18 Implantaten in einem Aufwasch

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Es hätte eine Totalsanierung des Gebisses werden sollen – mit 18 Implantaten in einem Aufwasch. Weil am Ende ein völliges Fiasko stand, wurde ein Zahnarzt am Dienstagabend nach viereinhalbstündiger Verhandlung am Kitzinger Amtsgericht zu einer Geldstrafe von 48 000 Euro verurteilt (120 Tagessätze zu je 400 Euro).

Die Leidensgeschichte von M. (Name geändert) nahm Anfang 2011 ihren Lauf. Der heute 66-jährige Mann stand kurz vor der Rente und hatte ein Problem: Er brachte es auf gerade mal noch zwei eigene Zähne, die Zeit war reif für eine Gebisssanierung von Grund auf.

Da traf es sich gut, dass ihm ein Angebot in die Hände fiel: Warum nicht alles auf einmal machen? Sich schnell von den letzten Zahnstümpfen trennen, um dann auf einen Schlag 18 Implantate zu setzen.

Der Zahnarzt machte einen guten Eindruck und man wurde sich auch beim Preis einig: Um die 16 000 Euro sollte die Aktion kosten. Unter Vollnarkose ging der Eingriff schließlich im März 2011 über die Bühne.

Was danach passierte, treibt M. auch nach zwei Jahren noch während der Verhandlung vor Strafrichter Marc Betz die Tränen in die Augen. Es war so etwas wie Totalschaden, die Staatsanwaltschaft wird später in ihrem Plädoyer von einem „Supergau“ sprechen.

„Die Implantationen waren nicht brauchbar.“

Der Gutachter über die Arbeit des angeklagten Zahnarztes

Nach dem Eingriff setzten starke Blutungen ein. Acht Tage lag M. mit schlimmen Schmerzen im Bett. Dazu kam, dass das Provisorium Probleme bereitete und „wie bei einem Pferd nach vorne klappte“. Was M. mit „unerträglicher Zustand“ beschreibt, war die Hölle: Rund um die Provisorien fing es an zu eitern, Entzündungen allerorts, alles wackelte. Der Tipp aus der Praxis, es mit Medikamenten und Geduld zu versuchen, funktionierte nicht. Beides war bald aufgebraucht. Schließlich machte sich der Geplagte auf zu einem anderen Zahnarzt, der die Reißleine zog: Alles wieder auf Anfang, aus beiden Kiefern wurden die Stifte entfernt.

Was bei dieser Kurzzusammenfassung nicht deutlich wird: M. war fast ein Jahr außer Gefecht gesetzt. In dieser Zeit konnte er nichts Festes essen – das Leben war für ihn nur noch püriert. Unter Menschen wagte er sich auch kaum noch, zu sehr schämte er sich für sein Aussehen.

Ausgestanden ist das Thema bis heute nicht: Vergangenen Juni wurden im Unterkiefer zwar neue Implantate nach einem anderen Verfahren gesetzt, auf dem Oberkiefer aber sitzt weiter nur eine Prothese. Einen weiteren Eingriff dort traut er sich nicht, weil da „immer noch Schmerzen“ sind.

Nachdem der neue Zahnarzt sein Gutachten geschrieben hatte, ging M. zur Polizei und erstattete Anzeige gegen den Mann, der ihm das angetan hat.

Der sitzt nun auf der Anklagebank und ist sich keiner Schuld bewusst. Bei seinen Implantaten habe „die erforderliche Stabilität gestimmt“. Der Eingriff selber „lief so, wie ich mir das vorgestellt habe“, auch wenn „die Knochenqualität an einigen Stellen nicht ausreichend“ gewesen sei.

Der Zahnarzt beteuert: Er habe alles wie immer gemacht. Er implantiere immerhin schon gut 27 Jahre und das derzeitige Verfahren wende er – weil kostengünstig – seit fünf Jahren an. Allein in diesem Jahr habe er bereits um die 290 Implantate gesetzt – er sei also „alles andere als ein blutiger Anfänger“.

Genau das aber werfen ihm der zweite Zahnarzt sowie der vom Gericht bestellte Gutachter vor. Zahnarzt Nummer zwei sagt aus, „dass eine ganze Menge nicht in Ordnung“ gewesen sei. Aus seiner Sicht sei „keine Erhaltung“ möglich gewesen, weil die Implantate „keine Stabilität“ gehabt hätten. „Typischer Anfängerfehler“, notierte er später im Behandlungsprotokoll. Und noch etwas steht da: Beim Entfernen sei ihm dann das gesamte Konstrukt im Unterkiefer „entgegen gekommen“.

Der Gutachter findet ebenfalls deutliche Worte: „Die Implantationen waren nicht brauchbar.“ Das, was sich seinerzeit im Mund des Rentners befunden habe, sei schlechterdings „nicht heilbar“ gewesen. Zudem habe der Angeklagte keine Bohrschablone benutzt und sozusagen frei und nach Augenmaß gebohrt. Dabei sei eine Schablone, so der Gutachter, ais seiner Sicht „grundsätzlich unverzichtbar“.

In seiner Urteilsbegründung sprach das Gericht von „grob fehlerhaften Implantaten im Unterkiefer“, es sei „Bohren auf gut Glück“ gewesen, was der Angeklagte damals gemacht habe. Der Rentner habe deshalb „fast ein Martyrium“ erlitten.

Der Verteidiger hatte gegen den ursprünglichen Strafbefehl (90 Euro zu je 300 Euro) Widerspruch eingelegt, um jetzt Freispruch zu fordern. Die Umstände seien seiner Meinung nach doch eher „schicksalhaft“ gewesen und könnten seinem Mandanten nicht angelastet werden.

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