Kommt eine “Occupy-Bewegung im Gesundheitswesen”?

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Viele junge Ärzte wollen nicht mehr arbeiten wie ihre Altvorderen. Doch eine Rebellion gegen Ökonomisierung erwächst daraus nicht.

Ökonomische Zwänge im Arbeitsalltag frustrieren viele Ärzte. Kommt eine “Occupy-Bewegung im Gesundheitswesen”, die sich gegen die Ökonomisierung wehrt?

Eine Diskussion des Marburger Bundes in Schleswig-Holstein zeigte, dass trotz zunehmender Unzufriedenheit damit nicht zu rechnen ist.

Ein “schleichendes Unbehagen” hat die scheidende MB-Vorsitzende Dr. Hannelore Machnik bei ihren Kollegen in Zusammenhang mit der Ökonomisierung ausgemacht.

Die Ärztekammer im Norden hat zu diesem Thema ein eigenes Gremium eingerichtet. Dr. Kai Wehkamp vom Uniklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) sieht die Zeit reif für einen DRG-Ethik-Kodex, wie er in einer Diskussion des MB in Bad Segeberg sagte.

Die Liste der Beispiele, dass die Ökonomisierung den Ärzten zunehmend Probleme bereitet, ließe sich fortsetzen. Fest steht, dass Ärzte in Praxis und Klinik täglich über ökonomische Zwänge stöhnen. Ist die Ökonomisierung schon ein Risiko für ärztliche Werte?

Kommt Gegenbewegung auf?

Die Diskussion hierzu zeigte, dass viele Ärzte diese Gefahr sehen, sich aber nur selten dagegen wehren. Professor Heiner Raspe von der Lübecker Universität glaubt, dass in erster Linie von Bürgern und der jungen Ärztegeneration Gegenwehr gegen ein Diktat der Ökonomisierung zu erwarten ist.

“In der neuen Generation haben viele keine Lust mehr, Medizin so zu betreiben, wie wir es beklagen”, sagte Raspe.

Ob daraus eine wirksame Gegenbewegung entstehen kann, blieb in der Diskussion unbeantwortet. Auch Machnik hat besonders in der nachrückenden Ärztegeneration eine hohe Bereitschaft beobachtet, sich mit diesem Thema zu befassen.

Ob dies allerdings gleich zu einer Systemabkehr führen wird, bezweifelte ihr Nachfolger im Amt, Dr. Henrik Herrmann. Dafür kommt die Diskussion nach seinem Eindruck 15 Jahre zu spät.

Petra Struve, Ärztliche Direktorin der imland Kliniken Rendsburg und Eckernförde, verwies auf die Heterogenität der Ärzteschaft, die ein geschlossenes Auftreten wohl nicht zulässt. Sie hält es für fraglich, ob sich etwa jeder Arzt einem DRG-Ethik-Kodex unterwerfen würde.

Landesärztekammern sollen Thema forcieren

Unstrittig ist für sie auch, dass Ökonomie zu Recht einen Platz in der Medizin beansprucht – und dass Ärzten Kenntnisse der betriebswirtschaftlichen Abläufe helfen können.

Sie ist zuversichtlich: “Ich glaube nicht, dass Widersprüche zwischen Medizin und Ökonomie nicht aufzulösen sind.”

Wie schwer sich aber nicht nur Ärzte, sondern auch Öffentlichkeit und Politik mit dem Thema tun, zeigte Raspe in seinem Vortrag über Priorisierung, wie sie etwa in Schweden gesellschaftlich akzeptiert ist.

Raspe kritisierte, dass schon eine Diskussion darüber in Deutschland negativ besetzt ist. Er sieht auch die Landesärztekammern in der Verantwortung, dieses Thema zu forcieren. (di)

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