„Interessenkonflikte, Korruption und Betrug – Symptome eines kranken Gesundheitswesens?” –

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… dies war das Thema des Referates von Dr. med. Wolfgang Wodarg, Leiter der Arbeitsgruppe „Gesundheit” bei Transparency International Deutschland, das bei der gemeinsamen Frühjahrstagung der zahnärztlichen Verbände Vereinigung Demokratische Zahnmedizin (VDZM) und Deutscher Arbeitskreis für Zahnheilkunde (DAZ) für lebhafte Diskussionen sorgte.

Auch wenn in der allgemeinen Öffentlichkeit und ebenso bei den allermeisten Zahnärztinnen sowie Zahnärzten in Deutschland die Zahnmedizin nicht gerade als ein Hort der Korruption wahrgenommen wird, stimmen die Ausführungen von Dr. Wodarg nachdenklich. Sein fundierter Vortrag in Frankfurt machte deutlich, wie grundsätzlich unterschiedlich die Interessen der Akteure aus „Gesundheitssicherung” und „Gesundheitswirtschaft” sind.

Während die medizinische Versorgung sich bemüht, möglichst Krankheiten zu verhindern und, wenn doch auftretend, diese im Rahmen einer vorwiegend solidarisch finanzierten Gesundheitspflege möglichst effizient zu therapieren, sind die Zielvorgaben der Industrie rein wirtschaftlich geprägt. Für sie gilt es, eine noch höhere Rendite mit dem kleinen Teil der Bevölkerung (ca. 20%) zu erwirtschaften, der mehrere chronische Krankheiten auf sich vereinigt und den Hauptteil des Umsatzes bringt (ca. 80%). Die Stellschrauben hierfür sind unter anderem neue Zieldefinitionen und neue Normen, die global, national oder fachbezogen gesetzt werden. Drastisches Beispiel hierfür ist z. B. die Senkung des Normwertes für Cholesterin von 240 auf 200 Milligramm pro Deziliter Blut, der der Pharmawirtschaft eine satte Absatzsteigerung von 86 Prozent in den USA bescherte.

Während „Betrug” strafrechtlich eindeutig ist und „Interessenkonflikte” jedem Zahnarzt in seiner Doppelfunktion als Therapeut und Praxisbetreiber vertraut sind, scheint das Feld der „Korruption” ein blinder Fleck zu sein. Dabei muss man sich gar nicht groß bemühen, um Verdachtsmomente auszumachen. Wie unabhängig sind Universitäten, an denen mittlerweile fast ausschließlich Drittmittelforschung betrieben wird? Wie neutral informieren Fortbildungsveranstaltungen, die von Firmen gesponsert werden, und welche massiven wirtschaftlichen Interessen stehen hinter den Änderungen in Normen sowie Richtlinien, die auf Meinungen von Peergroups oder Gremien statt auf Evidenz gründen?

Erste Forderungen an Wissenschaft und Politik wären die Offenlegung von Abhängigkeiten der Autoren wissenschaftlicher Arbeiten, die Offenlegung der Verträge für die Drittmittel und ein Paradigmenwechsel durch geänderte Steuerungsinstrumente in den gesetzlichen Vorgaben, so dass die Aufgabenstellung, Gesundheit zu erhalten oder wiederherzustellen, stets Vorrang vor den Wirtschaftsinteressen von Her­stellern und Anbietern behält.

Hier Transparenz und kritische Distanz zu schaffen, ist dringend geboten, statt, wie jüngst geschehen, sich vor den Karren der Industrie spannen zu lassen und als KZBV, immerhin eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, die „Wachstums- und Beschäftigungseffekte der Mundgesundheitswirtschaft zu preisen.

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