Luxus-Urlaub in deutschen Klinikbetten

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Deutsche Billigheimer und Schnäppchenjäger zieht es ins Ausland, dorthin, wo’s möglichst nixc kostet. Dafür kommen immer mehr Araber und Russen ins Land sich hier behandeln lassen und Qualität und Service schätzen. Dazu geben die Angehörige viel Geld aus in edlen Hotels und beim Shopping. Komisch, dass der hiesige Standard bei der eigenen Bevölkerung nicht geschätzt wird und man lieber jedes Mühsal in Kauf nimmt und kein Aufwand zu groß sein kann,um ein paar Cent zu sparen?Tief verschleiert schlenderte im Sommer eine Gruppe junger Frauen inmitten westlich gekleideter Begleiter durch die quirligen Einkaufspassagen am Potsdamer Platz. Berlin ist vielleicht Deutschlands internationalste Stadt. Aber selbst in der Hauptstadt fallen junge Frauen in knöchellangen schwarzen Mänteln und mit ebensolchem Gesichtsschleier den Passanten sofort auf.

Doch so exotisch eine solche Begegnung heute noch ist, so normal könnte sie in den kommenden Jahren werden. Der Deutschland-Tourismus boomt. Und es kommen immer mehr Russen und Araber mit ihren Familien. Viele von ihnen sind aber nicht nur an Kultur und Shopping interessiert, sondern lassen sich hier auch vom Arzt behandeln oder kurieren ihre Krankheiten in Reha-Kliniken. Deren Besucherzahlen sind im vergangenen Jahr zweistellig gewachsen – Tendenz weiter steigend.

Insgesamt machen ausländische Gäste aus 173 Ländern in deutschen Kliniken bislang nur knapp ein Prozent des Umsatzes aus. “Wir stehen in diesem Bereich also noch am Anfang”, sagt die Chefin der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT), Petra Hedorfer. Laut World Travel Monitor kamen aus Europa 341 000 Gäste aus rein gesundheitlichen Gründen nach Deutschland. Die DZT wirbt im Auftrag der Bundesregierung für das Reiseland Deutschland und will nach einer erfolgreichen Marketingoffensive in den Vereinigten Arabischen Emiraten nun ihre Aktivitäten vor allem in Russland weiter verstärken.

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Davon dürfte wegen der geografischen Nähe, aber auch wegen der vielen hoch spezialisierten Kliniken und Fachärzte vor allem Berlin profitieren. Die Charité ist das größte Universitätskrankenhaus in Europa. Allein der Klinikkonzern Vivantes hat in der Hauptstadt mittlerweile zwei “Komfortkliniken” mit je 100 Suiten in Betrieb, für die es lange Wartelisten gibt. Teile des Personals sprechen sogar russisch oder arabisch. Besonders gefragt sind die Spezialisten in Onkologie, Neurochirurgie und Kardiologie. “Unser Ziel ist, in Deutschland im Gesundheitstourismus die Nummer eins zu werden”, sagt so auch Burkhard Kieker, Chef der Tourismusförderungsgesellschaft “Visit Berlin”. Bei der Veranstaltung von Medizinkongressen ist Berlin laut Kieker inzwischen bereits Weltmarktführer. Bei gut zahlenden Medizintouristen liegt derzeit aber immer noch Bayern vorne.

Doch in beiden Bundesländern gibt es auch den umgekehrten Trend. Laut einer neuen Untersuchung der Techniker Krankenkasse TK boomt bei Berlinern und Brandenburgern der Zahnarzt-Tourismus nach Polen. Seit 2004 dürfen die Deutschen Arzt oder Klinik europaweit wählen. Nach einer Studie der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg wächst die Nachfrage der Deutschen nach Gesundheitsreisen ins osteuropäische Ausland derzeit pro Jahr um rund 30 Prozent. Zu den Gesundheitsreisen zählen allerdings auch Sport-, Wander- und Wellness-Urlaube. Auch Kuren zum Beispiel in Tschechien sind gut gebucht, weil die Kosten für die Anwendungen teilweise erheblich niedriger sind als in Deutschland. In Italien gibt es mittlerweile sogar Kurkliniken, die direkt mit den deutschen Versicherern abrechnen. Kassenpatienten können sich Kurort und Ärzte aber auch selbst aussuchen und die Rechnungen bei ihren Krankenkassen einreichen.

Weltweit hat bislang Asien im Medizintourismus die Nase vorn. Laut Weltbank lassen sich pro Jahr allein in Thailand, Singapur, Indien und Malaysia eine Million Patienten behandeln. Sie sind dort wie in Berlin gern gesehene Gäste, da Gesundheitsreisende im Schnitt länger im Land bleiben als normale Touristen und dort auch merklich mehr Geld ausgeben. Gut gebucht sind Reisen, die kombiniert werden mit Zahnbehandlungen und Eingriffen in der plastisch-ästhetischen Chirurgie.

Aus Asien könnte in den kommenden Jahren auch eine weitere Gruppe zahlungskräftiger Kunden für deutsche Kliniken kommen: Chinesen. DZT-Chef Hedorfer war gerade in Peking und hat nach eigenen Worten “großes Interesse” an Deutschland festgestellt. “Wir haben derzeit zweistellige Wachstumsraten bei den Gästen aus China und sind der größte Emittent von Visa und werden unsere Übernachtungszahlen der Gäste aus China bis 2020 verdoppeln”, sagt die DZT-Chefin. Rund 14 Prozent der Auslandsreisen der Chinesen gehen derzeit nach Europa. Das wird sich aber demnächst ändern, denn die chinesische Regierung hat unter anderem der TUI die Lizenz erteilt, in China erstmals Pauschalreisen für Privatleute anzubieten. Im Herbst soll Verkaufsstart sein, heißt es bei der TUI in Hannover.

Bis dahin sollten auch die immer wieder auftretenden Probleme bei der Visa-Erteilung gelöst sein. “Wir sollten bei der kurzfristigen Erteilung von touristischen Visa nach Europa und Deutschland schneller vorankommen”, findet die DZT-Chefin. Die Bearbeitungszeiten für Visa-Anträge müssten sich den Reisegewohnheiten der Menschen anpassen. Und auch in Asien “verreisen die Menschen immer kurzfristiger”. Andere Länder seien gerade dabei, sich im Wettlauf um kaufkräftige Touristen und Geschäftsreisende einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. “Die Amerikaner verhandeln zum Beispiel bereits mit den Chinesen über ein Fünf-Jahres-Visum”, sagt Hedorfer.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle weiß um die bürokratischen Abläufe in seinen Botschaften und versprach jüngst Abhilfe. Trotz aller Probleme für die Reisenden aus Russland, der Ukraine oder Übersee kann sich die deutsche Tourismuswirtschaft allerdings über ein Rekordjahr freuen. Die Hotels und anderen größeren Beherbergungsbetriebe zählten in den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres 371,3 Mio. Übernachtungen, teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag mit. Das ist ein Plus von vier Prozent. Da im Dezember regelmäßig noch etwa 21 Mio. Übernachtungen dazukommen, wird der Rekord aus dem Vorjahr fallen. Damals hatten die Gäste aus In- und Ausland 380 Mio. Mal übernachtet. Besonders stark gewachsen sind die Geschäftsreisen und Städtetourismus. Mit einem Plus von 8,5 Prozent bei den Gästen sticht Berlin dabei besonders heraus. Das ist nicht verwunderlich, denn nirgendwo sonst in Deutschland gibt so viele billige Hostels, im internationalen Vergleich sehr günstige Preise in Fünf-Sterne-Hotels – und Klinikbetten mit Rundumbetreuung.

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