Wiener Kadavertourismus: Anatomiekurse Post mortem

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Mediziner aus aller Welt reisen nach Wien, um an Leichenteilen ihr Handwerk zu üben. In der Ärztezunft herrscht große Nachfrage nach dem Kadavertourismus an die Donau.

Ein Seziertisch ganz hinten im anatomischen Theater in der Wiener Währinger Straße ist leer geblieben. Nur zwei rote Grablichter flackern auf der grün abgedeckten Fläche. Der scharfe Geruch von Desinfektionsmittel erfüllt den neonkalten Raum. OP-Leuchten stechen von der Decke, an den Wänden flimmern große Flachbildschirme. Alles modernste Technik – vor wenigen Jahren floss ein siebenstelliger Euro-Betrag in die Ausstattung des Anatomy Training Center der Universität Wien, wie es heute genannt wird.

An diesem Samstagvormittag herrscht Hochbetrieb. Es werden die letzten Vorbereitungen für einen der sogenannten Human Cadaver Dissection Courses getroffen. Eine Gruppe italienischer Zahnmediziner will ein Wochenende lang ihre Handwerkskunst am toten Objekt verfeinern.

Noch bevor die Italiener den Raum betreten, öffnet sich in der hintersten Ecke eine Lifttür. Ein Wagen mit zehn Köpfen, sorgfältig in Plastiksäcke verpackt, wird hereingeschoben. Ein Assistent verteilt die noch leicht gefrorenen Schädel auf den blitzenden Nirostatischen. Pünktlich um neun Uhr betreten die Zahnärzte in grünen OP-Schürzen und -Hauben den Raum. Sie blicken unschlüssig, wirken neugierig und auf Abstand bedacht zugleich. Hannes Traxler, Facharzt für Anatomie, der diese Kurse für Kadavertouristen vor 15 Jahren initiierte, ergreift in der nervösen Stille auf Englisch das Wort. Er spricht auch die Grablichter an: Es gehe um Respekt vor den Toten, an denen die Kursteilnehmer gleich ihr chirurgisches Besteck zur Anwendung bringen werden. Professor Matteo Chiapasco, der eigens aus Italien angereiste Kursleiter, fügt in seiner Übersetzung beiläufig hinzu, er fände die Sache mit Kerzen doch eher ein wenig makaber.

Gleich im Anschluss geht es ans Werk. Auf einen der Köpfe ist eine Videokamera gerichtet, um jeden Arbeitsschritt in Großaufnahme auf die zehn Bildschirme an den Wänden zu übertragen. Es geht darum, korrekte Zahnimplantate im Kieferknochen zu verankern. Erste Schnitte ins Zahnfleisch. Mancher Kursteilnehmer blickt zunächst zur Seite, keiner spricht, nur das leise Surren der Geräte ist zu hören.

Der Werbefolder für den Kurs lockt mit der »langen, berühmten Wiener Medizintradition« und illustriert die historische Tiefe mit einem Bild der vergoldeten Johann-Strauß-Statue im Stadtpark, um die Musiknoten im Dreivierteltakt schweben. Auch Theodor Billroth, Begründer der modernen Bauchchirurgie, der Pathologe Karl Landsteiner, Entdecker der Blutgruppen, Sigmund Freud und sogar Urahn Paracelsus sollen die anatomische Kompetenz des Traditionshauses unterstreichen. »Das ist schon auch etwas kitschig«, befürchtet Doktor Traxler. weiter

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