Seinen Kardiologen, seinen Urologen, den Zahnarzt und zum Schluss den Augenarzt

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Seinen Kardiologen, seinen Urologen, den Zahnarzt und zum Schluss den Augenarzt. Der Augenarzt ist der wichtigste. „Ich muss ja wissen, ob ich noch Auto fahren darf.“ Zweifel sind nicht völlig unberechtigt, denn der Herr Weishaupt ist 90 Jahre alt.

In Schillig an der Nordsee befindet sich einer der größten Campingplätze Deutschlands. Für 900 Dauercamper begann dort schon diese Woche der Sommer – mit dem Hissen der Fahne und dem ersten Steak vom Grill.

Jedes Jahr im März klappert Herr Weishaupt seine Ärzte ab. Seinen Kardiologen, seinen Urologen, den Zahnarzt und zum Schluss den Augenarzt. Der Augenarzt ist der wichtigste. „Ich muss ja wissen, ob ich noch Auto fahren darf.“ Zweifel sind nicht völlig unberechtigt, denn der Herr Weishaupt ist 90 Jahre alt und mancher, der mit Walter Weishaupt früher in die Schule ging, sieht heute nur noch Radieschen. Von unten. „Diesmal hat mir der Doktor gesagt, dass meine Augen noch gut genug sind, um den Busführerschein zu machen.“

Also setzte sich Herr Weishaupt auch dieses Jahr wieder hinter das Steuer seines silbernen Golf IV, fuhr die 240 Kilometer von Bielefeld an die Nordsee und holte erst einmal tief Luft, weil die hier so gut und salzig ist. Sein modischer Schal wehte im Wind, die blaue Wollmütze hatte er tief ins Gesicht gezogen. Seit 51 Jahren macht er das so, Sommer für Sommer.

Walter Weishaupt ist im doppelten Sinne Dauercamper. Seit einem halben Jahrhundert lebt er sechs Monate im Jahr in einem 5,80 Meter langen Wohnwagen; von Anfang April bis Anfang Oktober. „Ich habe noch nie einen Sommer in meiner 70-Quadratmeter-Wohnung in Bielefeld verbracht. Was soll ich da auch? Da kann ich ja nur aus dem Fenster gucken.“

Walter Weishaupt hat an diesem Donnerstagmorgen die Pole-Position am Schlagbaum. Um Punkt 7 Uhr öffnet der 4-Sterne-Campingplatz in Schillig die gelbe Schranke und damit die Saison 2012.

Weishaupt und sein Golf dürfen als Erste auf den Platz. Hinter ihm eine lange Wohnwagen-Schlange aus ganz Deutschland, vor ihm die Nordsee so weit seine gesunden Augen gucken können.

„Almauftrieb“, sagt die Frau im Schrankenhäuschen, lacht und schüttelt den Kopf, während die Caravan-Karawane zur Oase zieht. Ganz schön stressig, der erste Tag, oder? „Na ja, muss ja“, sagt sie. Mehr nicht, weil man hier oben kurz vor Wilhelmshaven selten mehr sagt als nötig.

Der Bauer von nebenan hat inzwischen Herrn Weishaupts Wohnwagen vorbeigebracht. Die meisten der Dauercamper stellen ihre mobilen Eigenheime im Winter bei ihm unter. Weishaupts Reich ist Platz 6, Gasse 2, Parzelle 21. Dort steht sein Tabbert Comtesse.

Er holt seine Werkzeugkiste aus dem Kofferraum, klettert unter den Wohnwagen und ruckelt an der Deichsel. „Hier kommt es auf den Millimeter an, sonst funktioniert der Satellitenempfang nicht“, sagt Herr Weishaupt. Den neuen Flachbildfernseher stellt einer seiner Kumpel von der Nachbarparzelle ein, mit denen er sich abends immer auf einen Schoppen Rotwein trifft. „Um die Technik sollen sich mal lieber die jungen Leute kümmern.“ Die jungen Leute von nebenan sind gut 70 Jahre alt.

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