Gladenbacher Zahnarzt arbeitet in Namibia

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HILFSEINSATZ “Waar is die pyn?” / Carsten Wenzel hilft ehrenamtlich

Gladenbach. 1200 Patienten haben er und seine drei Kolleginnen behandelt – in nur zehn Tagen. Das Thermometer zeigte dabei 35 Grad und mehr an. Diese Zahlen sind ein kleiner Beleg für den nicht alltäglichen Einsatz von Dr. Carsten Wenzel. Der Gladenbacher Zahnarzt arbeitete ehrenamtlich in Namibia. Das Land und die Menschen im Süden Afrikas haben den Mediziner tief beeindruckt.

Lebensfreude im Süden Afrikas. … | Foto: privat

Der Schwarze Kontinent ist für Carsten Wenzel kein unbekanntes Terrain. Drei Jahre lebte er in Kenia, arbeitete dort als Tauchlehrer und absolvierte später als Zahnarzt auch Hilfseinsätze in Ostafrika. “Bisher dachte ich: Kennst du ein Land in Afrika, dann kennst du die meisten. Doch jetzt bin ich eines Besseren belehrt worden”, gibt Wenzel zu.

Trotz der anstrengenden Arbeit … | Foto: privat

Namibia orientiere sich sehr an Südafrika, die europäischen Einflüsse seien unverkennbar – auch die deutschen, bedingt durch die Geschichte. Unter der Herrschaft des Deutschen Reiches wurde das Land einst zur Kolonie Deutsch-Südwestafrika. “Doch von einer Deutschfeindlichkeit oder einer anderen Fremdenfeindlichkeit habe ich nichts gespürt”, betont Wenzel. Im Gegenteil: “Die Menschen in Namibia sind sehr offen, es ist ein sicheres Land.”

Bei seiner Erkundungstour stieß der Arzt immer wieder auf deutsche Spuren

Als die Hilfsorganisation “Zahnärzte ohne Grenzen” einen Aufruf gestartet und nach Helfern für Namibia gesucht hat, stand für Wenzel schnell fest: Dort mache ich mit. In ein fernes Land zu fahren, in dem auch Deutsch gesprochen wird, habe ihn sehr interessiert. Namibia ist fast zweieinhalb Mal größer als Deutschland, es leben aber nur 2,1 Millionen Menschen in dem seit 1990 unabhängigen Staat.

Bevor er sich zusammen mit seinem Team der zahnmedizinischen Versorgung und der Prävention widmete, nahm sich der Arzt noch vier Tage Zeit für sein eigenes “Abenteuer Namibia”. Mit einem Mietwagen reiste er durch das Land, lernte Menschen, Natur und Kultur kennen. “Es war wunderschön – so viele unterschiedliche Bilder, die unendliche Weite, die Wüste, die Farbenspiele der Natur, die Tiere”, schwärmt Wenzel. Er stieß auch immer wieder auf deutsche Spuren. So wurde in der “Seebad-Konditorei” zum Mittag Fleischkäse mit Kartoffelsalat serviert. Im Herzen des Küstendorfes Swakopmund liegt das historische Hotel “Prinzessin Rupprecht” – ebenso wie die Adler-Apotheke. “In den Highschools wird Deutsch unterrichtet”, weiß der Mediziner durch seine Besuche in mehreren Schulen.

Neben Wenzel beteiligten sich noch zwei Zahnärztinnen und eine Helferin aus Deutschland an den medizinischen Einsätzen. Der Gladenbacher fungierte als Gruppenleiter. “Wir kannten uns vorher nicht und hatten den ersten Kontakt in Namibia”, erzählt Wenzel.

Vom Flughafen in der Hauptstadt Windhoek aus machte sich das Team auf die Reise in den Norden nach Grootfontein. Das dortige Krankenhaus diente den Zahnärzten als Basisstation für ihre Arbeit. Morgens um 8 Uhr begann der Dienst, entweder in Grootfontein oder in einem Ort weit außerhalb. Knapp 5000 Kilometer legte Wenzel in den drei Wochen in Namibia mit dem Auto zurück, den Großteil auf einfachen Sandpisten. “Das fährt sich wie auf Eis und Schnee.” Während der Winter Deutschland in Beschlag hat, herrscht in Namibia Sommer. Beim Abflug zeigte das Thermometer -15 Grad, bei der Ankunft auf der Südhalbkugel +37 Grad.

Die unterschiedlichsten Stämme (Herero, San) lernten die Zahnärzte aus Deutschland während ihres Aufenthalts kennen. “Wir sind in Gebiete gekommen, die ein Tourist nie sehen würde”, erzählt Wenzel.

Um das Eis zu brechen und möglichst schnell einen Kontakt zu seinen Patienten aufzubauen, lernte Wenzel auch ein paar Brocken der Landessprache. Am häufigsten stellte er wohl die Frage: “Waar is die pyn?” Das ist Afrikaans und bedeutet: “Wo ist der Schmerz?”

Die Zahnbürste ist vielen in Namibia fremd – geputzt wird mit Wurzeln

“An zehn Tagen haben wir 1200 Patienten behandelt”, berichtet der Zahnarzt. Ohne ein gutes Teamwork und Kompromissbereitschaft sei ein solches Pensum in einer Extremsituation nicht zu bewältigen. Sich zurücknehmen und auf das Wesentliche besinnen, nämlich das Helfen – darauf komme es an. Trotz aller Professionalität: Der Einsatz ist auch mit einigen Risiken für die Helfer behaftet. Die Gefahr, sich mit HIV oder Tuberkulose zu infizieren, ist immer gegeben.

Mit “Extraktion” umschreibt Wenzel knapp seine Hauptaufgabe in Namibia. Also Zähne ziehen. “Wir haben in der Zeit nur vier Füllungen gemacht.” Ganz so dramatisch, wie zunächst befürchtet, sei es um die Zahnhygiene im Süden Afrikas aber gar nicht bestellt. “Weil vor allem in den armen Regionen des Landes die Menschen wenig Zugang zum Zucker haben”, erklärt der Mediziner. Eine Zahnbürste würden viele zwar nicht kennen. Stattdessen dienen Wurzeln zum Zähne putzen. Deshalb hat das Team in Schulen auch Aufklärungsarbeit geleistet, um Kindern das Bewusstsein für eine richtige Zahnpflege zu wecken.

Von seiner Arbeit berichtete Wenzel sogar während eines Live-Interviews beim Sender “Hitradio Namibia”. Das Gespräch mit dem Radiomoderator verfolgte seine Frau Claudia zu Hause im Hinterland über das Internet. Die Lehrerin ließ auch ihre Schüler teilhaben an der Arbeit ihres Mannes und zeigte in ihrer Klasse Fotos aus Namibia, die der Gladenbacher Zahnarzt aus Afrika schickte.

Das Leben in Deutschland mit all seinen Vorzügen will Carsten Wenzel nicht missen. Doch die Erlebnisse während eines solchen Hilfseinsatzes machen es ihm leichter, sich wieder auf das Wesentliche zu besinnen. “Du kommst geerdet wieder, die Relationen werden gerade gerückt.” Namibia hat bei ihm viele unvergessliche Eindrücke hinterlassen. Deshalb hat sich Wenzel fest vorgenommen: “Dieses Land wird mich noch einmal sehen – als Tourist!”

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