Prof. Dr. Achim Peters: Übergewicht entsteht im Kopf – Ess-Störungen aus Sicht der Hirnforschung

by
Prof. Dr. Achim Peters
Prof. Dr. Achim PetersKrankhaftes Übergewicht und seine Folgeerkrankung Diabetes stellen die Gesundheitsversorgung in den Industrieländern vor enorme Herausforderungen. Noch immer ist nicht zweifelsfrei geklärt, wie diese Zivilisationskrankheiten entstehen. Und auch Präventions- und Therapiemaßnahmen bleiben weit hinter den Erwartungen zurück. Neueste Lösungsansätze aus der Hirnforschung stellte Achim Peters, Professor an der Universität zu Lübeck, in einem Vortrag der Reihe “exkurs-Einblick in die Welt der Wissenschaft” vor.
Selfish Brain-Theorie: Adipositas und Diabetes bess er verstehen Wodurch entsteht Übergewicht wirklich?
Nach der Se lfish Brain-Theorie des Lübecker Wissenschaftlers Achim Peters durch Störungen in de r Energieversorgung des Gehirns. Ein interdisziplinäres Forscherteam unter Peters Le itung hat den hochinnovativen Erklärungsansatz experimentell belegt und entwickel t nun geeignete Therapieformen. „Weltweit einzigartig“ nennt die Deutsche Forschung sgemeinschaft die Arbeit der Wissenschaftler. Als junger Student gewann er den Bundeswettbewerb M athematik. Neurobiologische Prozesse macht er in Form von Differentialgleichungen fassba r und berechenbar. Prof. Dr. Achim Peters von der Universität zu Lübeck beschäftigt sich gern mit hochkomplexen Systemen. Die Frage allerdings, die ihn auf der Spur der ersten neurobi ologischen Erklärung von Übergewicht und Diabetes-Typ-2 brachte, war genau betrachtet eine r echt einfache. „Mich interessierte, was mit der durch die Nahrung aufgenommenen Glukose (Traubenzuc ker) im Körper letztendlich passiert“, erklärt der 51jährige Diabetologe im Rückblick. „Ic h rekonstruierte den Verlauf der Lieferkette der Energie im menschlichen Organismus über den bisheri gen Wissensstand hinaus.“ Und machte dabei eine bahnbrechende Entdeckung. Das selbstsüchtige Gehirn Peters wertete rund 5.000 Datensätze zur Diabetolog ie und den Neurowissenschaften aus, stellte mathematische und systemtheoretische Modelle auf, b esprach sich mit Kollegen und Kapazitäten aus dem In- und Ausland aus den Bereichen Stressfor schung, Hirnforschung, Psychiatrie und Neurobiologie. Ergebnis war 1998 die Grundlegung de r „Selfish Brain“-Theorie, der Theorie vom selbstsüchtigen oder egoistischen Gehirn. Ihre Kern these fasst Peters so zusammen: „Das Ende der Energielieferkette ist das Gehirn. Es organisie rt die Energieversorgung des Körpers so, dass es seine Bedürfnisse als größter Endkonsument von G lukose befriedigen kann.“ Bei einem Anteil von nur 2% am Körpergewicht verbr aucht das Gehirn 50% des täglichen Glukose-Bedarfs eines Menschen – in belastenden Str esssituationen sogar 90%. Peters und seine Kollegen konnten experimentell nachweisen, da ss sich in Belastungssituationen mit Über- und Unterangebot von Glukose im Blut die hochenergi ereichen Substanzen im Gehirn auf Kosten derer im Muskelgewebe entwickeln. Seinen hohen Beda rf deckt das Gehirn, indem es sich im übertragenen Sinne selbstsüchtig verhält. „Das Gehi rn steht mit den anderen Organen im Wettbewerb“, erläutert Peters, „es beschafft seine Energie durch Allokation, durch Umverteilung: Anderen Organen wird Glukose entzogen, um diese sel bst zu verbrauchen.“ Stau in der Lieferkette: Adipositas und Diabetes Zumindest gilt das für einen gesunden Organismus. A uf Anomalien der Energieversorgung des Gehirns führt Peters Erkrankungen zurück, von denen viele Millionen Menschen weltweit betroffen sind: Adipositas und Diabetes-Typ-2. „Dann liegt vo r, was Logistiker einen ;Stau in der Lieferkette’ nennen“, verdeutlicht Peters. Eine Schwächung des s ympathischen Nervensystems löst Allokationsversagen aus: Nur ein geringer Teil der Energie gelangt zum Gehirn, der überwiegende Teil häuft sich stattdessen im Fett- und Muskelgewe be an. Für das von Unterversorgung bedrohte – 2 – Gehirn wird Energie durch akute Nahrungsaufnahme be schafft. Es wird gegessen, obwohl der Körper bereits gesättigt ist. Ein Teufelskreis begi nnt, denn wieder gelangt nur sehr wenig Glukose zum Gehirn, während die Fettpolster sich weiter auf füllen. Das Krankheitsbild der Adipositas stellt sich ein. Mehr noch: Wenn die Speicher voll sind, a kkumuliert sich die Glukose im Blut. Es kommt zu Hyperglykämie, Überzuckerung – und zu Diabetes-T yp-2. Die Ursachen sieht Peters in Störungen der Hirnregi onen Amygdala, Hippocampus und Hypothalamus: „Das Gehirn ist gleichsam nicht mehr Herr im eigenen Haus. Die Befehle der hierarchisch höchsten zerebralen Hemisphären werden von untergeordneten Instanzen nicht richtig ausgeführt.“ Dafür können physische wie psy chische Beeinträchtigungen verantwortlich sein. Es können mechanische Defekte (Tumore, Verlet zungen) vorliegen, Gen-Defekte, eine Malprogrammierung (posttraumatische Belastungsstöru ngen, Konditionierung von Essverhalten, Werbung für Süßigkeiten) oder Falsch-Signale durch Antidepressiva, Drogen, Alkohol, Pestizide, Süßstoffe oder Viren. Negativ beeinflusst werden davon das Orientierungsvermögen, die Fortpflanzungsfähigkeit und natürlich das Essverhal ten. Andererseits erscheint Peters das Verhalten als der Schlüssel zu einer neuartigen Therapie – wenn es nämlich nachhaltig verändert werden kann. A ls Beispiel nennt er den bei adipösen Patienten beobachteten Zusammenhang zwischen der Ve rmeidung von Konflikten und dem Konsum von Süßigkeiten. „Das defensive Verhalten un d die direkte Zufuhr von Glukose verhindern, dass das Stresssystem richtig arbeitet und Glukose allokiert wird.“ Helfen könne hier eine umfassende Verhaltenstherapie, die die Vielfal t sozialer Interaktionsmöglichkeiten auch in Stressituationen reaktiviert. Die Möglichkeit dazu gibt die Plastizität und Lernfähigkeit des Gehirns selbst. „Andernfalls wird für die Betroffenen Essen , ohne hungrig zu sein, die monotone Antwort auf jedes Problem“, resümiert Peters. Die Bedeutung der Selfish Brain-Forschung Seit 2004 arbeitet unter Peters ́ Leitung die von d er DFG geförderte Forschergruppe „Selfish Brain: Gehirn-Glukose und metabolisches Syndrom“ in einem interdisziplinären und international besetzten Wissenschaftler-Team mit 18 Projektleiter n an der Weiterentwicklung der „Selfish Brain“-Theorie – und unter dem Stichwort „Train the brain“ auch an innovativen Therapiekonzepten. Als „weltweit einzigartig“ bezei chnete die Deutsche Forschungsgemeinschaft in einem Zwischenbericht die Arbeit der Wissenschaf tler an der Universität zu Lübeck. Erfreut zeigt sich Peters auch über die positive Reaktion d er Medien und vieler Kollegen und Weggefährten, insbesondere in den europäischen Nach barländern, die teilweise bereits auf den Ergebnissen von Peters aufbauen. Angesichts der Inn ovationskraft ausländischer Hochschulen sieht er die „Selfish Brain“-Theorie als einen wich tigen wissenschaftlichen Beitrag zur Bekämpfung von krankhafter Fettleibigkeit. Der Erklärungsansatz der klassischen Diabetologie, wonach Adipositas durch Störungen im Blutzucker- und Fettregelkreislauf ausgelöst wird, sollte nach Peters Auffassung angesichts theoretischer Widersprüche und therapeutischer Prob leme im Lichte jüngster neurobiologischer Erkenntnisse gründlich überprüft werden. „Scheukla ppen-Denken darf nicht dazu führen, dass Deutschland bei der Behandlung der Volkskrankheiten Adipositas und Diabetes hinterherhinkt“, warnt Peters. Allein in Deutschland sind nach offiz iellen Schätzungen 39 Millionen Menschen adipös. Den Krankenkassen entstehen dadurch jährlic he Kosten in Höhe von 216 Millionen Euro.
Kontakt: Prof. Dr. Achim Peters Tel.: 0451-500-3546 Email: achim.peters@uk-sh.de

Tags:

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s


%d bloggers like this: