«Fukushima hat mich verändert»

by

Urs Gurtner, bekannt für engagierte Voten im GGR, soll sich als Sitzungsleiter plötzlich zurücknehmen? «Damit habe ich kein Problem», sagt der FDP-Politiker, der heuer höchster Spiezer ist. Er äussert sich zur Gewalt in Spiez –und zur Atomkatastrophe in Japan.

Was haben Sie sich als höchster Spiezer für 2011 vorgenommen?
Urs Gurtner: Ich habe mir vorgenommen, die GGR-Sitzungen korrekt, effizient und neutral zu leiten. Bei repräsentativen Auftritten will ich Botschafter für ein attraktives, offenes und aufstrebendes Spiez sein. Für alle Spiezerinnen und Spiezer möchte ich ein offenes Ohr haben.

Wenn Ihnen und Ihrer Partei ein Thema unter den Nägeln brennt, bringen Sie sich engagiert und fundiert ein. Können Sie da ein Jahr zurückstehen und sich mit der Sitzungsleitung begnügen?
Im GGR darf ich mich jetzt ein Jahr zurücknehmen, damit habe ich kein Problem. Es ist eine neue Rolle, die ich fast ein wenig geniesse. An den Fraktionssitzungen und Parteiversammlungen kann ich mich weiterhin engagiert einbringen. Vizepräsident Markus Seiler kommuniziert, wenn es der FDP Spiez unter den Nägeln brennt. Er braucht kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Das war bei den Schlägereien in Spiez vor knapp drei Monaten der Fall. Da hat die FDP die Informationspolitik des Gemeinderates heftig gescholten. Was war die Überlegung dahinter?
Es war nicht unsere Absicht, den Gemeindepräsidenten oder den Gemeinderat in corpore anzugreifen oder ihm zu unterstellen, er mache nichts. Was uns erstaunt hat, ist, dass es sehr lange ging, bis informiert worden ist.

Immerhin liefen die polizeilichen Ermittlungen.
Das können wir nicht gelten lassen. Auch wenn man im Zuge der Ermittlungen nicht umfassend informieren kann, kann sich der Gemeinderat äussern. Im Sinne von: «Wir verurteilen die Vorfälle, die Ermittlungen laufen.» Die erste Meldung in der Zeitung vom 14. Februar war geradezu eine Aufforderung an den Gemeinderat, sich jetzt zu äussern.

Die Polizei hätte ja die Vorfälle auch melden können.
Polizei und Gemeinderat standen ja von Anfang in Kontakt, wie wir heute wissen. Die Information der Bevölkerung ist primär Aufgabe des Gemeinderats. Heute dürfen wir feststellen: Es wurde gehandelt und man nimmt das Problem ernst.

Die Opfer wollten nicht aussagen und keine Anzeige erstatten.
Ich habe diverse Gespräche geführt in dieser Angelegenheit. Da liegen zum Teil widersprüchliche Aussagen vor, wer Anzeige gemacht hat und wer nicht. Man hatte den Eindruck, da wird etwas totgeschwiegen. Einer unserer Wahlslogans hiess: Hinschauen statt wegschauen. Als nach dem ersten Zeitungsbericht nichts geschah, hat sich die FDP zu Wort gemeldet.

Wer hinschaut, hängt oft gleich mittendrin und ist in Gefahr.
Das Klima der Angst ist eine Problematik und wir sind uns bewusst, dass dies nicht ein Spiez-eigenes Phänomen ist. In Thun und Interlaken setzen selbst SP-Gemeinderäte vermehrt auf repressive Massnahmen.

Aber Sie fühlen sich trotzdem sicher in Spiez?
Ich stelle fest, dass die zunehmende Gewaltbereitschaft – vor allem von Jugendlichen – auch in Spiez angekommen ist. Ich fühle mich in Spiez sicher, meide aber gewisse Orte zu gewissen Zeiten. Die vermehrte Polizeipräsenz ist sehr positiv und wird geschätzt, wie mir Bürgerinnen und Bürger berichten.

Was motiviert Sie als Zahnarzt, sich in der Gemeindepolitik zu engagieren und zu exponieren?
Als selbstständiger Zahnarzt bin ich Arbeitgeber und Kleinunternehmer. Diese sind in der Politik untervertreten. Deshalb engagiere ich mich. Wer engagiert politisiert, muss sich auch exponieren. Meine Patienten messen mich hoffentlich an der beruflichen Leistung, an der Qualität meiner Arbeit und nicht an meinem politischen Engagement.

Als Zahnarzt können Sie reden, während Ihre Patienten schweigen müssen. Haben Sie ihnen in dieser Zeit schon FDP-Parolen schmackhaft gemacht? Oder ist Politik in Ihrer Praxis tabu?
Ich bin ganz sicher nicht einer, der die Leute redeunfähig macht und sie dann indoktriniert. Das würde auch nicht einer liberalen Gesinnung entsprechen. Von mir aus politisiere ich nicht mit den Patienten, schon gar nicht während der Behandlung. Da herrscht bei uns Konzentration und Ruhe. Für eine Diskussion vor oder nach der Behandlung habe ich aber immer Zeit. Dabei geht es nicht immer nur um Politik. Die Leute schätzen es, wenn der Zahnarzt auch sonst ein offenes Ohr für sie hat.

Sie sind also nahe bei den Bürgerinnen und Bürgern?
Ja, durch die vielen Kundenkontakte, die ich täglich habe, von allen Generationen. Das ist sicher ein Vorteil.

Wurde Ihnen noch nie von einem Patienten vorgeworfen, Sie nehmen den Mund als Politiker zu voll?
Nein, im Gegenteil: Es gab gestandene SP-Spiezer, die mir Komplimente machten.

Wofür denn?
Dass ich Courage habe und für meine Meinungen hinstehe. Ich könnte es ja aus Angst, einen Patienten zu verlieren, sein lassen. Aber ich traue den Leuten zu, dass sie das unterscheiden können.

Sie sind also kein Zahnarzt mit ausgesprochen bürgerlicher und liberaler Kundschaft?
Ich möchte nicht ausschliessen, dass jemand, der mit der FDP überhaupt nichts am Hut hat, nicht zu mir kommt. Aber ich glaube nicht, dass ich Patienten gewonnen hätte, weil ich so engagiert für die FDP einstehe.

Sie brauchen es zwischendurch, im Polit-Rampenlicht zu stehen?
Im Rampenlicht stehen nicht. Aber man lernt in der Politik und darum probiere ich das auch den Jungen schmackhaft zu machen. Es bringt auch etwas: Vor Leute hinstehen, etwas formulieren, sich zu etwas Gedanken machen. In die Finanz- und Sozialpolitik der Gemeinde hineinzusehen, ist für mich eine interessante Abwechslung zum Beruf und eine Horizonterweiterung.

An welchem politischen Thema haben Sie sich am meisten die Zähne ausgebissen?
An der Finanzpolitik. Den Leuten zu erklären, dass Sparen nicht gleich Sparen ist, dass man sparen und investieren kann. Dass man sich ehrgeizige Sparziele setzen muss, um mehr finanziellen Spielraum zu bekommen.

Wird der Freisinn mit den Wiederholungsparolen «sparen, die Verwaltung entschlacken und trotzdem investieren» überhaupt noch ernst genommen?
Eine glaubwürdige Partei ist hartnäckig! Der FDP-Mahnfinger hat dazu beigetragen, dass die Gemeindefinanzen langsam ins Lot kommen. Das Sparbewusstsein sowohl im GGR als auch im Gemeinderat wie in der Verwaltung ist nicht zuletzt dank uns gestiegen. Das nehme ich für uns in Anspruch. Die Wählerinnen und Wähler haben uns sehr wohl ernst genommen bei den letzten Spiezer Wahlen. Wir haben fünf Prozent zugelegt und sind drittstärkste Fraktion.

Trotzdem: Umfragen zeigen, dass die FDP Wähler verliert und sich im Sinkflug befindet. Wie sollen sie zurückgeholt werden?
Der Sinkflug der FDP wird allzu oft herbeigeredet. Umfragen sind nicht Wahlen! Wenn es darum geht, in den Exekutiven Verantwortung zu übernehmen, ist die FDP spitze. Leider honorieren die Wähler dies nicht bei Parlamentswahlen.

Wo muss die FDP in Hinblick auf die nationalen Wahlen an Profil zulegen können?
Das FDP-Profil ist sehr klar. Arbeitsplätze schaffen, die Sozialwerke sichern und weniger Bürokratie sind Themen, welche die Menschen beschäftigen. Die FDP hat pragmatische Lösungen und übernimmt Verantwortung. Andere Parteien bewirtschaften die Probleme, schüren Angst und Missgunst und gefährden die Stabilität und den Erfolg der Schweiz. Aktuell sollte die FDP sich bald entscheiden, wie sie sich zu einem geordneten Ausstieg aus der Kernernergie stellen will.

Die Atomkatastrophe in Japan hat auch Sie zum AKW-Zweifler gemacht.
Fukushima hat mich verändert. Noch selten hat mich ein Ereignis so beschäftigt und belastet wie diese Katastrophe. Das hängt damit zusammen, dass ich mit meinem Kopf und meiner Person vor der Abstimmung vom 13. Februar aktiv geworben habe. Als Mediziner weiss ich, was Radioaktivität und ein GAU bedeuten. Mein Vertrauen in die Technik ist erschüttert worden. Ich musste erkennen, dass die Wahrscheinlichkeitsrechnung sinn- und nutzlos ist. Ich bin nicht hysterisch deswegen.

Plädieren Sie jetzt den baldigen Ausstieg aus der Kernenergie?
Für mich ist heute ein geordneter Ausstieg die einzig verantwortbare Lösung. Zu fatal sind die Folgen eines GAU, mag er noch so unwahrscheinlich sein. Ob wir den Preis einer Stromlücke zu bezahlen haben, ist nicht sicher.

Und welche Alternativ-Energien wollen Sie pushen?
Ich bin zuversichtlich, dass uns die Forschung und die Investitionen in erneuerbare Energien neuen wirtschaftlichen Schwung geben werden. Kurzfristig müssen wir auf Energiesparen setzen. Mittelfristig sehe ich den Ausbau von Solarenergie, Wasserkraft und Geothermie als Alternativen.

Wo grenzt sich die FDP Spiez von der SVP Spiez ab?
Die Gemeinsamkeiten FDP-SVP in der Gemeindepolitik sind viel grösser als die Differenzen. Als bürgerliche Parteien sind wir uns bei den meisten Abstimmungen im GGR einig und unterstützen uns gegenseitig bei Vorstössen. Die SVP ist in gewissen Fragen konservativer – so bei den Wahllokalen, den Bäuertsitzen und der Familienpolitik. (Berner Oberländer)

Advertisements

Tags:

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s


%d bloggers like this: