Vor dem Zähneziehen wurde getrommelt

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Ein Unbehagen habe sie beschlichen. Das Gewühl von Menschen, das sie in Lomé, der Hauptstadt von Togo, erwartete, machte sie unsicher. Zahnarzt Alexander Amberg aus Oberentfelden und seine Assistentin Angela Santoro waren in der Nacht gelandet, und nachts sind die Strassen und Gassen in der westafrikanischen Stadt dunkel und nicht taghell erleuchtet wie bei uns. Alexander Amberg und Angela Santoro waren unterwegs zum Spitalschiff «Africa Mercy», wo sie zwei Wochen im karitativen Einsatz arbeiten wollten.

Es dauerte nur wenige Tage, bis sie beruhigt feststellten, dass sie sich im Gedränge nicht zu ängstigen brauchten. Im Gegenteil, sie bekamen sehr viel Wärme zu spüren, ansteckende Lebensfreude und Frohsinn. Und bevor sie sich jeweils an die Arbeit machten, wurde getrommelt und getanzt, ein Ritual, das auch das Schweizer Zahnärzteteam ansteckte.

Ein Schiff mit Operationssälen

Alexander Amberg führt zusammen mit seinem Bruder Georg in Oberentfelden eine Zahnarztpraxis. Angela Santoro ist seine Assistentin. Als Zahnärzteteam waren Amberg und Santoro denn auch nach Lomé gereist. Sie gehörten der 400 köpfigen Crew der «Africa Mercy» an, einem 200 Meter langen Spitalschiff, das mit Operationsräumen und einer Pflegestation mit 80 Betten ausgerüstet im Hafen angelegt hatte.

Zur Crew gehörte nicht nur medizinisches Personal, das etwa die Hälfte ausmachte. Damit das schwimmende Spital betrieben werden kann, braucht es Elektriker, Haushälterinnen, Sanitärinstallateure, Bäcker, Arzthelferinnen, Patientenbetreuer genauso wie Maschinisten und andere Berufsleute mehr.

Internationale Hilfsorganisation

Mercy Ships (siehe Box) ist eine internationale, christlich motivierte Hilfsorganisation, die seit 1978 Krankenhausschiffe in Entwicklungsländern betreibt. Die freiwilligen Mitarbeiter, die für Reise, Unterkunft und Verpflegung selber aufkommen, leisten Hilfe in Form von Operationen, Zahnbehandlungen, Bau- und Landwirtschaftsprojekten sowie Ausbildungsprogrammen.

Es sind alles Freiwillige, über tausend, die jedes Jahr eine gewisse Zeit an Bord des Spitalschiffs verbringen.

Das Schiff ist bewacht von indischen Gurkha-Soldaten. Die Gurkhas erlangten als Söldner in britischen Diensten Bekanntheit, und sind offensichtlich noch heute loyale Wachleute.

Insbesondere Menschen mit grossflächigen Gesichtstumoren, Fehlbildungen wie Gaumenspalten und Entstellungen erhalten an Bord kostenlose Operationen von Fachchirurgen aus der ganzen Welt. «Zum medizinischen Spektrum gehören Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Orthopädie, plastische Chirurgie, Augenchirurgie und Gynäkologie», berichtet Alexander Amberg.

Für Kinder besonders schlimm

In vielen afrikanischen Ländern stossen Menschen mit Missbildungen wie Gaumenspalten auf Ablehnung, werden oft verstossen, was für Kinder besonders schlimm ist. «Erblindung und Schielen stigmatisieren Menschen in einem Land, in dem Aberglaube, Woodoo und Geisterglaube noch gang und gäbe sind», sagt Angela Santoro. Umso wichtiger sei, dass solche Missbildungen frühzeitig behoben würden.

Die Zahnarztklinik befand sich nicht auf dem Schiff, sondern an Land. Nebst Alexander Amberg gehörten drei weitere Ärzte zum Team, ein Brite und zwei Iraner. Sechs afrikanische Assistenten, Day-Workers, nahmen auch schon mal ein Baby huckepack, während dessen Mutter ein Zahn gezogen wurde, dienten als Dolmetscher, machten Handreichungen und sorgten für gute Stimmung.

Täglich 90 Patienten

«Bei uns, hier in der Schweiz, hat ein Patient vielleicht zwei, drei Tage Zahnweh, in Entwicklungsländern wie Togo kann es Monate dauern, bis geplagte Menschen von ihren Schmerzen befreit werden», sagt Zahnarzt Amberg.

Bei Temperaturen knapp unter 40 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit behandelten er und seine Kollegen täglich rund 90 Patienten. Meist ging es um Abszess- und Infektionsbehandlungen und das Ziehen von Zähnen. «Im wahrsten Sinn des Wortes Knochenarbeit», erklärt Amberg. «Die Kieferknochen der Afrikaner sind härter, die Zahnwurzeln länger.»

Sechs Monate zum Voraus war in der Bevölkerung bekannt gemacht worden, dass ein Spitalschiff anlegen würde. Das Rote Kreuz leistete aufwendige Informationsarbeit. Auch entlegene Gebiete sollten erreicht werden. Am Empfangstag wurden die Patienten, ganze 5000, in einem Fussballstadion empfangen und nach Schwere und Art der Beschwerden eingeteilt. Sie bekamen versiegelte Armbänder, mit denen sie sich beim Eintritt ins Spital auswiesen. Versiegelt, damit sie nicht in Versuchung kamen, ihre Behandlung zu verkaufen., weil sie die Armut vielleicht mehr belastet als die Krankheit.

Dankbarkeit und Lebensfreude

Morgen für Morgen versammelten sich die Patienten vor der ambulanten Zahnarztklinik – trommelten und tanzten. «Man kann nicht anders als mitzutanzen», sagt Angela Santoro. Sie ist beeindruckt von der Dankbarkeit, die sie erfahren durfte. «Es ist eine Dankbarkeit ohne Hintergedanke und Berechnung», bestätigt Amberg.

Angela Santoro hatte auf dem Heimflug eine afrikanische Trommel im Gepäck. Sie übe nun zu Hause. Und trommelt vielleicht bei ihrem nächsten Freiwilligeneinsatz auf dem «Mercy Ship», dem «Schiff des Erbarmens». Alexander Amberg ist sich sicher: «Ich war nicht zum letzten Mal mit.» Auch 2013 soll ein Schiff an der westafrikanischen Küste vor Anker gehen, in Ghana.

(az Aargauer Zeitung)
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