Zahnarzt: griechische Patienten können sich nur noch das Nötigste leisten

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Die Schuldenkrise Griechenlands und ihre möglichen Folgen bewegen seit Monaten nicht nur die Europäische Union (EU), sondern längst auch die übrige Welt. Ein Solinger verfolgt die aktuellen Vorgänge in der ältesten Demokratie aus mehreren Gründen besonders aufmerksam. Es ist Bastian Jordan (31). Seit 2005 verkauft er in Aufderhöhe hochwertiges Olivenöl. Gepresst wird es auf der Insel Lesbos aus den Früchten, die ein familieneigener Hain liefert. Seit Kindesbeinen war Jordan über 100 Mal in Griechenland. Seine Ehefrau Marialena stammt vom griechischen Festland.

„Die griechische Bevölkerung muss leiden für Probleme, die ihr die eigenen und auch die Politiker der EU eingebrockt haben“, sagt Jordan. Er hat das Land schon lange vor seinem Beitritt zur Währungsunion gekannt. Komfort und Luxus wie in Deutschland seien der großen Mehrheit der Griechen damals unbekannt gewesen.

„Mit dem Euro kamen komfortable Handys, größere Fernsehgeräte und tolle Autos in Mode. Mich hat gewundert, wieso sich viele Griechen diese Dinge plötzlich leisten konnten“, betont der Solinger. Und liefert auch gleich eine Erklärung: „Diese Angleichung an den Lebensstandard reicher Volkswirtschaften haben die in Griechenland zu verantworten, die das Geld verteilen.“

Gemeint ist der Staat. Er bezahle allein auf der Insel Rhodos mit ihren knapp 100 000 Einwohnern 6500 Beamte. Die US-Millionen-Metropole New York komme mit 9500 Verwaltungskräften aus. Jordan: „Die EU, die Gelder nach Griechenland leitet, hat nie kontrolliert, ob diese auch sinnvoll verwendet werden.“ A propos Prüfungen. „Was derzeit stattfindet, hätte vor der Aufnahme des Landes in die Währungsunion geschehen müssen.“

Ein eklatantes Beispiel für Fehlentwicklungen kennt Jordan von der Insel Lesbos. Dort habe ein staatlicher Laden EU-Gelder für Verpackungsanlagen erhalten.

Sie wurden aber nie aufgestellt. Quittungen über die Zuweisung konnte ein staatlicher Kontrolleur nicht finden. Das EU-Geld war veruntreut worden. Folge: Der Laden (Umsatz: 1,5 Millionen Euro) wurde geschlossen. Eine Frauen-Kooperative blieb auf 50 000 Euro Außenständen sitzen.

„Es wurde nie kontrolliert, ob die Gelder der EU auch sinnvoll eingesetzt worden sind.“

Bastian Jordan Unternehmer

Wie Griechenlands Bevölkerung unter den Maßnahmen leidet, mit denen die Regierung die Schuldenkrise meistern will, dafür kennt Bastian Jordan viele Beispiele. Ein enger griechischer Freund habe 2010 ein neues Reihenhaus bezogen. Sein Gehalt und das seiner Frau seien dramatisch gekürzt worden. „Ihnen bleiben im Monat nur 300 Euro zum Leben.“

Auch sein Schwager, der als Phantom-Pilot der griechischen Luftwaffe in einem absoluten Risikoberuf arbeite, habe starke Gehaltskürzungen hinnehmen müssen. Ein befreundeter Zahnarzt klage, dass viele seiner Patienten inzwischen nur noch die allernötigsten Behandlungen vornehmen ließen.

Sein Schwiegervater, ein Politiker der Neo Demokratia (ND, vergleichbar der deutschen CDU), habe – so Jordan – aus Protest gegen Korruption die Partei verlassen. Als Parteiloser habe er sich um ein Bürgermeisteramt beworben und sei gewählt worden.

Schwächere Wirtschaftskraft hätte bekannt sein müssen

Seine Schwiegermutter, so der Solinger weiter, habe als Ex- Kindergärtnerin erleben müssen, dass der Hort, den ihr Enkel besucht, geschlossen wurde. „Alle Angestellten wurden entlassen und durch eine reduzierte Zahl neuer Kräfte ersetzt, die weniger verdienen.“

Bis vor einiger Zeit, so argumentiert Jordan weiter, habe Griechenland noch eine ähnliche Kreditwürdigkeit wie die Bundesrepublik gehabt. „Dass dies nicht realistisch war, hätte man schon vor Jahren wissen müssen, weil die Wirtschaftsleistungen beider Länder sich eklatant unterscheiden.“

Der Kaufmann, dessen Handel mit griechischem Olivenöl „bestens läuft“, wünscht sich, dass die EU in der jetzigen Form erhalten bleibt. „Sie ist für mich ein verwirklichter Traum, den ich privat und als Geschäftsmann täglich erlebe.“ Der Kaufmann glaube zudem, dass „die meisten Deutschen durchaus nachfühlen können, wie die griechische Bevölkerung unter der schweren Krise ihres Landes leidet.“

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