wenn der Zahnarzt einem Pharmaunternehmer eins aufs Maul haut

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Michael, 52 Jahre alt, Zahnarzt, braun gebrannt, groß, schlaksig, hat dem Pharmaunternehmer aufs Maul gehauen. Hinter ihm brüllen die Trainingskollegen Unfeines in den Ring. Der Kopfschutz drückt sein Gesicht zusammen, seine Lunge seufzt, der Blick starr und wild.

Früher hat er Golf gespielt und Tennis. „Im Winter außerdem Tourenski, im Sommer Fahrrad fahren“, wird er später sagen, wenn er den Mundschutz in die blaue Zahnspangendose gespuckt hat und die schweißnassen dunklen Haare zu starren Strähnen trocknen. Es ist ein Urinstinkt, der Menschen wie Michael zum Boxen treibt.

Unverstanden von seinen Ökofreunden

Managerboxen bei Colonia 06 am Rhein-Energie-Stadion. Schreibtischarbeit, Wohlstandsgesellschaft, in der Gewalt verpönt ist und in der Social Skills das Qualifikationskriterium Muskelkraft längst ausgeknockt haben. Michael will männlich sein. „Ich könnte auch Tiere töten, das wäre wohl ähnlich archaisch. Aber Schießen ist nicht so mein Ding“, sagt er. Natürlich, auch Boxen sorgt für Irritationen bei „meinen Ökofreunden“. „Wie kann man jemandem ins Gesicht schlagen?“ Das sind so die Fragen der Korrekten. Aber Michael wollte seine Aggressionen nicht verstecken. Sein Adrenalin sollte ihm zeigen, dass er noch ein Mann ist. Kein alter Mann. Und auch keine Memme.

Boxen als Männlichkeitsprüfung und Männlichkeitsbeweis. Es gibt Wissenschaftler, die sagen, dass Boxen erst dadurch so populär wurde, dass sich Frauen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts von ihrer Mutter- und Hausfrauenrolle emanzipierten und den Mann in seiner Vormachtstellung bedrohten.

Der Kampf als primitivster Konfliktlösungsansatz aber, er blieb. Als Selbstvergewisserung, dass ein Mann eben doch ein Mann ist. Kein weiches Mädchen. Auch der männliche Zuschauer, der sich nicht in den Ring traute, profitierte von diesem Rollenbild: „Es ist der Mann, der sich in seiner Brust regte. – Es ist die Freude an echtem, wahren Männersport. Diese Regung, dies edle Gefühl der Mannbarkeit zu unterdrücken, ist ein Verbrechen an sich selbst.

„Hier haben sie Angst“

Männern mit Weiberherzen ist dieses Gefühl fremd, denen drückt beim Boxkampf das Angstgefühl die Kehle zu“, heißt es in den Zwanziger Jahren in der Zeitschrift „Der Querschnitt“. Joggen oder ein Fitness-Studio sind zu diesem Urbild keine Alternative. „Im Fitness-Studio müssen sie keine Angst haben. Hier haben sie Angst“, sagt Trainer Hans Ehle. Und reagieren im besten Fall mit einer Gegenstrategie wie Michael: Mutiger sei er geworden, seit er bei Ehle in den Ring steigt. „Wenn einer meine Frau bedroht, dann fühle ich mich in der Lage, sie zu beschützen.“

Die Uhr piepst. Zwei Minuten sind vorbei. Michael taumelt, lehnt sich gegen die Seile des Rings und schnappt nach Luft. “Luftpumpe hat er dich genannt. Haste gehört?”Zeit für eine letzte kleine Pause.

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