Der Zahnarzt, das Kamel, der Bauer und der Kommissar

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Mit ollen Autos von Oberstaufen nach Amman: Die Allgäu-Orient-Rallye versteht sich als Gegenstück zur Schicki-Rallye Paris-Dakar. Das sechsköpfige Ulmer Team startete gestern. Offen ist, wos lang geht.

Ein pensionierter Kommissar, ein Arzt, ein Zahnarzt, ein Autohändler, ein Kaufmann und ein Ex- Kampfpilot, der jetzt Bauer ist: Das ist das Ulmer Team, und somit steht schon mal fest, dass man für so ziemlich alle Unwegsamkeiten gewappnet sein dürfte.

111 Teams mit 333 Autos und 666 Insassen machen bei der 6. Allgäu-Orient-Rallye mit, die heute in Oberstaufen startet. Das Ulmer Sechserteam mit dem Namen “Schwaben-Orient-Express” und der Startnummer 89 hat sich gestern schon mal auf den Weg ins Allgäu gemacht. Mit einem alten Volvo, einem ebenfalls betagten BMW und einem noch älteren Audi 80, den “Teamchef” Artur Merz kürzlich für schlappe 150 Euro im Internet ersteigert und dann für weitere 500 Euro aufgefrischt hat. Denn so verlangen es die Rallye-Statuten: Zugelassen sind nur Autos, die älter als 20 Jahre sind – oder weniger wert als 1111,11 Euro.

Reise, Übernachtung – wahlweise im Zelt oder in Billigpensionen – sowie den Rückflug zahlen die Teilnehmer selbst. Etwa 1500 Euro werden da pro Person fällig, schätzt Helmut Bühler (46), der bis 2004 bei der Bundeswehr Phantom-Jäger geflogen hat und jetzt Ruheständler mit eigenem Bauernhof ist.

Spaß. Darum geht es den sechs Herren vor allem, sagt Merz (70), bis vor 14 Jahren bei der Polizeidirektion Ulm tätig. Er fährt schon zum vierten Mal mit und beschreibt die Tour als “eines der letzten automobilen Abenteuer dieser Welt”. Die allerdings einem guten Zweck diene. In der jordanischen Hauptstadt Amman angekommen, werden die Autos an die Regierung übergeben, die die Kisten versteigert. Die Einnahmen kommen Projekten des UN-World Food Programms zugute.

Nicht die Geschwindigkeit zählt, sondern wie viele Aufgaben die Teilnehmer lösen können – und wie kreativ sie dabei sind. So galt es beispielsweise beim letzten Mal, aus jedem Land, das man durchquerte, die Noten der jeweiligen Nationalhymne zu beschaffen. Oder guten Wein zu besorgen. “Gar nicht so einfach, vor allem in Rumänien”, sagt Merz, der die Fahrt durch den Balkanstaat erfahrungsgemäß als problematischsten Teil der Strecke ansieht. “Schlechte Straßen, unfreundliche Zöllner.” Gewinnen können die Teilnehmer freilich auch etwas. Der erste Preis ist ein Kamel, das Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Basma von Jordanien persönlich stiftet. “Das ist allerdings eher symbolisch zu verstehen”, sagt Merz. Schon weil alles andere Tierquälerei wäre, bleibt das Wüstenschiff im Lande. Es wird an eine bedürftige Familie verschenkt.

Noch einen Tick abenteuerlicher als sonst dürfte die auf wenigstens zehn Tage veranschlagte Fahrt wegen der bürgerkriegsähnlichen Zustände in Syrien werden. Die syrische Botschaft habe den Teilnehmern zwar zugesichert, dass man das Land problemlos passieren können, sagt Merz. Aber sicher ist sicher. Deshalb steht bisher nur fest, dass man sich nach fünf Tagen in Istanbul trifft und von dort aus weiter in die südtürkische Hafenstadt Mersin fährt.

Die voraussichtliche Route dann: mit der Fähre in die türkische Republik Nordzypern, dann via Linksverkehr auf die griechische Seite der Insel, dort wieder auf ein Fährschiff, das die Teilnehmer auf die zu Ägypten gehörende Sinai-Halbinsel bringen soll. Ob die Fähren überhaupt Platz für 333 Autos auf einen Streich haben? Mal schauen, sagt Merz. Immerhin habe Tourorganisator Wilfried Gehr aus Oberstaufen versichert, den Fährpreis von 700 auf 220 Euro pro Person heruntergehandelt zu haben – und das sei doch schon mal vielversprechend.

Von Ägypten aus will man dann die jordanische Südgrenze passieren. Eine Einreise über Israel wäre auch möglich, sagt Merz. “Aber nur, wenn man zwei Pässe hat, denn die Israelis mögen keine arabischen Stempel.” So wie rumänische Zöllner eben keine Heuballen mögen. Einen hatte Merz vergangenes Jahr im Kofferraum – Futter fürs königliche Kamel. Erst nach langem Argumentieren durfte er ihn transitmäßig einführen. Diesmal ist seine zu verzollende Ware unverfänglicher: eine Palette Dosenbier zum Eigenbedarf.

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