Hausarzt, Zahnarzt, Gynäkologe und Dermatologe in einem: Enrico Clavadetscher

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Der Geruch, der einem beim Eintritt in die Nase steigt, grüsst wie ein alter Bekannter. Es riecht in der Kleintierklinik in Dübendorf nicht anders als beim Hausarzt oder im Spital. Nur dass die Praxisassistentinnen hier nicht in engelhaftem Weiss durch die Gänge huschen, sondern in dunklem Violett. Und der Arzt, der einem zur Begrüssung mit lachenden Augen ins Gesicht schaut, trägt Jeans und ein modisches Holzfällerhemd. Kein Kittel, kein Stethoskop, nur das Namensschild macht deutlich, wer da vor einem steht: «Dr. med. vet. E. Clavadetscher» steht darauf.

Fritz ist der Liebste

«Als Kind wollte ich Clown werden», sagt Enrico Clavadetscher, der die Kleintierpraxis seit 2004 am Standort an der Zürichstrasse führt. Und fügt an: «Oder Arzt.» Das war, als er acht Jahre alt war. Mit zwölf Jahren stellte er sich vor, er werde einmal Zahnarzt. Später wollte er Frauenarzt werden, dann Kinderarzt. Er entschied sich letztlich für Tiermedizin. «Das war eigentlich das Naheliegendste», so Clavadetscher. «Ich wuchs in Liestal, umgeben von Tieren, auf. Vor allem Hunde waren immer um mich herum, und ich hielt mich oft auf Bauernhöfen auf.» Einen eigenen Hund hat der 51-jährige Tierarzt auch heute. Er trägt den Namen Fritz und ist «der liebste Schäferhund, den es gibt».

Das Herrchen beruhigen

Weil die Spezialisierung in seinem Bereich noch nicht ganz so weit fortgeschritten ist wie in der Humanmedizin, amtet Clavadetscher in seiner Kleintierklinik gleichzeitig als Hausarzt, Zahnarzt, Gynäkologe, Dermatologe – und noch einiges mehr. «Mein Beruf ist wahnsinnig vielfältig. Wir Tierärzte decken fast alles ab.» Die meisten seiner Patienten kommen zu Routineuntersuchungen, bei denen sie gewöhnlich geimpft werden. Dazu kommen Beschwerden wie Erbrechen, Durchfall, Haut- oder Zahnprobleme, Hinken, Blasenentzündungen, Schnupfen, Schilddrüsenüberfunktionen oder Augenprobleme.

Täglich tapsen rund 40 bis 60 Kleintiere in die Klinik oder werden in einem Körbchen hineingetragen, wovon die meisten Katzen und Hunde sind. Bewältigt wird dieser Ansturm von Clavadetscher und seinen zwei Angestellten sowie bei Bedarf von zwei weiteren freischaffenden Ärzten. Dass Clavadetscher keine zehn Pferde von seiner Tätigkeit mehr abbringen können, schwingt in jedem Satz mit, den er über seine Arbeit verliert. Er erzählt begeistert Geschichten von Tieren und deren Besitzern, davon, wie er als Tierarzt von den Nutztieren zu den Kleintieren kam, weil er die ökonomische Denkweise der Nutztierhalter nicht mehr ertragen konnte, wie die Haustierhalter manchmal in erster Linie Verständnis und Beruhigung suchten, und natürlich erzählt Clavadetscher von seinen Erlebnissen bei zahlreichen Auslandseinsätzen für Not leidende Tiere.

Hilfe für streunende Hunde

«Ich bin wohl auf die Schoggiseite des Lebens gefallen», sagt der überzeugte Vegetarier. «Ich durfte studieren, weil mir der Staat das Studium sponserte, wir leben hier in tollen Verhältnissen. Ich hatte immer das Gefühl, im Leben Glück gehabt zu haben, und wollte etwas zurückgeben, das der Allgemeinheit dient.» Der Tierschutz lag für Clavadetscher auf der Hand, hier sind seine Möglichkeiten am grössten. Und so stellt er seine veterinärmedizinischen Fähigkeiten mindestens zwei Wochen im Jahr denen unentgeltlich zur Verfügung, die sie am nötigsten haben. Zum Beispiel den streunenden Hunden in Italien, Mazedonien oder Griechenland. Den verwilderten Katzen im Tessin oder im Bündnerland. Oder von ?woher auch immer ein Hilferuf die Organisation Netap (Network for Animal Protection) erreicht. Clavadetscher ist dort auch im Vorstand ehrenamtlich engagiert und für die medizinische ?Organisation der zahlreichen Einsätze zuständig. Hunde und Katzen werden von Netap kastriert, Wunden werden versorgt und Krankheiten behandelt.

Prekäre Bedingungen

Bei den Einsätzen treffen die engagierten Tierärzte manchmal auf prekäre Arbeitsbedingungen. «In Mazedonien mussten wir schon auf einem Bauernhof auf dem nackten Boden operieren. Da verscheuchte einer die Fliegen, während der andere operierte.» Gerade Kastrationen sind in ärmeren Gegenden nötig, wenn zum Beispiel die Population streunender Katzen grösser und grösser wird. «Wenn die vielen Katzen den Menschen zur Last werden, werden sie nicht selten brutal erschlagen oder ersäuft», weiss Clavadetscher. Ausserdem seien nicht kastrierte Tiere anfälliger für viele schwere Krankheiten als kastrierte. Clavadetscher zeigt Fotos von Katzen und Hunden aus ärmeren Gegenden, die auf kahlen Böden liegen und sehnsüchtig in die Kamera blicken. «Bei solchen Bildern kann ich einfach nicht wegschauen», sagt er.

Die Organisation Netap fährt jedoch nur an Orte, an die sie auch gerufen wird, und kreuzt nirgends ungefragt auf. «Oft rufen uns Ortsverantwortliche, wenn sie nicht mehr weiterwissen.» Clavadetscher macht sich trotz leidenschaftlichem Einsatz keine Illusionen. «Wir können mit unseren Einsätzen nicht die ganze Welt verändern, jedoch die Welt der einzelnen Tiere. Wir tun, was wir tun können. Und das ist mir wichtig.»

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