Marketingstrategen im weißen Kittel

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Die Medizinindustrie braucht die Ärzte. Viele von ihnen lassen sich diese Zusammenarbeit gut bezahlen und bringen sich so häufig in Interessenkonflikte.
Kassenärzte dürfen Geschenke der Pharmaindustrie als Gegenleistung für die Verschreibung von Medikamenten annehmen. So hat es der Bundesgerichtshof kürzlich in einem Grundsatzurteil entschieden (siehe F.A.Z. vom 23. Juni). Doch empfiehlt sich, was juristisch einleuchtet, nicht als höchstrichterlichen Freischein für undurchsichtige Machenschaften zu Lasten von Patienten und Kostenträgern zu deuten.Kassenärzte sind Freiberufler. Mithin weder Amtsträger noch Angestellte der Krankenkassen. Die einschlägigen Vorschriften der Vorteilsannahme und Bestechung im Amt treffen nicht. Die Freiberuflichkeit ärztlicher Tätigkeit gründet auf der besonderen Qualifikation und der vorrangigen Verpflichtung gegenüber den Patienten. Um ihrer Glaubwürdigkeit willen sollten Ärzte dem Eindruck entgegenwirken, ihre bevorzugte Sinneswahrnehmung sei das Geschmäckle.
Wenn Ärzte Kranke heilen, dann nutzen sie nicht selten Stoffe und Geräte, die in den Laboratorien der Medizinindustrie entwickelt wurden. Durch Gewinnstreben motivierte Forschung hilft den Patienten. Eine reibungslose Zusammenarbeit von Ärzten und Medizinindustrie ist dabei vonnöten. Patienten und Ärzte brauchen die Industrie, wie ebendiese auf die Mediziner angewiesen ist. Ärzte sind die Türsteher im System. Sie genießen das verbriefte Vorrecht, über den Sinn und die Erfolgschancen einer Behandlung wie auch über klinischer Experimente ein Urteil abzugeben.
Dieses Vorrecht sichert die Lufthoheit über den Rezeptblock – hier wird die Sache brisant. Kleine Geschenke, Vortragshonorare, Einladungen zu Kongressbesuchen, die Bereitstellung von Annehmlichkeiten bei der Gestaltung von Fortbildungen, die Bezahlung einer Beratertätigkeit für Pharmahersteller sind aufs Beste geeignet, die Geneigtheit des Verschreibers zu garantieren. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit blieb bislang die Strategie, durch von Marktforschungsinstituten durchgeführte Marketingstudien Vergünstigungen zu gewähren. Qualifizierte Ärzte, deren Entscheidungen als Funktionsträger im System zählen, etwa als Oberärzte in Kliniken, werden nahezu täglich in E-Mails eingeladen, für ein Honorar von einhundert bis zweihundert Euro ein paar läppische Fragen zu einem Pharmaprodukt zu beantworten. Wer mitspielt, kann als Zubrot die von den Piraten geforderte Grundsicherung von tausend Euro im Monat leicht hinzuverdienen.
Es ist an der Zeit, dass Ärzte sich dieser Aufforderung zum Tanz verweigern. Interessenkonflikte gefährden Patienten und fügen dem Gesundheitssystem finanziellen Schaden zu. Das ist keine böswillige Unterstellung. Das ist empirisch belegt. So beurteilen Experten ein neues Pharmakon eher als sicher, wenn sie finanzielle Zuwendungen der Hersteller in Form von Reisestipendien oder Vortragshonoraren erhalten, wie schon vor mehr als zehn Jahren am Beispiel der blutdrucksenkenden Calcium-Antagonisten gezeigt wurde. Ebenso nach einer Kongresseinladung steigt die Zahl der Verschreibungen einschlägiger, oft teurer Medikamente.
Die Pharmaindustrie lässt sich das Marketing etwas kosten. In Deutschland liegen keine genauen Zahlen vor. In den Vereinigten Staaten stiegen die entsprechenden Ausgaben der Hersteller auf etwa dreißig Milliarden Dollar im Jahr 2005. Davon wird der Löwenanteil für die Einflussnahme auf Ärzte verwendet, wie etwa die großformatigen Anzeigen in Fortbildungszeitschriften belegen. Hierzulande verhält es sich offenbar nicht anders. Ein kritischer Mediziner hat den Werbeanteil der oft unaufgefordert zugesandten Zeitschriften eines beliebigen Monats untersucht: Von 2231 Journalseiten mit einem Gewicht von 6,7 Kilogramm waren 896 Seiten Anzeigen, die einem Gewicht von 2,7 Kilogramm entsprachen.
Subtil und perfide sind die Wege, den Inhalt der sich als wissenschaftlich ausgebenden Fortbildungsjournaillen zu lenken. Dazu eignen sich Ghostwriter, die einige Pharmaunternehmen über Kommunikationsagenturen anheuerten. Ein Prozess gegen das Unternehmen Wyeth wegen der Verharmlosung der schädlichen Wirkungen eines von ihm vertriebenen Hormonpräparates förderte einige pikante Details solcher Praxis zutage. So wurden Agenturen bis zu 25 000 Dollar für einen wirkmächtig plazierten Artikel bezahlt.
Die Präsentation von Forschungsergebnissen auf Kongressen ist nicht frei von Einflussnahme. Von der Industrie gesponserte Studien zeitigen statistisch weit häufiger positive Resultate als Prüfungen durch finanziell unabhängige Wissenschaftler.
Kaum eine Tätigkeit bedarf einer derartig intensiven und kontinuierlichen Fortbildung wie der Arztberuf. Kaum eine andere Spezies verbringt mehr Zeit bei Vorträgen und Symposien als die Ärzte. Doch stellt die Organisation des medizinischen Fortbildungswesens kein Ruhmesblatt akademisch unabhängigen Strebens dar. Es ist nicht leicht, Tagungen ohne Pharmasponsoring zu besuchen. Peinlich ist das Ergebnis einer Umfrage unter deutschen Teilnehmern eines renommierten Kongresses in den Vereinigten Staaten durch den Wiesbadener Arzt Volker Eckardt. Mehr als drei Viertel der Ärzte waren auf Kosten der Pharmaindustrie gereist. Anlässlich des diesjährigen Krebskongresses in Berlin bat David Rothmann, ein Aktivist für mehr Transparenz im Umgang von Medizinbetrieben mit der Industrie, das Auditorium um ein Handzeichen, wer ohne Pharmaunterstützung angereist sei. Die Antwort war ernüchternd.
Wichtige und für die Praxis unmittelbar bedeutsame Forschungsergebnisse werden zuerst auf den großen Kongressen der Fachgesellschaften vorgestellt. Noch immer finden die meist in Amerika statt. Auf dem Gebiet der Krebsforschung nimmt die Jahrestagung der amerikanischen Krebsgesellschaft (Asco) eine Sonderstellung ein. Wegen der von niemandem bestrittenen Bedeutung der Tagung haben deutsche Krebsspezialisten seit einigen Jahren begonnen, wichtige Studienergebnissen in den Wochen nach der Veranstaltung in einer Reihe sogenannter Post-Asco-Symposien hierzulande zu diskutieren. Seit jüngster Zeit werden den Veranstaltungen unter diesem Label strenge inhaltliche Vorgaben der Asco gemacht. Das betrifft Themen und Referenten. Solche Praxis spricht aber dem Anspruch eines freien, allein an akademischen Standards ausgerichteten Fortbildungswesens hohn. Und ein Schelm ist, wer Böses denkt, weil er die Augen vor der Tatsache nicht verschließen mag, wie sehr die Asco und ihre Jahrestagung am Tropf der Pharmaindustrie hängen.
Es ist leicht, das zuweilen undurchsichtige Geflecht von Ärzteschaft und Medizinindustrie zu verteufeln. Es ist nicht einfach, die Zusammenarbeit so zu regeln, dass nicht auch nachteilige Folgen zu befürchten wären. So führte in Amerika die rigorose Durchsetzung des Prinzips, bei der Formulierung der für die Praxis notwendigen Behandlungsleitlinien die Mediziner auszuschließen, die über einschlägige Beziehungen zur Pharmaindustrie berichten, zu absurden Konsequenzen. Eine Leitlinie zur Behandlung von Leberentzündungen wurde von nur wenig erfahrenen Wissenschaftlern erarbeitet, da die wenigen Spezialisten an den von der Industrie geförderten Studien beteiligt waren. Das Dokument gilt mit Recht als rückständig.
Eine rigorose Trennung der Sphären liegt nicht im Interesse der Patienten, wo doch Kooperation notwendig ist. Aber zweierlei ist dringlich angezeigt. Zunächst gilt es, Transparenz herzustellen. In Analogie zu dem ab dem nächsten Jahr in den Vereinigten Staaten als Teil der Gesundheitsreform geltenden Sunshine Act sollten auch in Deutschland Hersteller von Medikamenten und Medizinprodukten verpflichtet werden, Art und Umfang der Vergünstigungen für Ärzte bekanntzumachen. Seien dies Honorare für klinische Forschung, Vorträge, Beraterverträge und anderes mehr. Auch Geschenke und Einladungen wären aufzulisten. Das Internet bietet dafür eine geeignete Plattform.
Ein Sunshine Act wäre kein Schandpfahl. Seriöse Wissenschaft und ärztliches Engagement müssen das Licht nicht scheuen. Doch dürfte es manchen Patienten interessieren, auf welche Kosten sein Doktor reist und Medikamente welchen Herstellers er verschreibt. Wissenschaftlich tätige Ärzte mag es hingegen auszeichnen, dass ihre Forschungsleistungen und Beiträge auf Kongressen honoriert werden.
Daneben ist es dringlich, eine von finanziellen Interessen Dritter befreite Struktur ärztlicher Fortbildung zu etablieren. Die ist nicht umsonst zu haben. Die Aufwendungen dafür müssen von den Kostenträgern bereitgestellt werden. Es steht außer Zweifel, dass Themen und Inhalte medizinischer Kongresse sich wandelten, wären die Organisatoren weniger abhängig von den Zahlungen der Medizinindustrie.
Stephan Sahm ist hauptberuflich als Internist und Chefarzt der Medizinischen Klinik I am Ketteler Krankenhaus in Offenbach tätig.

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