Kindern am Kilimandscharo auf den Zahn gefühlt

by

Gudrun Fischer aus Lindenau (Oberspreewald-Lausitz-Kreis) ist aus Tansania zurück. Doch der 50-jährigen Zahnärztin fällt es schwer, wieder richtig in der Lausitz anzukommen. Zu stark und überwältigend waren die Eindrücke der Wochen in Afrika.

 

 

Sie haben sich einen Kindheits- und Jugendtraum erfüllt – wie fühlt sich das an?
Gut. Ja, ich habe mir einen Traum erfüllt. Ich bin auf den Kilimandscharo, das Dach Afrikas, gestiegen. Das Gefühl kann ich kaum beschreiben. Glücklich, überwältigend und auch ein bisschen unwirklich, nicht zu fassen. Die Eindrücke muss ich wohl erst noch verarbeiten. Aber ich kann bestätigen: Es gibt auch Schnee auf dem Kilimandscharo, wenn auch nicht sehr viel um diese Jahreszeit.

Der als “härtester Spaziergang der Welt” beschriebene Aufstieg war aber nicht der Hauptgrund Ihres Aufenthaltes in Afrika, eher ein krönender Abschluss.
Genau. Ich war mit einer Hilfsorganisation in Moshi am Fuße des Bergmassivs, um die Zahngesundheit von Kindern zu untersuchen. Gemeinsam mit einer einstigen Kommilitonin – einer befreundeten Zahnärztin, die heute in Neu-Anspach (Hessen) praktiziert – habe ich dieses Abenteuer gewagt. Carola Stach hatte schon Erfahrungen in Brasilien gesammelt. Für mich war das völlig neu.

Also eine Herausforderung.

Ja, das stimmt. Ich wollte es auch noch mal wissen. Mein Berufsleben läuft in geordneten Bahnen, die beiden Söhne sind erwachsen. Solange sie klein waren, hätte ich so ein Abenteuer nicht riskiert. Doch ein Auslandseinsatz, wie ihn “Ärzte ohne Grenzen” machen, hat mich auch früher schon fasziniert und gereizt. Nun habe ich Nägel mit Köpfen gemacht.

Wie haben Sie sich vorbereitet?
Natürlich habe ich alle möglichen Informationen über Land und Leute zusammengetragen. Dentalfirmen und Dental-Labore, mit denen meine Praxis zusammenarbeitet, haben mich mit Verbrauchsmaterialien unterstützt. Auch meine Patienten haben rührend Anteil genommen und gespendet, und meine Mitarbeiterin Doreen Haynk hat alles für mich sortiert und aufgearbeitet. Ich habe so viel mitgenommen, wie nur ging. Dafür habe ich mein persönliches Gepäck so knapp wie möglich gehalten. Übrigens hatte ich auch ganz unerwartet Hilfe, nachdem im Februar ein Beitrag in der Lausitzer Rundschau erschienen war, dass ich mich auf den Weg nach Afrika mache. Da hat mir der ehemalige Vetschauer Bürgermeister Axel Müller wertvolle Tipps gegeben und Kontakte vermittelt. Er ist in Tansania Entwicklungshelfer und Berater über die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit. Durch ihn habe ich Rosi und Klaus Schäfer kennengelernt, die mir auch vor Ort viel geholfen haben. So ein Netzwerk zu haben, ist wirklich wichtig.

Was war für Sie zu tun?
Die Hilfe basiert auf einer Partnerschaft des von der Stadt Neu-Anspach cofinanzierten Entwicklungsprojektes des Idsteiner Vereins “People help People – One World” mit dem lokalen Partner FIDA und der Msareni Primary School in Moshi. Unsere Aufgabe bestand darin, die Zahngesundheit von Fünf- bis Vierzehnjährigen zu untersuchen. Wissen Sie, in Tansania spielt die zahnärztliche Betreuung von Kindern keine Rolle, besonders in den ländlichen, unwegsamen und ärmeren Regionen wie Moshi nicht.

Was haben Sie vorgefunden?
Vor allem liebenswerte, freundliche, aufgeschlossene Kinder. Die meisten hatten noch nie einen Zahnarzt gesehen und wussten auch nicht, was sie erwartet. Wir hatten sehr einfache Bedingungen: eine Liege zum Untersuchen, Plastestühle, einen schlichten Raum. Unsere mitgebrachte mobile Zahnarzt-Einheit konnten wir allerdings nicht anschließen. Die Kinder sind am Morgen klassenweise mit dem Bus zu uns gebracht worden – und haben dann geduldig gewartet, bis sie dran waren. Ich habe mich immer wieder gefragt, wie wohl unsere Kinder eine so lange Wartezeit in der Gruppe und ohne Handy oder andere Ablenkungen ausgehalten hätten. Die Mädchen und Jungen jedenfalls waren wissbegierig, interessiert, keiner tobte oder musste zur Ordnung gerufen werden. Diese Ausgeglichenheit hat mich schon fasziniert. Nach den Untersuchungen haben wir den Kindern noch erklärt, wie und wann Zähne geputzt werden, wie das Gebiss aufgebaut ist und funktioniert. Sie haben wunderbar und eifrig mitgemacht. Das hat richtig Spaß gemacht.

Welche Befunde haben Sie gestellt?
Auch die sind erstaunlich: Die Mehrheit der untersuchten Kinder hatte keine Karies.

Wird nicht so viel genascht?
Das ist sicher der Hauptgrund, vor allem, weil es so gut wie keine Zahnpflege gibt. Zahnbürsten gibt es zwar in den Supermärkten, aber die können sich die wenigsten leisten. Deshalb haben wir auch immer ein strahlendes Lächeln bekommen, wenn wir jedem Kind zum Abschluss der Untersuchung Zahnbürste, Zahnpasta und ein kleines Geschenk gegeben haben. Und manchmal mussten wir auch erklären, dass jeder Mensch eine eigene Zahnbürste haben sollte. Zuckerhaltige Lebensmittel, so haben wir erfahren, spielen in der Ernährung der Kinder so gut wie keine Rolle. Auch das sehr fluoridhaltige Wasser vom Kilimandscharo trägt zur Zahngesundheit bei. Allerdings hat dieser Aspekt auch negative Folgen: sehr viele Zahnverfärbungen, wir sagen Dentalfluorose dazu.

Haben Sie die Kinder auch behandelt?
In einzelnen Fällen, wenn es möglich war. Kariös zerstörte Zähne, die nicht mehr erhaltungswürdig waren, wurden entfernt. Wenn nämlich ein Kind Karies hat, dann ist sie meist sehr stark ausgebreitet, weil es eine Infektionskrankheit ist. Wir haben auch Zahnfehlstellungen gesehen, die dringend behandelt werden müssten. Besonders denke ich da an einen kleinen Jungen, der seit einem Unfall die Zähne nicht mehr zusammenbeißen kann. Für unsere Maßstäbe ist es nicht vorstellbar, dass es für ihn keine unmittelbare Hilfe gibt.

Warum gibt es die nicht?
Vor allem, weil sich die Menschen die Behandlungen nicht leisten können. Zahnärztliche Hilfe ist nur bis zum fünften und ab dem 60. Lebensjahr kostenlos. Die Leute in den Dörfern sind aber arm, ihre Lebensbedingungen nach unserem Verständnis sehr einfach. Ich habe gesehen, wie sie vor ihren Hütten sitzen und Sandalen aus Autoreifen schneiden. In der Schule ist eine von der Hilfsorganisation gerade gebaute Wasserleitung eine Riesenerrungenschaft, sonst fehlt es an allem. Wir haben zwei Zahnkliniken in Moshi besucht. Die Kollegen dort sind sehr gut und wir haben gestaunt, welche schwierigen Operationen und Behandlungen sie mit wenig Ausstattung leisten. Aber sie können nur einen Bruchteil des Bedarfs abdecken – und viele können sich gar keinen Zahnarzt leisten. Unsere mitgebrachten Materialien haben große Freude ausgelöst, jede Kanüle ist dort wertvoll.

War das für Sie auch eine Grenzerfahrung?
Ja, natürlich. Für jemanden, der aus dem reichen Europa kommt, ist es manchmal schon schwer auszuhalten, wenn er die Armut in dieser Region erlebt. Da gerät man an Grenzen und wird auch irgendwie durcheinander gerüttelt und fragt sich, was wirklich wichtig im Leben ist. Im gleichen Atemzuge habe ich aber auch die Zufriedenheit der Menschen, ihre Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit erfahren. Für Tansania ist es aus meiner Sicht wichtig, ein funktionierendes Gesundheitswesen aufzubauen. Dafür braucht es aber noch sehr viel Hilfe, auch von uns.

. . . und würden Sie auch wieder nach Tansania gehen?
Ich kann es mir vorstellen. Jetzt weiß ich noch besser, wie man wirklich helfen kann. Und wenn das ein Projekt leistet, bin ich dabei.

Wie sehen Sie seit Ihrer Rückkehr das Leben hier?
Ich ertappe mich schon dabei, dass ich gelegentlich sagen möchte: Mensch Leute, habt ihr keine anderen Probleme?

Noch einmal zurück zur anderen Grenzerfahrung: dem Erklimmen des Kilimandscharo. Hatten Sie dafür hart trainieren müssen?
Das habe ich nicht, aber ich mache schon im Alltag etwas Sport und bin auch im Urlaub sehr aktiv. Der Aufstieg ging wirklich ans Eingemachte. Diese fünf Tage werde ich nicht vergessen. Vom Bergregenwald übers Heide- und Moorland bis in die Alpine Zone. Mein Guide hat mich immer wieder motiviert, auch wenn ich glaubte, am Ende meiner Kräfte zu sein. Mitunter wurden die Schritte kleiner als die Schuhgröße. Am 10. April um 8.05 Uhr stand ich schließlich auf dem höchsten Punkt, dem Uhuru Peak, auf 5895 Metern über Afrika. Die aufgehende Sonne tauchte die Berglandschaft in ein warmes Licht – und ich wollte mich einfach nur noch überglücklich sattsehen.

Tags:

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s


%d bloggers like this: