der Zahnarzt, der Bondeskanzler und die Mallorcaer Einheimischen

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Der Artikel ist aus dem Jahr 2000, aber irgend jemand hat ihn wieder ganz nach vorne geschoben: Noch ein Deutscher auf Mallorca

Der Kanzler macht Urlaub wie Millionen – und ärgert die empfindlich gewordenen Einheimischen

Bundeskanzler Gerhard Schröder hätte sich für seinen Sommerurlaub kein konfliktreicheres Ziel aussuchen können: Nirgendwo in Europa sind die Deutschen so unbeliebt wie auf der Ferieninsel Mallorca. Als touristische Hauptklientel umworben und als Landnehmer verhasst, gelten sie bei der Inselbevölkerung als Quelle des Wohlstands und als Ursache allen Übels zugleich. Daher richtet sich auf den Besuch des deutschen Bundeskanzler das besondere Augenmerk der Presse: Wird er sich wie ein Gast verhalten, die Inselbewohner respektieren und seine Landsleute zu mehr Integrationswilligkeit auffordern, oder führt er sich auf, als gehöre die Insel ihm?

“Der deutsche Bundeskanzler darf sich hier durchaus zu Hause fühlen”, schreibt die Mallorquiner Zeitung “Ultima Hora”. “Aber er sollte sich nicht so benehmen. Schließlich sind wir seine Gastgeber, und es ist traurig, dass das deutsche Volk, zu dem ohne Zweifel eine Menge wohlerzogener Menschen gehören, ihn als Vorbild hat”, kommentiert das Blatt peinlich gekränkt, dass Schröder den balearischen Ministerpräsidenten Francesc Antich bei einem Mittagessen 35 Minuten am Tisch warten ließ, um sich mit der deutschen Presse zu unterhalten.

Diese Überreaktion – nicht die einzige in der spanischen Presse – hat eine lange Vorgeschichte. Es fing damit an, dass der CSU-Abgeordnete Dionys Jobst 1994 vorschlug, auf Mallorca das 17. Bundesland auszurufen – einschlechter Scherz in der nachrichtenarmen Sommerflaute. Doch die Spanier lässt er noch heute wütend werden. Etwa zur gleichen Zeit fiel den Mallorquinern dann auf, dass die Deutschen ihre alten Fincas kaufen und sich nicht nur Sommer-, sondern ganzjährige Residenzen zulegen. “Die Deutschen kaufen unsere Heimat auf”, lamentierten die Lokalblätter. Und die Insulaner entdeckten ihre Liebe zu den alten Herrensitzen und halbverfallenen Höfen neu, die sie vorher für ein schmuckes Reihenhaus am Stadtrand von Palma nur allzu gern verließen. “Verkauft nicht an Deutsche!”, warnte der Bürgermeister der Gemeinde Arta im Osten der Insel. Mittlerweile intervenieren die Behörden, wenn alte Herrensitze auf den Markt kommen und richten in den Fincas lieber Kulturzentren oder Gemeinderäume ein, als sie einem Deutschen zum Kauf zu überlassen.

Der Missmut über die germanische Finca-Mode wurde beflügelt durch die Neigung der Deutschen, unüberwindbare Grundstückszäune errichten zu lassen. So unterbrachen Wahlinsulaner alte Verkehrswege und bescherten der einheimischen Landbevölkerung Umwege, die ihre Vorfahren jahrhundertelang nicht gehen mussten. Derzeit liegt sogar Supermodel Claudia Schiffer mit den Behörden im Clinch, denn aus Angst vor den Paparazzi hat sie eine Mauer um ihr neues Grundstück neben der schon bezogenen Villa bei Andratx ziehen lassen – und einen alten Fußweg unterbrochen.

Doch die Angst vor den Finca-Invasoren ist nur die eine Seite der Scheu vor den Deutschen. Vor zwei Jahren stellten die Behörden fest, dass die deutschen Ballermänner für die zehnstöckigen Hotelpaläste und die verschandelten Küstenabschnitte verantwortlich sind. Palma erließ einen Baustopp und befand: Mit 550 000 Betten ist das Boot allmählich voll. Neue Kapazitäten werden nur gegen den Abriss alter Hotels genehmigt – ein Coup zur Förderung der Viersterneklasse. Denn von den Billigtouristen, die Mallorca 30 Jahre lang reich machten, profitieren heute vor allem die deutschen Reiseanbieter. Deswegen hat die rot-grüne Balearenregierung eine Ökosteuer für Touristen auf den Weg gebracht. Künftig sollen alle Urlauber je nach gewählter Hotelklasse zwischen einem halben und zwei Euro pro Tag zahlen – eine Kurtaxe, mit der zugebaute Strandabschnitte renaturiert und Naturschutzgebiete erschlossen werden sollen.

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Die mallorquinische Tourismusindustrie hält wenig von den Plänen. Die Hoteliers wissen, dass die Insel ihren Wohlstand mindestens zur Hälfte den jährlich rund vier Millionen deutschen Touristen verdankt: Mallorca hat mit durchschnittlich 2500 Mark im Monat mit das höchste spanische Pro-Kopf-Einkommen und mit über fünf Prozent die größte Wachstumsrate im Königreich.

Die Deutschen indes haben sich um Zurückhaltung oder gar Integration auf der Insel noch nie bemüht. Unter den rund 35 000 Mallorca-Deutschen sprechen etliche weder Spanisch, geschweige denn das örtliche Mallorquin. Die deutsche Infrastruktur – vom Brotbäcker über den Zahnarzt bis zum Rechtsanwalt und dem “Palma-Kurier” garantiert ein Spanisch-freies Leben. Es gibt Deutsch-Mallorquiner, die keine Ahnung haben, wie der spanische Regierungschef heißt, und Pauschalurlauber, die nicht wissen, in welchem Land sie sich befinden.

Die deutschen Hau-drauf-Touristen und Tresenstripperinnen haben die Mallorquiner stets als unterentwickelte Dienstboten betrachtet, während Filme wie Bernd Eichingers “Ballermann 6” das Image vom sangriatriefenden Torero-Paradies exportierten. Aus Revanche schickte eine einheimische Zeitung vor zwei Jahren spanische Touristen laut grölend in Shorts und mit Getto-Blaster bewaffnet in eine deutsche Kirche und feixte dann über die hiesige Empörung.

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