien, die nötigen Beweise fehlen.

Geahndete Börsendelikte gab es deshalb auch nach der Verschärfung kaum. Einzig ein Fall sorgte im September 2010 für Aufsehen. Das Bezirksgericht Zürich hat Gefängnisstrafen ausgesprochen – rechtskräftig sind sie allerdings noch nicht: Ein Angeklagter wurde unter anderem zu drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, zwei Jahre davon sind auf Bewährung. Ein zweiter Angeklagter erhielt 21 Monate Freiheitsstrafe bedingt. Der Dritte im Bunde nahm sich in der Zeit der Untersuchung das Leben. Der Vorwurf: Zu dritt hätten sie zwischen 2000 und 2001 über Insidergeschäfte 3,5 Mio. Fr. kassiert. Das Geschäft wurde durch Zufall aufgedeckt.

Der Bundesrat arbeitet an einer weiteren Revision des Börsengesetzes. Bis zum Frühjahr will er die Botschaft ans Parlament verabschieden. Sie soll neben Insidergeschäften auch andere Börsendelikte wie Kursmanipulationen enthalten. Auch soll die Aufsichtsfrage besser geregelt werden. (weg.)

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