als Zahnarzt in der mongolischen Steppe

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Dicht gedrängt stehen gut zwanzig Kinder und Erwachsene im engen Klinikflur. Draußen brennt die Sonne auf das Dach des kleinen Flachbaus. Drinnen knirscht der Sand der mongolischen Steppe zwischen den Zähnen der Wartenden. Der Schweiß perlt auf der Stirn. Geduldig harren die Patienten aus, bis sie aufgerufen werden. Dann bittet Liane Wellenbrock den Nächsten auf den Behandlungsstuhl.

Normalerweise rückt Liane Wellenbrock in ihrer Lübzer Praxis Karies und Parodontose zuleibe. Doch für drei Wochen, da war alles anders – ganz anders: Statt in der Eldestadt war die Dentistin in Asien im Einsatz. Freiwillig und auf eigene Kosten. Mit der Organisation “Zahnärzte ohne Grenzen” reiste sie in die Mongolei, um den Menschen dort auf den Zahn zu fühlen. Einmal das heimische Behandlungszimmer gegen einen exotischen Arbeitsplatz tauschen und dabei benachteiligten Menschen Gutes tun – davon hat die Lübzerin schon lange geträumt. “Zahnärzte ohne Grenzen” schickte sie in das Land des Djingis Khan. Es sollte eine Reise werden, die Liane Wellenbrock so schnell nicht vergisst.

Von der Praxis

in die Jurte

Das Abenteuer beginnt schon bei der Anreise: Nach dem langen Flug von Berlin nach Ulan Bator ist das Ziel für Liane Wellenbrock und ihre drei Kollegen aus Deutschland noch längst nicht erreicht. Mit dem Kleinbus geht es in die Weite der Mongolei zu ihrem Einsatzort im Dorf Erdene Zagan, 40 Kilometer vor der chinesischen Grenze. Sieben Stunden würde der Trip dauern, hatte man den Hilfskräften versichert. Es wird ein Eineinhalb-Tage-Trip. Über größtenteils unbefestigte Straßen bahnt sich das Auto den Weg durch die Mongolei – mitten hindurch durch die unbewohnte Weite. “Wir haben stundenlang niemanden gesehen, keinen Menschen, keine Siedlung”, sagt Liane Wellenbrock. Die vermeintliche Einöde entpuppt sich als imposante Idylle. “Ich konnte mich kaum satt sehen – die Wolken, das weite Land”, schwärmt Liane Wellenbrock.

Nach einer Gesamtfahrzeit von 17 Stunden – Übernachtung unterwegs inklusive – erreichen Liane Wellenbrock und ihre drei Mitstreiter ihr Ziel: Erdene Zagan. Hier, in einem der vielen mongolischen Orte, die ärztlich unterversorgt sind, soll das deutsche Team helfen. Das Dorf nahe der chinesischen Grenze präsentiert sich in ähnlicher Einfachheit wie der Rest des Landes: spartanische Häuser, ein kleiner Dorfladen, ein Krankenhaus. “Die Mongolei ist ein wenig entwickeltes Land. Die Menschen leben sehr einfach und sind damit zufrieden”, sagt Liane Wellenbrock. Was für die Mongolen Alltag ist, bedeutet für die Mecklenburgerin eine erheblich Umstellung. “Es ist ein krasser Unterschied”, sagt Wellenbrock. Doch dass Einfachheit nicht gleich Armut bedeutet, das lernt sie hier schnell. “Die Menschen haben zwar kein fließendes Wasser, aber einen i-Pod in der Tasche”, sagt die Lübzerin. Trotz Technik-Luxus – ihr Quartier beziehen die Deutschen in einer kargen Jurte. Vier Betten, ein Tisch – das war’s. Mehr gibt es in ihrer Behausung nicht. Und diese simple Ausstattung ist schon gehobener Standard, gemessen an dem, wie die Mongolen leben. Möbel – bis auf eine Kochstelle – gibt es in ihren Jurten nämlich nicht. “Wir wurden europäisch verwöhnt”, sagt Wellenbrock und lacht.

Alles andere als nach einem Verwöhnprogramm sieht das Bad aus, dass sich die vier Deutschen teilen: Ein Waschbecken mit darüber hängendem Eimer vor der Jurtetür. Wände – Fehlanzeige. “Wir hatten das größte Bad der Welt”, nimmt es Liane Wellenbrock mit Humor. Händewaschen können sich die Vier hier allerdings nur, solange Wasser im kleinen Eimer ist. Nachschub ist nur über eine nahegelegene Küche zu erhalten. Die hat jedoch oftmals nur dann offen, wenn die Zahnärzte im Einsatz sind. Alltagsprobleme in der Mongolei. Zum Zähneputzen wäre das Wasser ohnehin nicht geeignet gewesen. Es stammt aus einem Dorfbrunnen und ist sandig. Wasserflaschen aus dem Dorfladen sind die Notlösung. Geduscht wird an jedem zweiten Abend in einer öffentlichen Duschanlage des Dorfes. “Aber das Wasser floss nur sehr langsam”, sagt Wellenbrock. Kein Problem – manche Dusche ist ohnehin vergebens. “Einmal wurden wir auf dem Weg zurück zur Jurte von einem Sandsturm überrascht”, erinnert sich Wellenbrock. Da genügen 200 Meter Fußweg und das Ärzteteam ist eingesandet.

Solche Widrigkeiten nehmen die Deutschen gelassen. Es ist ein Arbeitseinsatz und kein Vergnügungsurlaub. Täglich stehen sie bis zu elf Stunden in ihrem spartanischen Behandlungsraum. Die örtliche Klinik hat ihnen ein Zimmer zur Verfügung gestellt. Mit einer mobilen Zahnstation – einem Koffer mit Kompressor und Absaugstation -, selbst mitgebrachten Instrumenten, zwei altbackenen Behandlungsstühlen und ein paar Hockern richtet das deutsche Team hier seine Praxis ein. Und die Patienten strömen vom ersten Tag an in Scharen zu ihnen. Innerhalb von drei Wochen behandeln die vier Deutschen hier rund 500 Patienten – Arbeit im Akkord. Von früh morgens bis in den Abend hinein sind Liane Wellenbrock und ihre Mitstreiter im Einsatz, immer in Zweierteams ziehen sie Zähne, füllen Zahnlöcher auf. “Für Prophylaxe war da leider keine Zeit. Wir hatten einfach zu viele Patienten zu behandeln”, sagt Wellenbrock. Aus kärglichen Behandlungsbedingungen hat das Team das Beste gemacht. “Aber hier in Deutschland würde die Hygiene wohl dennoch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen”, sagt die Zahnärztin.

Bei soviel Arbeit bleibt kaum Zeit für Sightseeing. Doch ein paar wenige Ausflüge gönnen sich die Deutschen dann doch. Mit einem Dolmetscher an ihrer Seite geht es zum Naadam – dem mongolischen Nationalfest. Das Zahnarzt-Team ist dabei, als sich die jungen Mongolen im Ringkampf messen, bewundert die traditionellen Trachten der Einheimischen und ist beim Pferderennen mittendrin. Zu solchen Veranstaltungen reisen die Deutschen auf die mongolische Art: mit bis zu 13 Leuten im Kleinbus.

Aus Teamkollegen

wird eine Familie

Und auch kulinarisch wollen die Deutschen das Land im Herzen Asiens im Selbstversuch kennenlernen. “Ich habe mir vorgenommen, alles zu probieren, was uns angeboten wird”, sagt Liane Wellenbrock. Bei einem Hartkäse zögert sie dann aber doch. “Da brauchte ich einen zweiten Anlauf”, sagt die Lübzerin und lacht. Doch sie hat auch echte kulinarische Genüsse entdeckt. Der Milchtee – eine Mischung aus warmer Milch und Teekrümeln – hat es ihr angetan. Zu Hause in Lübz wird sie ihn aber dennoch nicht nachkochen. Lieber bewahrt sie sich die Erinnerungen an Teerunden in der Mongolei. Im Gedächtnis bleiben wird der Lübzerin auch die Zeit mit ihren deutschen Kollegen: Gerade in den Abendstunden, wenn die Arbeit getan ist, bliebt den Zahnärzten Zeit sich näher kennen zu lernen. “Wir haben viel erzählt, Sterne angeschaut, philosophiert”, sagt Wellenbrock. “Aus vier Fremden ist eine Familie geworden.” Schon allein wegen dieser Erfahrung steht für die Lübzerin fest: Sie will wieder ins Ausland und als Zahnärztin Menschen fremder Nationen helfen. “Nicht im nächsten Jahr, aber irgendwann sicher”, sagt Liane Wellenbrock. Vorerst lässt sie in Lübz die Zahnarztbohrer surren.

Doch oft denkt sie an die drei Wochen in der Mongolei zurück. “Der Einsatz war harte Arbeit”, resümiert Wellenbrock. Aber es hat sich gelohnt: Sie und ihre Mitstreiter haben hunderten Patienten geholfen. Und ganz nebenbei war es für die Lübzerin ein unvergessliches Abenteuer fernab der mecklenburgischen Heimat in der weiten Steppe der Mongolei.

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