dem demografischen Wandel die Stirn bieten

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Kerstin Finger ist promovierte Zahnärztin, hat einen Master in Kulturwissenschaften, sie ist seit zwei Jahren als “rollende Zahnärztin” rund um Templin unterwegs – und gilt inzwischen als Expertin, wenn es darum geht, wie man dem demografischer Wandel begegnen soll. Eine ihrer Antworten darauf ist, Menschen wie Dieter Welchering zu unterstützen, die sich, ob Laie oder nicht, für andere engagieren.

Kerstin Finger ist 53, man könnte sie für viel jünger halten, was an ihrem begeisterten Ton liegt, in dem sie ihre Anliegen vorbringt. Der demografische Wandel, meint sie, sei kein Endzeitszenario, “sondern einfach eine Veränderung, auf die man reagieren muss.” Dies setzt sie Demografen und Politikern entgegen, die warnen: Die Aufrechterhaltung des Gemeinwesens in strukturschwachen Gebieten werde zu teuer. Manche schlagen gar die Entvölkerung solcher Gegenden vor. Für Kerstin Finger ist das keine Lösung, sie sagt: Sie würde ihr Leben als Landärztin mit niemandem tauschen, lobt die Kleinstadt mit ihren kurzen Wegen, die Nähe zu Nachbarn und Freunden, die Natur.

Im Frühjahr lud Angela Merkel die Zahnärztin als Expertin zum Demografie-Gipfel nach Berlin, Kerstin Finger wurde zum Motiv einer Anzeigenkampagne der Bundesregierung: “Jedes Alter zählt”. Ihre Antwort auf die demografische Frage klingt jedoch anders als das, was die Bundesregierung in einer aktuellen Studie gerade erforschen ließ. Diese erklärt wirtschaftliches Wachstum zum wichtigsten Faktor gegen Bevölkerungsschwund und Überalterung. Kerstin Finger dagegen sagt: “Was wir brauchen, ist vor allem Deprofessionalisierung”. In Pflege beispielsweise werde schon bald nicht mehr alles von Experten geleistet werden können, nicht nur aus ökonomischen Gründen. “Einer Mutter verlangt man ja auch kein Diplom ab, wenn sie ihrem Kind ein Pflaster aufklebt.” In der medizinischen Versorgung brauche es andere, maßgeschneiderte Lösungen.

Eines davon ist die “rollende Zahnarztpraxis”. Ihre Patienten, sagt Kerstin Finger, seien Menschen, die mehr zum Zahnarzt kommen könnten – oder sich aus Scham nicht wagten. “Manche haben kein Geld für das Taxi oder glauben, sie könnten es sich wegen der gestiegenen Zuzahlungen den Zahnarzt nicht mehr leisten, andere sind zu krank oder einfach zu gebrechlich.”

So kommt sie jeden Dienstagmorgen mit ihrem weißen Lieferwagen in die Dörfer. “Zahnärztlicher Hausbesuchsdienst”, steht außen daran, im Innern befindet sich alles, was ein Zahnarzt heute braucht. Wichtigstes Element ist die tragbare Einheit, die “Bohrmaschine”, Kerstin Finger klingt ein bisschen wie ein Handwerker, wenn sie davon spricht. Tatsächlich stammt ein Teil ihrer Ausrüstung aus dem Baumarkt, etwa die Aufbewahrung fürs Material. Nichts durfte teuer sein an ihrem Projekt, das war von Anfang an klar. Die Pauschalen der Kassen für Hausbesuche deckten die Kosten bei weitem nicht. Ihren Lebensunterhalt sichere ihre Praxis in Templin, sagt die Ärztin.

Die zahnmedizinische Einheit wiegt rund 17 Kilo und ist kein Designermodell, sondern wurde für den Einsatz in Entwicklungsländern entwickelt. Der Hersteller in Bayern, erzählt Kerstin Finger, sei erstaunt gewesen, eine Anfrage aus Deutschland zu bekommen. “Aber ich sagte ihm, hier in der Uckermark haben wir eben auch eine Art Entwicklungsland.”

Wenngleich die Entwicklung einen anderen Verlauf nimmt, als das Wort nahelegt. Kerstin Finger hat selbst miterlebt, wie sich Templin und die Dörfer rundum veränderten, im Guten wie im Schlechten. In den 80er-Jahren wurde sie aus Rostock nach Templin “verdonnert”, wie sie sagt – sie hatte keine Wahl. “Die Chancen, sich auf dem Land weiter zu qualifizieren, standen schlecht.” Sie blieb dennoch, auch, als sich nach der Wende die Polyklinik auflöste. “Das war die Chance, mich selbstständig zu machen.”

In den ersten Jahren nach der Wende heilte sie gewissermaßen das, was die DDR hinterlassen hatte. “Die Zähne waren wegen des Materialmangels deutlich schlechter”. Dann aber wurden die Patientenzahlen weniger. “Irgendwann waren eben alle grundversorgt”, sagt sie. Außerdem zogen jungen Leute weg – auch ihre eigenen Kinder, 31 und 26 Jahre alt, leben heute in Berlin und Stuttgart. Vor einigen Jahren, sagt sie, “fiel mir in der Praxis auf, dass viele ältere Patienten kamen einfach nicht mehr kamen”.

Kerstin Finger sagt: “Ich muss auch mal quackeln, mal fragen: Wie geht es Oma?” Ihr sei eine Beziehung zu den Patienten wichtig. Auch wenn diese Zeit im Budget der Krankenkassen nicht vorgesehen ist. Darin, sagt die Zahnärztin, sei ihr der Großvater ein Vorbild, der in Pasewalk eine Zahnarztpraxis hatte. “Er rezitierte seinen Patienten Wilhelm-Busch-Verse, um ihnen die Angst zu nehmen”, sie lacht.

Der Zahnarzt als Menschenfreund? Der Beruf ist nicht unbedingt dazu angetan, Vertrauen zu wecken. Kerstin Finger sieht es als Herausforderung. Die Zähne, der Mund, seien der “Kulturraum” des Menschen, “ohne ihn können wir nicht essen, nicht lachen, nicht küssen”, sagt sie. Als Kulturwissenschaftlerin hat sie sich mit dem Thema befasst. Als Ärztin hat sie ihren Weg gefunden, ihren Patienten auch im übertragenen Sinn “auf den Zahn zu fühlen”.

Die erste Patientin, die sie zuhause behandelte, hatte Multiple Sklerose. “Ihr Mann pflegte sie vorbildlich, aber er konnte sie nicht zur mir bringen. Also fuhr ich einfach hin.” Damals allerdings kam sie noch ohne mobile Behandlungseinheit. “So musste ich der Frau einen Zahn ziehen, der man hätte retten können.” Von der Idee mit der mobilen Einheit bis zum Start brauchte Kerstin Finger eineinhalb Jahre Überzeugungsarbeit. Ohne öffentliche Förderung konnte sie das Projekt nicht finanzieren. “Aber meine Idee passte nicht in die Richtlinien”, sagt sie. “Es sollte zwar Geld für die mobile Einheit geben, aber nicht für das Fahrzeug, um sie dann auch zu transportieren.” Sie lacht, es klingt absurd.

Bürokratie, starre Richtlinien, der durch Kostendruck getriebene Konkurrenzkampf der versorgenden Systeme – es gibt viele Gründe, warum gute Ideen nicht umgesetzt werden. Kerstin Finger meint: Im Umgang mit dem demografischen Wandel solle man zunächst auf die Ermutigung zur Selbsthilfe setzen, auf die Förderung von bürgerschaftlichem Engagement – und auf praxisnahe Lösungen, “ohne die Menschen zu bevormunden”. Das ist es, was sie mit “Deprofessionalisierung” meint. Da wird noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten sein.

Auch sie selbst, sagt sie, habe lange Zeit die Ökonomisierung für den einzigen Weg gehalten, um die medizinische Versorgung zu sichern. Sie war vier Jahre lang stellvertretende Bundesvorsitzende des Freien Verbandes deutscher Zahnärzte, damals mit 25.000 Mitgliedern, verbrachte viel Zeit in Berlin. Kurzfristig arbeitete auch als Zahnärztin dort – in einer Privatklinik an der Friedrichstraße. Sie lacht. “Aber das war nichts für mich. Ich behandelte steinreiche Privatpatienten, aber mir kam dort das zu kurz, was ich bei meinem Großvater gesehen hatte.”

Und dann sagt sie einen Satz, der für sie als Ärztin gilt, aber ebenso für eigentlich alle, die sich mit den Folgen des demografischen Wandels befassen: “Ich muss wissen, wie es allgemein um die Menschen steht, um sie richtig zu behandeln.”

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